Breiter als der Bosporus

 

Im Kern des europäischen Teils Istanbuls lassen sich die Disharmonien und Dissonanzen des Modernisierungsprozesses der Türkei im Kleinen beobachten. Ein aufmerksamer Rundgang durch die Metropole zeugt von einem Umbruch, dessen Richtung ungewiss ist. Von Markus Rackow

Breiter als der enge, aber gewaltige Bosporus ist der Riss durch die türkische Gesellschaft. Anders als das Wasser der Meerenge an oft stürmischen, regnerischen Tagen sind diese Konflikte jedoch noch relativ still, begraben unter einer geschäftigen, gleichmütigen Alltäglichkeit und einer starken Regierung, Geschichtsselektivität und der Sprunghaftigkeit der türkischen Entwicklung. In Istanbul findet sich die ganze Türkei in ihrer Heterogenität und Widersprüchlichkeit wieder: im Hidschab schleichende Frauen  in Armenvierteln, Minirock tragende „Businesswomen“ nur wenige Kilometer weiter. Im „melting pot“ des Alltagsverkehrs laufen sie aneinander vorbei, als sei es das Natürlichste der Welt.

Istanbul ist mehr als die kitschige Begegnung zwischen Ost und West, die Reiseführer anpreisen. Die Stadt ist das boomende, aber fragmentierte Gravitationszentrum der aufstrebenden Türkei – ein Fall für sich: kein Transitort vermeintlicher Kulturströme, sondern Prisma und Reibefläche politisch-sozialer Antagonismen zugleich. Fernab pauschaler Islamophobie, jenseits touristischer Orientromantik und hinter dem Schein der bunten Warenwelt schwelen tiefgreifende Konflikte in dem Touristenmekka. Diese Reportagenreihe  „Breiter als der Bosporus“ spürt den Ambivalenzen Istanbuls jenseits der Touristenziele wie dem Gewürzbasar nach – politisch, aber doch gewürzt mit subjektiven Eindrücken.

Glockenklang zum Muezzin

Ein bizarres Orchester bietet sich, wenn in der Morgendämmerung gelegentlich Kirchengeläut und Muezzin-Gesang zeitgleich erklingen und zum Gebet rufen: ein ungleicher Wettstreit, denn viele Katholiken sind nicht geblieben in der heimlichen Landeshauptstadt Istanbul. Überhaupt herrscht im angesagten Viertel Beyoğlu, in dem die Zahl der Kirchen und Klöster die der Moscheen überragt, ein seltsamer Geist. Profane Shoppingtouren und Menschenmassen wälzen sich die von täglich zwei Millionen Passanten frequentierte Istiklal-Caddesi (Straße) herab. In den kleinen, von ihr abzweigenden Gassen lauschen des Sonntags in aller Früh reichlich elitär wirkende Grüppchen den Gottesdiensten auf Italienisch oder auch Türkisch, als ob die Zeit sie hier vergessen hätte. Nur Sicherheitsschleusen zeugen vom Sonderstatus des Heiligen in der profanen Umgebung.

Nahe dem Taksim-Platz, dem pulsierenden, aber unter sinnlosem Hupen und Abgaswolken von Bus- und Taxiblechlawinen nur durch die Touristenbrille einladenden Herzen des europäischen Istanbuls, ist der Stadtteil Beyoğlu gelegen. Hier vernimmt man viel Englisch, sieht nur vereinzelt Kopftücher, aber auch weniger Transsexuelle und freigeistige Künstler, als hippe Reiseführer mit ihrem Drang nach Authentizität und Exotik verkünden.

Flimmern im Herzen Istanbuls

Trotz nicht zu leugnender Modernität steht gerade dieses Viertel beispielhaft für die getrübte Sichtbarkeit der Widersprüche der Türkei auf dem langen, an Fahrt gewinnenden Weg der Modernisierung: Unter all dem Kosmopolitischen wird für die Augen der Touristen Geschichte vergraben und osmanische Glitzerwelt hervorgeholt. In den 1950ern war die Istiklal („Unabhängigkeit“) Zentrum brutaler Mobs, die Griechen, Juden und Armenier aus dem Viertel vertrieben, angeblich gestützt vom Militär, das etwa die Gülen-Bewegung unter dem Label der Demokratisierung für die Vertreibung mit verantwortlich macht.

Nur wenige Gassen von hochmodischen Galerien, Künstlercafés und Schuhgeschäften, und dank des Gefälles des „zweiten Roms“ mit seinen sieben Hügeln gefühlte hundert Höhenmeter weiter, zeigt sich nackte Armut und Verfall: Kinder ziehen Karren mit Schätzen aus dem Müll, sind kaum von den wilden Katzen und streunenden Hunden um sie herum zu unterscheiden. Abseits der Touristenrouten verfallen die osmanischen Holzhäuser („Konak“) wohl endgültig, während byzantinische Mauerreste als Einfassungen oder Ablagefläche für Müllbeutel dienen. Geschichte ist hier Nachfrage bedienendes Produkt – wie so vieles. Wieder zwei Straßen weiter ragen die Luxushotels in die Höhe, bewacht von den allgegenwärtigen Fertigbauwachhäuschen privater Sicherheitskräfte.

Tolerierte Übergriffe, observierte Demonstrationen

Trotz der himmelschreienden Ungleichheit haben die „Blauen“ jedoch nur selten zu tun, angesichts der religiös und durch traditionelle Strukturen passivierten armen Schichten. Allerdings erheben sich auch noch heute Ausschreitungen, spontan, abrupt, kleiner dimensioniert, aber brutal. Da hört man Berichte über einen Überfall auf Galeristen; nur, so munkelt man, nimmt es die Polizei mit Ermittlungen nicht immer gleichermaßen genau. Während bei kleinen politischen Demonstrationen durch das der jungen Partygeneration so anempfohlene und vermeintlich friedlich-multikulturelle Beyoğlu fest stationierte Hundertschaften zur Stelle sind, fehlen diese offenkundig an anderer, sensibler Stelle.

In einer Seitenstraße der Istiklal-Straße liegt das nicht wirklich dezente Sugar Café. Das Etablissement stellt einen Anlaufpunkt für die schwule Gemeinde und wohl viele Touristen dar, die mit der Hoffnung auf feurige Liebesabenteuer einen Trip in die Stadt unternehmen. Der 20-jährige Ozgur, der sich ein Freisemester genommen hat, arbeitet hier und berichtet verstört davon, wie er die Nacht durchwachen musste, weil Randalierer die Glastür eingeschlagen hatten. Sinnbildlich zeigt diese Episode die Fragilität, aber auch die Gefahr des unter den Verhältnissen trotzig erscheinenden Beharrens auf die Subkultur. Die vielerorts anzutreffende Duldsamkeit und Hinnahme der Verhältnisse bricht manchmal aus in Aktivismus und Übergriffe – die türkische Vergangenheit, erst recht am Taksim-Platz, legt davon Zeugnis ab. Aber als Ware stilisiert oder als Abgrund vertuscht dient die Vergangenheit vielen Türken allenfalls als Projektionsfläche in ihrer Sehnsucht nach untergegangener osmanischer Größe, Eleganz und Friedlichkeit. Die Institutionen und Firmen der heutigen Türkei sind hingegen miteinander im Clinch stehende, politisch positionierte Akteure: Zeitungen und Süßwarenkonzerne sind mit politischen Parteien verbandelt, Teilen des Militärs werden Planungen für einen neuen Staatsstreich angelastet, während die Regierung dies zu ihrem Vorteil ausnutzt.

Die Türkei scheint trotz allem Nationalismus zerrissen. Das wird nirgendwo deutlicher als an moralischen Konfliktthemen wie Homosexualität oder in der Debatte um Kopftücher an Universitäten – trotz aller Mängel im Bildungssystem ein zentraler Zwist. In diesen Scharmützeln zeigt sich die bröckelnde Hegemonie des Kemalismus und wie der schmale Grat zwischen Tradition und „Moderne“ das europäische Verständnis erschüttern könnte.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


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