Der Kabarettist als Verhüllungskünstler

In seinem aktuellen Soloprogramm macht Alfred Dorfer Satire zum Erzählexperiment. Es handelt von der österreichischen Résistance, dem trojanischen Frieden und von sich selbst. Von Angela Kirschbaum und Torsten Müller

„Best of“ ist die falsche Bezeichnung für das neue Soloprogramm von Alfred Dorfer, das am 9. November 2010 im Münchner Lustspielhaus Weltpremiere feierte. Nach über 25 Bühnenjahren hat Österreichs Vorzeigekabarettist Inventur gemacht und aus Versatzstücken ein neues Programm kompiliert. bisjetzt spannt den Bogen von den Anfängen mit der Gruppe „Schlabarett“ über die Kollaborationen mit Josef Hader zu Dorfers Soloprogrammen. Dabei wird sein Satireverständnis deutlich.

Alfred Dorfer ist noch bis Dezember mit seiner politischen Satiresendung DorfersDonnerstalk im ORF zu sehen. Das ist sein Format für die Tagespolitik. Auf der Bühne dagegen sucht er nach größeren Zusammenhängen. „Der ein oder andere mag vielleicht die Tagespolitik vermisst haben – ich nicht.“ An diesem herausfordernden Abend geht es um Allzumenschliches und um die großen Themen Wahrheit, Liebe und Tod. Unterstützt wird Dorfer von den Musikern Peter Hermann, Lothar Scherpe und Günther Paal alias Gunkl, der auch als Satire-Sparring-Partner assistiert.

Erzählexperiment

Bereits der Einstieg ist experimentell. Wie soll man den Abend beginnen, fragt Dorfer sich und das Publikum. Über was soll man reden? Über Gedanken vielleicht? – „Aber wenn ich nur denke, dann haben Sie nix davon“. Sogleich leitet ein schweigender, nachdenklicher Kabarettist in die erste musikalische Einlage über. Schon wieder eine Enttäuschung – alles nur Illusion, Playback. Hier wird eine Geschichte erzählt, nicht die Wahrheit. Schnell ist klar, es handelt sich um ein Erzählexperiment: Anfänge wiederholen sich, eine logische Struktur ist nur zu erahnen, Dorfer vermischt die Genres. Frühe, fast dadaistische Sketche, wie die Drei Könige, stehen neben Szenen aus dem Kinoerfolg Indien und Gesangseinlagen, die an Varieté erinnern.

Das Programm gleicht einem Stakkato aus Kalauern und Wortdrehern, die scheinbar willkürlich aufeinander folgen: „Ein Seminar ist kein Halbverrückter“; „Ich bin auf dem Campingplatz gezeugt, also aus der Zeltteilung entstanden“; „Wenn der Weg das Ziel ist, ist das Ziel dann weg?“ Das sind Treppenwitze, die zum Denken anregen und den Rhythmus vorgeben. Es wird sich zeigen, dass dies mehr ist als nur Comedy.

Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

In der ersten Hälfte des Stückes verstrickt Dorfer seine biographischen Eckdaten mit der Geschichte Österreichs. Die Politik ist hier notwendiges Übel der Erzählung. 1968 kommt er in die Schule, die 70er sind die Zeit der Sozial- und Schulreformen. Nach der Matura in den 80ern rufen Bundesheer und Studium. Das Erwachsenwerden beschreibt er als surreale Alpenwanderung. Kaum auf dem Gipfel angelangt, nagt bereits der Zweifel. Hätte es nicht eine leichtere Route gegeben, einen anderen, schöneren Weg? Der Weg zur Midlife Crisis ist nun nicht mehr weit. Dorfer sucht nach Orientierung in der Vergangenheit. Woher also komme ich?

Doch der Blick in die österreichische Geschichte ist für Dorfer wenig erbaulich: Verdummte Politik allerorten. Auf die „große“ Habsburgerzeit folgte die Bedeutungslosigkeit, und 1938 „war man schließlich Opfer“. „Was, Sie haben noch nie etwas von der österreichischen Résistance gehört?“ Ebenso unbefriedigend ist der Blick in die Zukunft. Da bleibt nur die Hoffnung auf die Rente. Der Tod ist sowieso unaufhaltsam und zudem nicht bestechlich, schließlich ist er „mit Sicherheit kein Österreicher – oder Bayer“. Dorfer benötigt also eine „Versicherung“. Da gäbe es zum einen den Buddhismus, „dieses religiöse ‚Mensch ärgere Dich nicht‘, wo man jede Runde von vorne beginnt“, zum anderen den Islam, „diese Männerphantasie, wo die Frauen im Paradies noch die Hecken schneiden müssen“ – und natürlich den Katholizismus, „wo Kriminelle beim Jüngsten Gericht im Vorteil sind“.

Biografie – ein Spiel

Hier bricht die Chronologie ab. Jetzt, wo man einen klaren Blick auf die Biografie hat, beginnt die Reflexion darüber. Wie in Max Frischs Theaterstück Biografie – ein Spiel wird die Lebensgeschichte zum Experimentierfeld. Reicht dem Menschen ein Leben? Hätte alles auch anders kommen können?

Dorfer spielt jetzt einen verzweifelten, alkoholkranken Musiklehrer, der eigentlich Rockmusiker werden wollte. Er fühlt sich nur in der Musik frei und erzählt von den Ausbruchsversuchen aus seiner Geschichte. Die frühen Reisen nach Irland „wo sie so katholisch sind, dass sie nicht mal Gummireifen auf die Autos ziehen“, die Zeit als Skilehrer in Tirol, wo er als „ambulantes Hormon“ den ganzen Tag mit „Aufreißen und Rohre verlegen verbringt, als sei er Bauarbeiter“, doch letztlich an seinem schwächelnden „Kameraden“ scheitert. Es half alles nichts.

Immer dieses „Hättast, dadadst, wärast“! „Wenn der Papst nicht katholisch wäre, hätte er eine Schwulenbar.“ Jede Biografie sei ein Zufallsprodukt und rückwirkend unveränderbar. Geht es also letztlich nur darum, „mit den richtigen Leuten saufen zu gehen“? Die Erkenntnis der Zwangsläufigkeit des eigenen Lebenswegs führt Dorfers Figur in die Verzweiflung. „Erkenntnis und Euphorie verhalten sich zueinander umgekehrt proportional.“ Der Lehrer droht folglich mit Selbstmord.

Wozu Kabarett?

Wieder bricht die Erzählung ab. Es folgt die Reflexion über das Kabarett selbst. Für Dorfer ist Satire nicht zerlegbar in Theater, Kabarett oder Comedy. Er möchte sich nicht auf eine Gattung beschränken, sondern lieber zwischen den Genres wandern. Dorfer vereint fantasiereiche Pointen mit brillant vorgetragenen Liedern, die immer auch als Kommentar zu verstehen sind, und einem durch Dynamik und Zeitgefühl glänzenden Schauspiel. Entertainment ist für ihn Zweck, alles andere ein Mittel dazu. Die Kunst ist es, zu unterhalten. Aber ist das schon alles? „Kabarett, was kann das, warum gibt’s das?“

Dorfer erklärt das scheinbar zusammenhangslos, aber tiefgründig, mit dem Mythos vom trojanischen Pferd: Eines Tages steht ein seltsamer Gegenstand im Leben, gefüllt mit Politik, also Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Dummheit und so fort. Damit diese Büchse der Pandora nicht geöffnet wird und ihr brisanter Inhalt kein Unwesen treibt, wird sie sorgfältig und schön verhüllt. Es bleibt die Freude über die Verpackung und in Troja ist alles gut.

Die Geschichte vom trojanischen Pferd kennt man natürlich anders, aber hätte sie nicht auch so ablaufen können? Dorfer möchte die Politik nicht mit Satire entlarven, sondern mit Humor verhüllen, um so die Ängste vor ihr zu bewältigen. Das soll Kabarett! Darum geht es, nebst all dem rasanten Entertainment, in bisjetzt. Ob das Troja wohl wirklich gerettet hätte?


Die Bildrechte liegen bei Robert Peres (Montage), twicepix (Spuren) und txmx 2 (verhüllter Reichstag) und sind unter Creative Commons lizensiert.


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