Auf einen Cocktail mit Molotow

Frisch aus der Anstalt stößt Georg Schramm in seinem neuen Programm den Zuschauer vor den Kopf. Das Spektrum reicht von Adorno bis Aquin, von Pudding bis Flashmob. Gute, schwere Kost. Von Torsten Müller und Tobias Oberndorfer

Nach zehn erfolgreichen Fernsehjahren bei „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“ zieht es Georg Schramm wieder auf die Bühne. Grund genug für Dieter Hildebrandt, Helmut Schleich und Luise Kinseher, als Zuschauer ins Münchner Lustspielhaus zu kommen, um dort einen der scharfzüngigsten deutschen Kabarettisten zu sehen. Während 25 Bühnenjahren hat er jeden wichtigen Kabarettpreis des Landes gewonnen. In Meister Yodas Ende. Über die Zweckentfremdung der Demenz, seinem siebten Soloprogramm, beweist er, dass er sie alle verdient hat.

Schramm bedient sich wieder seiner vier altbekannten Charaktere, um seine Botschaft zu vermitteln. Der verbitterte Rentner Lothar Dombrowski ist aus der Anstalt entflohen. Sein hehres Ziel, Bundespräsident zu werden, hat er verfehlt. Nur Leiter der Selbsthilfegruppe „Altern heißt nicht trauern“ ist er geworden. Das Publikum nimmt an diesem Selbsttherapieversuch teil. Dazu gesellen sich der enttäuschte hessische Sozialdemokrat Drucker August, ein rheinischer Pharmavertreter auf 400-Euro-Basis, sowie der redselige Oberstleutnant Sanftleben, als Referent von der Panzertruppe.

Die Triebfeder des Bösen

Die Senioren der Selbsthilfegruppe werden von Rente, Demenz, Haifischknorpeldragees und natürlich Ackermann umgetrieben. Ein ganzer Monatslohn wäre ihnen sein Kopf wert. Für diesen Preis aber werden sie ihn nicht bekommen. Das wäre auch zu viel der Ehre für die Ackermänner und Merkels. Das wahre Böse ist viel größer und lässt sich nicht töten: die Gier. Dombrowski führt alle gesellschaftlichen Probleme auf Geld- und Machtverteilung zurück. Es gebe daher „keinen Krieg der Generationen, sondern nur einen Krieg zwischen Arm und Reich“.

Die Triebfeder des Bösen finde sich unter anderem im Konsum, im Freitod des Unternehmers Merckle und im Zölibat. Aus Gier habe der Vatikan die heterosexuelle Liebe verboten, um das Erbe seiner Würdenträger in den eigenen Truhen zu halten. Aus Gier wüssten die Zuschauer auf die Frage, wie viele Paar Schuhe sie besitzen, keine Antwort. Aus Gier beschuldige Schlecker seine Kunden der Nötigung. Eindämmen lasse sie sich nur mit Zorn und „militantem Humanismus“ – darum geht es Drucker und Dombrowski. Sie suchen nach einer Möglichkeit zum Widerspruch.

„Brackwasser der Beliebigkeit“

Die Gehorsamkeit der Gesellschaft lässt sie jedoch verzweifeln. Die Interessenpolitik des Landes gaukle vor, Zwangsentscheidungen treffen zu müssen. Es gäbe nur noch ein Entweder-Oder, ein Ja oder Nein. Gegen diese falsche und sträfliche Verkürzung kämpfen Schramms Charaktere an. Dombrowski kürt folgerichtig „alternativlos“ zum Unwort des Jahres. Im Sprachmissbrauch sieht er einen weiteren „Handlanger des Bösen“. Die Wahrheit werde unter immer neuen Euphemismen vergraben – „unnötiges Blutvergießen“, „intelligente Wirksysteme“, „Massenschutzwaffen“ heißen seine Schuldigen.

Die „Klofrauen Will und Illner“, welche an der „emotionalen Pissrinne“ Politkern dabei zur Hand gingen, „leere Worthülsen im Brackwasser der Beliebigkeit“ zu fischen, seien „Sprachverschmutzer“ und „soziale Brunnenvergifter“. Gegen die Vereinnahmung der Sprache durch die politische Klasse helfe nur die Kraft des Wortes.

Dabei assistieren die großen heiligen Denker der Geschichte, welche Dombrowski stets passend aus seinem Sakko hervorzaubert. Thomas von Aquin hilft ihm, den christdemokratischen Bundespräsidenten Christian Wulff zu entzaubern: „Die blasse Harmlosigkeit, die sich leider oft mit Erfolg für Sanftmut ausgibt, sollte doch niemand für eine christliche Tugend halten.“ Papst Gregor der Große legitimiert für ihn den zivilen Ungehorsam: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.“ Mit John Maynard Keynes fordert er „den sanften Tod der Rentenprofiteure“.

Altern heißt verzweifeln

Schramms Charaktere sind alle fortgeschrittenen Alters und die Auseinandersetzung damit ist ein Leitmotiv des Programms. Von der Rente über die Demenz bis zur gierigen Altersheimindustrie reicht die Spannweite. Natürlich geht es auch hier um Geld und Macht, aber es dreht sich auch um ein Gegenmittel dazu, die Selbstbestimmung. Inwieweit kann man – auch als dementer Bürger – noch selbstbestimmt leben, bevor man dem Bösen ausgeliefert wird?

Mit seinem Frohsinn bringt es der Pharmareferent auf den Punkt. „Die Magensonde war das Beste, was uns passieren konnte“. Günstig und effizient sei sie. Dombrowski möchte diesen Weg nicht gehen. Selbstmordgedanken treiben ihn um, doch für den stolzen Bürger wäre das eine Kapitulation. Um etwas zu ändern – und das wollen alle auf dieser Bühne – müsse man ein Zeichen setzen. Aber wie nur? „Erschießen reicht nicht mehr“, wer würde denn um einen Senioren weinen?

Hier wird das Dilemma des braven Bürgers deutlich: Wenn die Sprache verstummt, kann kein friedlicher, ordnungsliebender Widerstand mehr stattfinden. Heißt Altern also verzweifeln? Um das zu vermeiden, brauche es eine neue Form des zivilen Ungehorsams, eine Mischung aus Mahatma Gandhi und Fritz Teufel: Konsumkritik, Machtentlarvung, Aktionismus. Pudding müsse ins Gesicht der Mächtigen und Flashmobs sollen das versteckte Machtgefüge offenlegen.

Eine Komödie ist auch eine Tragödie

Georg Schramm bedient sich zahlreicher Kniffe, um diese explosive Mischung aus Ernst und Witz zu destillieren. Das Programm flacht nie ab und ist weit von der tristen Stimmung einer Selbsthilfegruppe entfernt. Mittels der vier Charaktere kann Schramm leichtfüßig neue Themen einführen und Ernstes locker präsentieren. Drucker, Dombrowksi, Sanftleben und der rheinische Pharmareferent sind für sich genommen bereits witzige Figuren. Tragik und Komik halten sich somit die Waage. Jede noch so klare Aussage kann ironisch gebrochen oder emphatisch verstärkt werden. Teilweise bebt das Lustspielhaus vor Lachen, man kann aber auch die Klimaanlage surren hören, wenn Schramm zeigt, dass politisches Kabarett nicht immer zum Lachen ist.

Das Programm ist minutiös gegliedert. Die Struktur offenbart sich intuitiv und ist immer folgerichtig. Die Zitate, welche Dombrowski regelmäßig einstreut, die wiederkehrenden Motive sowie das Setting der Selbsthilfegruppe bilden einen roten Faden. Mit geistreichen Schilderungen historischer Ereignisse, in denen sich Themenkomplexe verdichten, führt Schramm dem Publikum die Möglichkeit der Alternativen vor Augen.

Adornos Flashmob

Kraft seiner Gedanken und Worte zu lenken vermag in der heutigen Welt nur noch eine Fantasie-Figur – Meister Yoda aus den Star Wars-Filmen. Der Titel von Schramms Programm, Meister Yodas Ende, ist also ein düsterer Kommentar auf Deutschland im Jahr 2010. Das geschriebene und gesprochene Wort würde nicht mehr geachtet. Alternativen seien verpönt. Politik werde fatalistisch hingenommen. Frei nach Dombrowski: In den Cocktail muss wieder Molotow!

Ganz dialektisch schließt Dombrowski mit einem Diktum Theodor W. Adornos: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ Brauchen wir nach Meister Yodas Ende also eine neue Aufklärung oder neues Unheil? Georg Schramm persönlich gibt die Antwort in einem Nachtrag auf der Bühne: „Macht Flashmobs!“

Tourdaten:
18.11. Tübingen, Kino Museum
19.11. Villingen, Theater am Ring
20.-21.11. Karlsruhe, Tollhaus
05.-10.12. Berlin, Wühlmäuse
11.12. Berlin, Schlosspark Theater
(Stand: 16.11.2010, Terminänderungen vorbehalten)


Weiterführende Links:

Lustspielhaus München

Georg Schramm


Die Bildrechte liegen bei Achim Käflein (Georg Schramm), Whole Weat Toast (Urinal), polaroidmemories (Pudding) und nialkennedy (Meister Yoda)


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