Der Verführer

Wie konnte ein ganzes Volk einem „Rattenfänger“ verfallen? Dieser schon oft gestellten Frage geht unter überzeugender Anwendung der Herrschaftsanalyse Max Webers Ludolf Herbsts „Hitlers Charisma“ nach. Und tatsächlich kann er einige neue Aspekte offen legen. Von Andreas Morgenstern

Eine Bemerkung ist der Besprechung gleich vornweg zu stellen: Autor Ludolf Herbst, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität, ist für Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias ein gehöriges Maß an Mut zu attestieren. Nicht etwa, weil er zu besonders ausgeprägten Polemiken neigen würde, sondern weil er sich mit einem höchst interessanten interdisziplinären Ansatz an ein Thema gewagt hat, in dem die Pfade nun wirklich schon breit ausgetreten sind. Herbst verbindet die Geschichtswissenschaft mit der politikwissenschaftlichen Herrschaftsanalyse nach Max Weber. In einer konsequent durchgezogenen Argumentationslinie zeigt er die Ausstrahlung Hitlers auf die Deutschen. Wie er zunächst die NSDAP zu „seiner“ Partei formte, so formte er anschließend die Deutschen zu „seinem“ Volk.

Nach der Niederlage des Kaiserreichs 1918 und dem damit verbundenen Ende der Monarchie formulierte Max Weber die Bedingungen legitimer Herrschaft. In kurzer Zeit ist diese Kategorisierung zum Klassiker aufgestiegen. Seine Dreiteilung in charismatische, traditionelle und legitime Herrschaft lernt noch heute jeder Student der Politikwissenschaft im Grundstudium kennen. Erstere dekliniert Herbst anhand des Charismas Hitlers auf seinem Weg zur Macht durch. Seinen Fokus legt er dabei zu Recht auf die frühen Jahre des noch vielfach unbekannten und vor allem unterschätzten „Führers“. Herbst analysiert Inhalt und Strategie der Reden. Erfolgreich war Hitler nur bedingt. Selbst innerhalb des süddeutschen Rechtsaußenspektrums blieb er zunächst Einer unter Vielen; die NSDAP eroberte er mit einer Erpressung, er drohte eine Spaltung der Partei an, deren Erfolg höchst unsicher war. Den Weg hin zur Ausschaltung aller anderen politischen Kräfte kennzeichnet Herbst als Mischung aus Lernbereitschaft und Fleiß, Kaltblütigkeit, einer beeindruckenden strategischen Konsequenz, aber auch dem Hang zum Vabanquespiel. Aus dem „Trommler“, der bis zum Putsch 1923 noch selbst nach dem „Erlöser“ suchte, stilisierte er sich selbst zum „Erlöser“.

Sinn für Symbolik

Hitlers größtes strategisches Pfund war sein Sinn für Symbolik. Partei und Person gewannen ein einzigartiges Profil. Die Abgrenzung vom Feind, der nun gleich zum „Volksfeind“ verdammt wurde, integrierte. Vereinfachend umfasste diesen nur noch eine Gruppe: die Juden. Alle weiteren Gegner verbanden die Nationalsozialisten stets mit dem Adjektiv „jüdisch“. Der Kampf hatte sich vereinfacht, forderte aber mit seiner umfassenden Bedrohung aus allen Himmelsrichtungen geistige und praktische Führung, geradezu einen Erlöser. Hier gelingt es Herbst, diese Selbsterhebung anschaulich zu beschreiben.

Detailgenau beschreibt Herbst den Ablauf einer Parteiveranstaltung, die – geprägt von einer festen Choreographie – von Aachen bis Königsberg das gleiche Schauspiel bot. Ausgebildete Redner ließen die stets gleichen, sorgfältig ausgewählten Parolen auf die Menschenmengen niederprasseln. Den Höhepunkt stellte ein Besuch Hitlers dar. Um den Spannungsbogen zu erhöhen erst mit Verspätung beginnend, schuf er mittels eingeübter Formulierungen und Gesten – dabei überwand er die Distanz zum Publikum unter anderem durch den Verzicht auf eine Redepult– das Gefühl einer unüberwindbaren Einheit zwischen Volk und „Führer“. Handschlag und direkter Augenkontakt mit den wichtigen Regionalführern erweckten den Eindruck bedingungsloser Loyalität dem Führer gegenüber. Das Charisma war „gemacht“. Solch moderner Propaganda hatte die Konkurrenz nichts entgegenzusetzen.

Nüchternes Kalkül

Herbst beschreibt einen nüchtern kalkulierenden Parteipolitiker ebenso wie eine bürokratisch-moderne Parteiorganisation. Mithilfe ihm unbedingt ergebener Genossen hob er sich aus dem Alltag heraus, wodurch erst die Veralltäglichung des erfundenen Charismas Hitlers möglich wurde: Er teile als Weltkriegsgefreiter die Erfahrungen des gemeinen Volks, habe daraus aber entscheidende Schlüsse zur Rettung Deutschlands gezogen.

Es zeichnet sich somit der folgende Schluss ab: Eine wachsende Parteimasse und schließlich ein ganzes Volk folgten Hitler Schritt für Schritt nach, bis es ihm verfallen war. So zwingend diese These im Groben belegt ist, muss als Malus doch angeführt werden, dass Herbst die Fälle der Abwendung vom „Führer“ nicht benennt, die es bei dieser Unbedingtheit geradezu zwingend auch geben muss. Erinnert sei hier nur an den Freiburger Helmut Klotz, der zu den Hetzern des Putschversuchs von 1923 gehörte, aber anschließend den zunehmenden Führerkult monierte und schließlich dank seiner intimen Parteikenntnisse ein gefürchteter Regimegegner wurde. Die vielfältigen Gründe für die Abwendung, ein feststellbares Abebben der Wirkung des Charismas Hitlers, bleiben so leider unklar. Hiervon abgesehen, ist Herbsts neues Werk rundherum lesenswert. Neben die zahlreichen Ansätze zur Erklärung des Dritten Reichs, erinnert sei nur an die „Wohlstandsthese“ Götz Alys in „Hitlers Volksstaat“ oder Ian Kershaws Beschreibung eines erst spät verwandelten Hitler in seiner mehrbändigen Hitler-Biographie, tritt ein weiteres, bisherigen Forschungspositionen teilweise entgegenstehendes Puzzleteilchen zur Erhellung der Gründe des nationalsozialistischen Erfolgs. So erstaunlich es klingt, über Adolf Hitler scheint doch noch nicht alles gesagt zu sein.

Herbst, Ludolf: „Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias“
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2010, 329 Seiten
ISBN 978-3100331861, 22,95 Euro.


Die Bildrechte liegen beim S.Fischer Verlag und beim Deutschen Bundesarchiv.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Ein gigantischer Raubzug

70 Jahre danach

Kein brauner Sumpf im EU-Parlament

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.