Das Politische Verrenken

Der Sammelband Das Politische denken liefert eine oberflächlich gelungene Vorstellung postmoderner politischer Philosophien. Die harmonische Präsentation wirft jedoch Probleme auf – gerade weil sie nur wenige aufwirft. Von Markus Rackow

Beim Angriff der US-Armee 1944 floh der japanische Soldat Yokoi in den Urwald, wo er fast 30 Jahre lang ausharrend alle Berichte über das Kriegsende für US-Propaganda hielt. „Niemals aufgeben!“, hatte der Kaiser befohlen. Erst 1972 gab Yokoi auf und akzeptierte den offenbaren Wandel der Geschichte. So ähnlich muss es vielen linken Theoretikern nach 1968, erst recht aber nach 1989 gegangen sein, schien doch im Marxismus keine politische Wahrheit mehr zu stecken. Aus dem Frust über das ins Bürgerliche umgeschlagene Ereignis „1968“ nährt sich bei vielen Post-Theoretikern (im doppelten Sinn) die gedankliche Inspiration: Linkes Denken mittels linguistischer und Diskurstheorien.

Dieses Denken firmiert gerne unter dem schicken Modebegriff „Postmoderne“ oder  Etiketten wie zum Beispiel „Poststrukturalismus“, der einen tatsächlich schwer vereinbaren Theoriedschungel vereint und in dem sich verschiedenste Namen meist französischer Herkunft tummeln. Am sinnfälligsten wird ein gemeinsamer Fixpunkt der Theorien im meist affirmativen Nihilismus, der gerade in der Grundlosigkeit allen Seins die Bedingung für die mögliche Basis, beziehungsweise Begründung von Werten, Gesellschaften und letztlich starren Staatsgebilden wähnt. Konflikt, Teilung, Differenz: Solche gemeinhin als negativ erachteten Begriffe werden hier als Notwendigkeit bestätigt, erhalten eine konstitutive Wendung und theoretische Weihe.

Das theoretische Comeback des Politischen“

Im Europa des 21. Jahrhunderts sind diese Postmoderne und der post-metaphysische Diskurs somit zum Teil unserer Wirklichkeit geworden, was sich in handfesten Dingen wie Mode, vor allem aber im Denken und Tätigsein niederschlägt, das immer mehr Reflexion, Wissen und Informationen, aber auch mehr Flexibilität erfordert. Zugleich verschleiern diese neuen Formen von Notwendigkeit und Freiheit damit das Konstante oder gar die Expansion des Arbeitens (bis hinein in die „freie“ Zeit).

Vor dem Ausblenden dieser Wirklichkeit sind auch die Beiträge des Sammelbandes Das Politische denken nicht gefeit. Den Herausgebern, dem in Halle lehrenden Ulrich Bröckling und dem an der Uni Leipzig arbeitenden Robert Feustel, geht es nicht darum, das politische Denken vorzustellen, sondern um ein bedächtiges Bedenken „des Politischen“. Dieser Begriff erlebt derzeit wieder eine Renaissance – ähnliche Veröffentlichungen beispielsweise bei Suhrkamp passen ins Bild – weil er der scheinbar immer komplexer werdenden politischen Realität(en) unserer Zeit auf den Grund zu gehen scheint.

Denken dieser Art ist aus dem Theoriemarkt nicht mehr wegzudenken, seit sich der real existierende Marxismus mit seinem praktischen Misslingen auch theoretisch desavouiert hat. Wenn man „das Politische“ als Gegenbegriff zur real existierenden Politik und Verfassung, als ontologische Kategorie  versteht, muss die Frage gestellt werden, inwieweit sich in dieser Renaissance der Ontologie gesellschaftliche Produktionsverhältnisse verdreht und verzerrt widerspiegeln. Sind das unverfügbare „Sein“ und sein Wiedergänger „das Politische“ nicht vielmehr Apologien für die bestehenden Verhältnisse, wie Adorno oder Bourdieu in einschlägigen Werken über Heidegger herausgestellt haben? Findet so nicht trotz der Behauptung, Metaphysik zu dekonstruieren, eine neue Metaphysierung statt?

Der begriffliche Ursprung des Politischen“

„Das Politische“ als ontologische, das „Sein“ betreffende, Kategorie zu begreifen, liegt mit Blick auf die Genese des Begriffs aus dem französischen Linksheideggerianismus nahe. Das vorliegende Buch zeichnet sich durch das Nachspüren des Begriffs des „Politischen“ auch bei Autoren aus, die ihn nicht direkt oder gar nicht verwenden. Unverkennbar wird hier disziplininterne Begriffspolitik betrieben. Statt seine Herkunft und Implikationen zu problematisieren, wird der Terminus als „libidinös“ (Einleitung) besetzt eingeführt. Und so erläutern die aus einer Ringvorlesung am politikwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig hervorgegangenen Beiträge über Alain Badiou, Jaques Derrida, Claude Lefort und einem Dutzend weiterer Denker laut Subtitel „zeitgenössische Positionen“.  Doch statt dem Begriff kritisch zu begegnen, wird in ihm das Verschwundene, Ursprüngliche gesucht – das Politische –, das die Politik (das Seiende) heute mit metaphysischen Konstrukten wie Nation oder Staat verdecke.

Ein Band uneingelöster Versprechen

Das Politische denken liefert viel Anschauungsmaterial und ist daher unbedingt all denjenigen zu empfehlen, die sich vom unsystematisch daherkommenden Bollwerk moderner politischer Philosophie bislang abgeschreckt fühlten. Es leistet jedoch nicht die unbedingt notwendige, einordnende Synthese, lässt gar den Versuch eines wirklich kritischen, hinterfragenden Kommentars jenseits interner Kritik an den dargestellten postmodernen Positionen vermissen.

Selten geht der Band über eine Inhaltswiedergabe hinaus. In Zeiten von Bachelor-Studiengängen hat das Konsequenzen: Statt zum Denken anzuregen, präsentiert er eben nur die Denkrichtungen der vorgestellten Theoretiker, in die „das  Politische“ als Basis für Handeln in der Gesellschaft hineingelesen wird, statt es zu überdenken. Doch politisches Handeln wirkt eben nicht wie eine Ontologie aus dem Hintergrund, sondern baut auf Revolutionen, auf Siegern und Besiegten, auf Blut und ökonomischen Interessen. Somit sind sie eben auch historische Resultate, aus Klassenkämpfen hervorgegangen, und damit nicht grundlos variabel, veränderbar.

Ein Besinnen auf die Grundlosigkeit aller Politik, auf „das Politische“, das gerade in seiner Verborgenheit erst die Politik „ent-bergen“ (Heidegger) kann, verschüttet dieses historische, dialektisch arbeitende Denken. So versäumen es die überwiegend deskriptiven, zusammenhangslos aneinander gereihten Beiträge, mehr zu sein als ein Nachschlagewerk für Neulinge.

Bröckling, Ulrich/Feustel, Robert (Hrsg.): Das Politische denken. Zeitgenössische Positionen.
transcript Verlag, Bielefeld, 2010, 340 Seiten
ISBN 978-3-8376-1160-1, 25,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim transcript Verlag (Cover) und Ulrich Bröckling (Portrait).


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