Was macht das alte Bundesdorf?

Hier wurde das Grundgesetz verkündet: Das Museum König.Vor gut zehn Jahren wurde Bonn von der Hauptstadt zur Bundesstadt degradiert. Was hat sich seitdem getan und wie hat es sich auf das Selbstverständnis des „grauen Dorfs am Rhein“ ausgewirkt? Von Christian Vey

Machen Einheimische einen Spaziergang am Bonner Rheinufer, um Gästen die örtlichen Sehenswürdigkeiten zu präsentieren, ernten sie oft ungläubiges Staunen. Doch kommt das nicht von der Imposanz der vorgeführten Bauwerke, nein, das Gegenteil ist der Fall.

Bestes Beispiel: Das „Alte Wasserwerk“. Hier, direkt am Fluss gelegen, tagte Anfang der 90er Jahre der Deutsche Bundestag. Nebenan wurde gerade ein neuer Plenarsaal gebaut und so traten die Abgeordneten in einem Gebäude zusammen, das nicht repräsentativer erscheint als das Rathaus einer Kleinstadt. Besonders ausländische Gäste runzeln ob so viel Understatements die Stirn. Doch eben jene Bescheidenheit hat die Geschichte Bonns als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland von Beginn an geprägt.

Provisorium und „Bundesdorf“

Im Gründungsjahr der Bundesrepublik sollte die neue Hauptstadt – wie das im Bonner Museum König verkündete Grundgesetz – eigentlich nur provisorischen Charakter haben. Noch war die Hoffnung auf eine schnelle Wiedervereinigung mit dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands nicht erloschen. Die vormalige Reichshauptstadt war also noch nicht aus dem Blick geraten. Der provinzielle Charme, den Bonn versprüht, wurde eines der Hauptargumente gegen die Konkurrenz aus Frankfurt am Main – neben dem Umstand, dass bereits 1949 keine Truppen der Siegermächte mehr in der Stadt stationiert waren. Es hält sich aber auch das hartnäckige Gerücht, dass es allein Konrad Adenauer gewesen sei, der Bonn zur Hauptstadt gemacht habe. Praktisch für den „Alten“ war es definitiv, seinen Dienstsitz nur wenige Kilometer vom heimischen Herd und Bett zu wissen.

In den folgenden fünf Jahrzehnten gewöhnte sich die Republik an ihre kleine Hauptstadt, doch den Ruf des „Bundesdorfs“ wurde Bonn nie los. Für ein vereintes Deutschland schien das zu wenig. Zwar sträubte sich fast die Hälfte der Abgeordneten dagegen, doch am 20. Juni 1991 wurde der Umzug des Parlaments- und Regierungssitzes nach Berlin beschlossen. Seit 1999 wird über Wohl und Wehe Deutschlands wieder auf „märkischem Sand“ gestritten und abgestimmt.

Überreste der Regierung und Vereinte Nationen

Große Teile des Beamtenapparats sitzen noch in Bonn.Zehn Jahre nach dem Umzug, Ende September 2009, wurde nun eine neue Bundesregierung gewählt. Kaum vier Wochen später stand das schwarz-gelbe Kabinett. Viele Ministerien wurden mit einer neuen Führungsfigur ausgestattet und in Berlin fanden diverse Amtsübergaben statt. Doch nicht nur in Berlin, auch auf der geographisch entgegengesetzten Seite der Bundesrepublik müssen sich Beamte an neue Chefs gewöhnen. Denn was viele Bürger oft vergessen: „Der Staat“ sitzt zu einem Gutteil immer noch am Rhein.

Die Hälfte des Beamtenapparats ist auch heute in Bonn angesiedelt. Zahlreiche Vorstöße hat es in den vergangenen Jahren gegeben, diesen Umstand zu beseitigen. Doch ebenso verlässlich wie das Thema des Komplettumzugs aufkommt, ertönt der fraktionsübergreifende Aufschrei der mächtigen Landesgruppen Nordrhein-Westfalens. Es wird dabei bleiben: Die eine Seite verweist auf die immensen Kosten der getrennten Verwaltungen, die andere auf die Zusagen aus dem Berlin/Bonn-Gesetz.

Doch das politische Bonn hat, abseits bundespolitischer Überbleibsel, noch mehr zu bieten. So prangt seit einigen Jahren das Emblem der Vereinten Nationen an der Spitze des „Langen Eugen“, dem Hochhaus am Rheinufer, in dem zu Hauptstadtzeiten die Abgeordnetenbüros untergebracht waren. Es verweist auf das regionale Informationszentrum für Westeuropa der Weltstaatenorganisation und den „UN-Campus“, die nun im alten Regierungsviertel ansässig sind. Zusätzlich wurden diverse UN-Sekretariate nach Bonn verlegt oder hier neu gegründet. So das Klimasekretariat, das Sekretariat zur Bekämpfung der Wüstenbildung oder auch jenes „des Abkommens zur Erhaltung der europäischen Fledermauspopulationen“.

Entwicklungspolitik  und Großkonzerne

Wo der Schwerpunkt der Arbeit im Langen Eugen liegt, ist eindeutig – auf der Hilfe der Industrienationen für die Länder der „Dritten Welt“. Weil auch das  zuständige Bundesministerium nur wenige Meter Luftlinie vom „UN-Campus“ entfernt seinen Sitz hat, ist Bonn zur deutschen Hauptstadt der Entwicklungszusammenarbeit geworden. Es ist kein Zufall, dass VENRO, der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungs-organisationen und ein Großteil seiner Mitglieder hier ihren Sitz haben.

Und dann sind da natürlich auch noch die beiden weltumspannenden Konzerne, Deutsche Post und Telekom, zwei Arbeitgeber von exorbitanter Größe, die sich mit ihren Zentralen in der Stadt niederließen. Beide 1995 aus der Privatisierung der Deutschen Bundespost hervorgegangen, prägen sie das Leben in Bonn genauso wie dessen Stadtbild. Der Post Tower, das bei weitem höchste Gebäude der Stadt, prägt die Skyline Bonns und nach dem magentafarbenen  Riesen ist nicht nur das Basketball Team, sondern auch eine Linie der Stadtbahn benannt.

Neuer Geltungsdrang

Früher Abgeordnetenhaus, heute UN-Zentrum: Der Lange Eugen.Wo große Organisationen sind, da wird auch viel konferiert. Bonn ist im Wochentakt Gastgeber hoher Persönlichkeiten der internationalen Politik. Um den eigenen Status als Konferenzstandort auszubauen, entschied sich die Stadt denn auch, die Maurerkelle in die Hand zu nehmen. Der Bau eines Kongresszentrums von internationalem Format, das „World Conference Center Bonn“ (WCCB), wurde geplant und in Angriff genommen. Diesmal jedoch sollte nicht gekleckert, sondern geklotzt werden, die Zeiten als bescheidene Hauptstadt einer bescheidenen Republik sind schließlich vorüber. Prompt legte Bonn eine finanzielle Bauchlandung hin.

Baustopps und eine Vielzahl abgesprungener Investoren ermöglichte der lokalen Presse eine Serie von Artikeln mit dem Titel „Die Millionenfalle“. Diese hat mittlerweile über 20 Kapitel und ein nach wie vor offenes Ende.

Der Bau des WCCB, ein Schrei nach Aufmerksamkeit der „vergessenen Stadt“? Ein wenig vom rheinischen Understatement der Hauptstadtjahre hätte durchaus wohltuend wirken können. Denn nötig hat Bonn solch ein Verhalten eigentlich nicht. Die Stadt prosperiert, auch unterstützt von 1,4 Milliarden Euro an Subventionen, die in die Umstrukturierung flossen. In Zeiten, in denen andere Kommunen ums nackte Überleben kämpfen müssen, geht es ihr relativ gut. Bonn ist vielleicht nicht so „sexy“ wie manch andere Stadt, dafür aber auch nicht ganz so arm.


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2 Kommentare auf “Was macht das alte Bundesdorf?

  1. Die pseodsarkastische Schreibweise nervt beim Lesen. Komm erst mal mit Dir selber klar, bevor Du dich in Sarkasmus übst!

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