Wissenschaftliche Blüte des Germanen-Jahres

Der österreichische Historiker Herwig Wolfram erklärt in seinem neuen Buch die Germanen in 101 Fragen und Antworten – und räumt dabei mit einigen Irrtümern über die Völker auf.  Von Andre Budke

2009 ist bekanntlich „Germanenjahr“. Die Schlacht am Teutoburger Wald, wo auch immer sie nun exakt statt gefunden hat, jährt sich zum 2000. Mal. Selbst die Kanzlerin ließ es sich nicht nehmen, die vermeintlichen Schauplätze dieses Wendepunktes der deutschen Geschichte zu besuchen.  Dementsprechend haben die Germanen Hochkonjunktur, wie sich auch in zahlreichen TV-Dokumentationen und Buchveröffentlichungen zeigt, die sich mit der Schlacht am Teutoburger Wald oder Arminius beschäftigen.

Populäre Irrtümer aufgeklärt

Einen Beitrag zum Germanenjahr liefert Herwig Wolfram mit Die 101 wichtigsten Fragen Germanen ab. Dabei liefert der österreichische Militärhistoriker keine klassische wissenschaftliche Abhandlung, die sich in Details verliert und – dadurch unlesbar geworden – als gewichtiger Staubfänger im Regal landet, sondern einen populärwissenschaftlich gehaltenen Einstieg in den Forschungsstand zu den Germanen.  Auf knapp 160 Seiten in 101 Fragen und Antworten bietet er sowohl einen Überblick als auch populäre Irrtümer, wie die bis in die jüngste Gegenwart verbreitete Vorstellung, „die“ Germanen seien die Ahnen der heutigen Deutschen. Als leichter Appetithappen für Personen, die bis dato in dem Thema unbelesen waren, ist Wolframs Band daher zu empfehlen.

Trotz Kürze nicht oberflächlich

Es könnte sich für Wolfram allein aus der Mannigfaltigkeit seines Themas – er handelt im Prinzip den kompletten germanischen Kosmos nebst den Beziehungen zu Rom und die Quellenlage zu den Germanen ab – die Gefahr der Oberflächlichkeit ergeben. Wolfram umschifft diese Klippen allerdings glänzend, indem er sich in jedem Artikel auf wesentliche Informationen beschränkt und es routiniert versteht, Zusammenhänge zu vermitteln. So entsteht selbst bei kenntnisreichen Lesern nach der Lektüre der Eindruck, einen Gewinn aus dieser gezogen zu haben. Und dies ist, einmal ehrlich gesagt, mehr als man nach der Lektüre so manches „Magnum Opus“ zu den Germanen sagen kann.

Germanen – ein Begriff des 19. Jahrhunderts

Der Militärhistoriker Herwig Wolfram war von 1969 bis zu seiner Emeritierung Geschichtsprofessor an der Universität Wien.Wolfram (Bild links) liefert als ersten Einstieg in sein Thema einen Überblick über die Quellenlage, wobei er nicht vergisst, die Problematik einer Definition des Germanenbegriffes anzusprechen. So betrachte die Sprachwissenschaft auch heute noch unter anderem das Deutsche, Niederländische, Afrikaans, Jiddische und die skandinavischen Sprachen als germanische Sprachen. Demgegenüber vermeiden viele Historiker den Germanenbegriff, da er in den Quellen kaum vorkommt, wo eher auf die einzelnen Stämme und Völker abgestellt werde, die sich gegenseitig relativ feindlich gesinnt waren und keinen Begriff eines übergreifenden Germanentums oder gar eine Nation kannten. Diese Begriffe sind Neuerungen des 19. Jahrhunderts, in der sich die Nation als beherrschendes Konzept der internationalen Politik durchsetzte.

Auffällig ist, dass die Quellen zu den Germanen in der Regel von Römern verfasst wurden und daher in ihren Details durchaus mit Vorsicht zu genießen sind. So hatte Tacitus, als er seine Beschreibungen zu den Germanen verfasste, einen starken erzieherischen Anspruch auf Rom selbst und hatte nicht vor, eine völkerkundliche Abhandlung zu verfassen, indem er dem in seinen Augen korrumpierten kaiserlichen Rom die „edlen und freien Wilden“ entgegenstellte. Tacitus ist daher nicht, wie es im 19. Jahrhundert gemacht wurde, 1:1 als verlässliche Quelle zu den Germanen zu lesen.

Gute Einstiegslektüre mit kleinen Schwächen

Soweit zu den Vorzügen von Wolframs Werk. Die Übersichtlichkeit und Kürze wird damit bezahlt, dass die kurzen Artikel zum einen nicht durch Fußnoten belegt werden. Das macht sie zwar gut lesbar, aber auch schlecht überprüfbar. Der kritische Leser muss Wolfram hier einen Vertrauensvorschuss leisten, dass dieser die herrschende Meinung widergibt. Des weiteren lässt sich die Komplexität des Themas nicht ganz auf die einzelnen Artikel reduzieren, was nicht zuletzt zahlreiche Verweise zwischen den Artikeln zeigen.

Als leichte Einstiegslektüre in den germanisch-römischen Kosmos ist Wolframs lexikalisch gehaltenes Werk durchaus zu empfehlen. Der Text ist flüssig zu lesen, setzt beim Leser keine Vorkenntnisse voraus und verliert sich dennoch nicht in Belanglosigkeiten, sondern bietet vor allem Zusammenhänge und Anekdoten aus der Politik dieser Zeit. Hier bemerkt man, dass einer der Forschungsschwerpunkte Wolframs in der Diplomatik lag. Nichtsdestotrotz bleibt der Text ein lexikalisches Werk und damit letztlich Geschmackssache, ist aber besser als vieles andere, das im Zuge der Germanenkonjunktur in den Handel gekommen ist.

Wolfram, Herwig
Die 101 wichtigsten Fragen. Germanen.
(2008), Verlag C.H. Beck, München
160 Seiten, ISBN 987-3-406-57366-8, 9,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag C.H. Beck. Der Verlag im Internet.


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