What Is Slumdog Millionaire?

szenenbild_05jpeg_700x498Ein „Wer wird Millionär”-Format als Schlüssel zum Erfolg: Bei den Oscarverleihungen räumte Slumdog Millionaire achtmal ab, darunter für den besten Film, die beste Regie und die beste Filmmusik. Für /e-politik.de/ wirft Anant Kumar einen feuilletonistischen Blick hinter die sozialkritische Kulisse.

In den letzten spannenden Abenden stellte klassikradio.de sämtliche für einen Oscar nominierten Filme aller Sparten vor. So wurde auch die Musik der besten sechs Nominierungen vorgestellt und die Hörer wurden gebeten, über ihre Favoriten abzustimmen. Ich wurde aufmerksam, als das indische Sozialmärchen Slumdog Millionaire mit dem Namen des indischen Musikgiganten A. R. Rahman vorkam. Die beiden „Herren“ Moderatoren verkündeten einstimmig in ihrer ansprechenden, jedoch souveränen Radiostimme ihre Meinung über die Musik des Inders: „Zu beatlastig!“ Es wurden alle sechs Filmstücke der Reihe nach gesendet und es wurde telefonisch abgestimmt. Die Moderatoren teilten den Hörern das Resultat euphorisch mit: „Es gibt zwei klare Gewinner! Es gibt zwei, die klar in der Mitte sind! Und es gibt zwei klare Verlierer!“ Die Kompostion des „beatlastigen“ Inders Rahman befand sich im klaren Verliererbereich.

Zwei Oscars für den „beatlastigen“ indischen Musikproduzenten

Meine Beweggründe für die Bewunderung des Rahman bestehen aus seiner Genialität und noch mehr aus seiner Persönlichkeit. Der mittelgroße Mann mit Megaidol-Status im indischen Subkontinent, der auf eine langjährige, emsige Laufbahn zurückblickt, tritt äußerst einfach bei unzähligen Preisverleihungen auf und er redet leise, wenig, dankend-rührend… Als Junge wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf und sehr fleißig verfolgte er seine musikalische Ausbildung in der ganzen Welt. Der mit zwei Oscars preisgekrönte Song und auch Soundtrack des Slumdogs, den der gläubige und praktizierende Muslim aus Südindien komponiert hat, lautet: „Jai Ho!!!“ Es ist der alltägliche Ausruf der Hindus und auch aller anderen gläubigen Inder zur Ehrung der Götter, der Göttinnen …des Allmächtigen, zum Beispiel: „Jai Ho Kali Mai Ki!/Es gelte und bleibe nur die ewige, immense Größe der Göttin Kali!“

Bollywood versus sozialkritsche Kinos

Die Zeitungen machten mich nochmals auf eine Kluft aufmerksam: Da die Inder hauptsächlich kitschige Bollywood-Filme mögen, konnte dieses sozialkritische Märchen aus den Slums Bombays nicht in großen Leinwandkinos gezeigt werden. Das stimmt auch – halbwegs, weil der Film durch und durch auch eine Bollywood-Produktion ist. Das wurde sogar bei der Preisverleihung in L.A. hervorgehoben: „Damit werden auch zwei gigantische Filmgrößen der Welt geehrt, nämlich Bollywood und Hollywood.“ Die Darsteller sind die Stars aus Bollywood und die Bewohner des Mumbai-Slums. Und nicht zuletzt der Musikdirektor, der seit Jahren als Kaiser der zeitgenössischen  Bollywoodmusik gilt – jener also, dessen „beatlastiger“ Song auch im klassikradio.de vom Moderator vorgestellt wurde.

Der fremde Blick auf das einheimische Elend

szenenbild_12jpeg_700x466So wie nicht wenige Abendländer haben manche Inder auch das Werk auf der Armutsebene ausgeschlachtet und sie grübelten über ihre Variante der wichtigen Frage des Kulturkampfes, zum Beispiel „Wollen die westlichen Zuschauer Indien immer noch bloß als „Slumdog“ ansehen?“ In seiner Rage schrieb der Bollywood-Megastar, Big B alias Amitabh Bachchan, in seinem Blog: „Wenn Slumdog Millionaire Indien als ein unterentwickeltes Armutsland darstellen soll, sollte allen wohl bewusst sein, dass es gerade auch in den vielen entwickelten Ländern ausgehungerte, bettelarme Menschen gibt.“ Hmm!

Es gab und gibt auf dem indischen Subkontinent ohne Diskontinuität immer Dutzende Filmemacher, die sozialkritische Filme und Dokus vordergründig für den Fernseher drehen. Unter ihnen ist der Name „Satyajit Ray“ berühmt. Der ebenfalls wohl bekannte kritische Filmemacher Shyam Benegal enthielt sich einer Pro- bzw. Kontra-Parteinahme und äußerte über den Regisseur bloß: „Danny ist ein Ausländer, und es ist natürlich, dass er Indien wie ein Ausländer wahrnehmen wird.“ Hmm!

Könnte der fremde Blick den eigenen schärfen oder erweitern? Dass in wirtschaftlichen Miseren nicht selten auch mitreißende Kunstwerke entstehen, belegt die Geschichte wiederholt. Und warum sollten nicht die Armen einen Film machen, der in der Lage ist, viele Menschen kultur- und generationsübergreifend zu bewegen – musikalisch, ästhetisch?

Anant Kumar ist ein deutschsprachiger Schriftsteller indischer Herkunft. Er verfasste 12 Bücher (Erzählungen, Essays, Gedichte, Satiren, Reportagen, Kinderbücher, Roman). Er lebt und arbeitet in Kassel.


Die Bildrechte liegen bei 20th Century Fox.


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