193 Zentimeter intelligente Arroganz

Er führte Deutschland beim Sommermärchen von 2006 mit dem berühmten Zettel ins Halbfinale: Jens Lehmann. Im Juli 2010 beendete er eine Karriere voller Höhen und Tiefen. Sein Buch bietet viele Einsichten ins Fußballbusiness, aber wenig Selbstkritik. Von Christoph Rohde

Er hat zwar nicht die meisten Titel gewonnen, aber durch Zielstrebigkeit, Kompromisslosigkeit und seinen Willen prägte Jens Lehmann zwanzig Jahre lang die Fußballszene. Sein in Koproduktion mit dem ZEIT-Feuilletonisten Christof Siemes veröffentlichtes Buch Der Wahnsinn liegt auf dem Platz trifft bereits mit dem Titel die Essenz des Werkes, das autobiografische, sporthistorische und spieltaktische Aspekte spritzig miteinander verbindet.

Ein „typischer“ Junge aus dem Pott?

Jens Lehmann ist kein Arbeiterkind, er kommt aus einer bürgerlichen Familie im Ruhrgebiet, die in Essen den Lebensstil der Reichen vorgeführt bekommt. Er erkennt früh, dass es seiner Familie nicht schlecht geht, dass sich aber Viele mehr leisten können als die Lehmanns. So führt der Wunsch nach sozialem Aufstieg dazu, dass sich der unspektakuläre junge Mann zu einer Reizfigur und einem sportlichen Ass entwickelt. Untypischerweise wird Lehmann nicht Schalke oder Borussia Dortmund-Fan, sondern gleichzeitig Anhänger des 1. FC Köln und von Borussia Mönchengladbach, also zweier Vereine, die bis in die Gegenwart Rivalen geblieben sind. Entdeckt wird er durch Talentscouts von Schwarz-Weiß Essen. Dies ist der entscheidende Anreiz hin zu größeren sportlichen Zielen. Der psychologische Impuls für seinen Wunsch Nationaltorwart zu werden kommt ihm in dem Moment, als die deutsche Mannschaft im Halbfinale der WM 1982 mit 1:3 gegen Frankreich zurückliegt.

Spannung von der ersten Minute

Die Ouvertüre des Buches ist eine Überraschung, ein Elfmeterschießen: „(…) jetzt, als Ivan Zamorano den Ball nimmt, wird alles noch schlimmer. 1:1 steht es nach regulärer Spielzeit und Verlängerung, als der chilenische Nationalspieler als Erster zum Elfmeterpunkt … Moment mal, werden Sie jetzt vielleicht sagen, Chile? Aber das Spiel mit dem Zettel war doch gegen Argentinien!“ Das entscheidende Elfmeterschießen in Lehmanns Karriere fand also 1997 in Mailand statt, als es den Schalker „Eurofightern“ gelang, den UEFA-Cup gegen den Favoriten Inter Mailand zu gewinnen. Unter Trainer Huub Stevens lernte Lehmann, wie eine Truppe von Durchschnittsfußballern mit schierer Willenskraft siegreich bleiben kann. Es war seine Eintrittskarte in die Welt von Fußballern, die „schon mal was gewonnen haben“.

Beeindruckend ist, wie wichtig Lehmann seit seiner Jugend das Training genommen hat. Für ihn war ein Training genauso wichtig wie ein Spiel, er trank und rauchte nicht und führte während seiner Karriere ein ungeheuer diszipliniertes Leben. Seine Darstellung von Trainingsabläufen, Strategien und Taktiken zeugen von hoher Einsicht in die Zusammenhänge des Fußballs. Lehmann hält sich für einen der Begründer des „spielenden Torwarts“ und dies völlig zu Recht. Er weist auch auf die Risiken dieser Art des Torwartspiels hin, denn es führte zu einigen spektakulären Fehlern, wie im Champions-League-Finale 2006, als Lehmann nach einem Foul beim Herauslaufen die spielentscheidende rote Karte sah. Sein Wechsel zu Arsenal London ist für den Vierzigjährigen entscheidend für die Entwicklung seiner Karriere, denn das Leistungsniveau der englischen Premiere League habe sein eigenes Niveau erheblich gefördert.

Der Torwartkrieg

Den Konkurrenzkampf um die Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft im Vorfeld der WM 2006 bewertet Lehmann heute differenziert. Unverhohlen versucht er zu belegen, dass er schon länger der bessere Torwart war, Oliver Kahn aber über die bessere Lobby verfügt habe. Sepp Maier und Co hätten ihren Schützling Kahn protegiert; es sei mutig von Jürgen Klinsmann gewesen, sich für ihn zu entscheiden. Dementsprechend hat Klinsmann bei Lehmann einen großen Stein im Brett. Er greift auch Oliver Kahn persönlich an, denn dieser sei ihm nach seinem Karriereende mehrfach in den Rücken gefallen. Lehmann amüsiert sich allerdings auch über die Tatsache, dass die Entscheidung über die neue deutsche Nummer eins im Frühjahr 2006 die Nachricht der Tagesthemen gewesen ist.

Der berühmte Zettel mit den Präferenzen der argentinischen Elfmeterschützen, der millionenfach in der DVD-Version von Deutschland. Ein Sommermärchen vorzufinden war, spielte bei Lehmanns Verhalten beim Elfmeterschießen keine entscheidende Rolle. „Plötzlich, im Bruchteil einer Sekunde fällt es mir ein. Champions-League-Viertelfinale, Inter Mailand gegen Villarreal. Cambiasso schießt einen gefährlichen Freistoß in die linke Ecke. Nun läuft er an. Ich springe nach links. Klatsch. Wir sind weiter.“

Ein Mann aus einem anderen Milieu

Einige Geschichten die Lehmann erzählt stellen ein Milieu dar, in welches er eigentlich nicht reinpasse, da er zu solide sei. Wenn Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher anfängt zu trinken und sich zu gerieren, dann ist das Lehmann, der zu Beginn seiner Karriere Schumacher in puncto Kraft und Willensstärke zum Vorbild hatte, peinlich. Die Schilderung, wie der in England spielende Profi, Neulinge im Nationalteam einschüchterte, weil er sie nicht kannte und für Fans hielt, bringt den Leser zum Schmunzeln. Wenn in England Mitspieler witzelten: „Mit mehr Lehmanns hättet ihr Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen“, wird die Disziplin des Teutonen zugleich gelobt und karikiert.

Nicht zum Weglegen

Dieses Buch ist so spannend geschrieben, dass es der Fußballfan nicht mehr aus der Hand legen kann. Denn neben einer ernsthaften biographischen Skizze finden sich herrliche Anekdoten, mutige Bewertungen von Konkurrenten und explizite Selbstbelobigungen. Ein echter Lehmann eben. Ein paar Bilder entscheidender Spielszenen wären allerdings noch ein schönes Desiderat gewesen.

Jens Lehmann/Siemes, Christof: Der Wahnsinn liegt auf dem Platz
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010, 288 Seiten
ISBN 978-3-462-04110-1, 16,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover), Wonker/Creative Commons (Lehmann im Tor) und Florian K./Creative Commons (Lehmann liegend).


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