Vom Prärie-Anwalt zu „Humble Abe“

Abraham Lincoln prägte wie nur wenige seiner Amtskollegen die Entwicklung der USA. Ronald D. Gerste zeichnet in erfrischender Weise seinen Lebensweg von den Anfängen als „Prärie-Anwalt“ über die Rolle im Bürgerkrieg bis zum tragischen Ende nach. Von Jodok Troy

Eines hat Abraham Lincoln (1809-1865), 16. Präsident der USA (1860-1865), mit vielen seiner Vorgänger und Nachfolger gemeinsam: Er wurde von seinen Zeitgenossen unter- beziehungsweise falsch eingeschätzt. Eines unterscheidet ihn aber auch von vielen seiner Kollegen: Zielstrebigkeit, Realismus, aber auch Humanismus wurden rasch derart groß, dass viele für „Vater Abraham“ zu den Waffen griffen und die noch junge amerikanische Demokratie vor der Spaltung bewahrten. Viel ist über diesen Präsidenten geschrieben worden, darunter nicht wenige Biographien. Für jeden Autor ist es daher immer ein gewisses Wagnis, sich erneut auf die Materie einzulassen und dabei nicht im Schatten anderer Biographen zu versinken.

Ronald D. Gerste gelingt es aber dank seines erfrischenden Erzählstils, das Leben und Werk Abe Lincolns einfach und zugleich fundiert näherzubringen. Gerste ist ein ausgewiesener Kenner der amerikanischen Geschichte. Die Werke des Magdeburger Arztes und Historikers reichen von First Ladies der USA, Defining Moments – Amerikas Schicksalstage, Amerikanische Dynastien bis hin zum Duell ums Weiße Haus. Seine Kenntnisse der historischen und politischen Gegebenheiten der USA werden auch in seiner Biographie Abraham Lincoln. Begründer des modernen Amerika durchgehend deutlich. Der Autor versteht es, historische Begebenheiten in einen größeren Kontext einzubetten sowie Bezüge zur Gegenwart herzustellen.

Die politische Karriere – der Modernität verpflichtet

Einen ersten Namen hat sich Lincoln einst als durch die Prärie reisender Anwalt gemacht. Entsprechend der damaligen Umstände – der dünnen Besiedelung – war es üblich, dass Anwälte in größeren Abständen zu den Gerichtsterminen reisten. Daher der Spitzname „Prärie-Anwalt“. Früh entdeckte Lincoln, dem das Image einer bodenständigen Simplizität anhaftete, sein Interesse für die Politik. Bereits im Alter von 23 Jahren kandidierte er für die state legislature, die gesetzgebende Versammlung von Illinois.

Sein Wahlprogramm war charakteristisch für die USA zu jener Zeit, aber auch für Lincoln selbst: Ausbau der Infrastruktur, insbesondere der Eisenbahn. Zu jener Zeit (1832) waren in den USA schon einige Hundert Kilometer Schienen verlegt, in Deutschland hingegen wurde die erste Eisenbahnstrecke erst drei Jahre später eingeweiht. Weiterhin lässt sich in jenem Wahlprogramm auch Lincolns Motivation für die Kandidatur nachlesen, die ihn sein Leben lang prägen sollte und nicht zuletzt auch zu seinem späteren Spitznamen Humble Abe – ehrlicher Abe – beitragen sollte. Bereits hier kann festgestellt werden, was für ein Politiker aus Lincoln werden sollte: ein aufrichtiger, demokratischer, in der republikanischen Tradition stehender und vor allem realistischer.

„[I]ch kann für mich nur sagen, dass ich keinen größeren Ehrgeiz habe, als aufrichtig eingeschätzt zu werden von meinen Mitmenschen, indem ich mich dieser Wertschätzung für würdig erweise. […] Ich habe keine reichen oder bekannten Verwandten, die mich empfehlen könnten. Mein Schicksal liegt ausschließlich in den Händen unabhängiger Wähler und wenn ich gewählt werde, haben sie mir eine Gunst erwiesen, die ich durch unermüdliche Arbeit kompensieren möchte. Aber wenn die guten Menschen es in ihrer Weisheit für richtig erachten, mich im Hintergrund zu belassen, so bin ich mit Enttäuschungen allzu sehr vertraut, als dass ich sehr verärgert wäre.“

Staatsmännischer Realismus Roland Gerste

Lincolns Realitätsbezug zeichnet sich vor allem durch sein Verständnis von Verantwortung aus, insbesondere der Verantwortung für die Nation. Lincoln wird nicht umsonst oft von den Vertretern der realistischen Schule internationaler Politik (z.B. Hans J. Morgenthau) als Beispiel für gelebte realistische und staatsmännische Verantwortungsethik zitiert. Dies wird vor allem durch seine Einstellung zum Bürgerkrieg und zur Sklaverei deutlich, beide beinahe untrennbar miteinander verbunden und zugleich Lincolns defining moments:

„Ich würde sie [die Union] auf dem kürzesten Weg retten, den die Verfassung vorsieht […] Mit denjenigen, die die Union nicht retten wollen, wenn sie nicht gleichzeitig die Sklaverei retten könnten, stimme ich nicht überein. Mit denjenigen, die die Union nicht retten wollen, wenn sie nicht gleichzeitig die Sklaverei zerstören könnten, stimme ich nicht überein. Mein alles überragendes Ziel in diesem Kampf ist die Rettung der Union und nicht entweder die Rettung oder die Zerstörung der Sklaverei. Wenn ich die Union retten könnte, ohne irgendeinen Sklaven zu befreien, würde ich es tun. Und wenn ich sie retten könnte, indem ich einige Sklaven befreie und mich um andere nicht kümmere, würde ich es tun. Was ich wegen der Sklaverei und der farbigen Rasse unternehme, tue ich, weil ich glaube, dass es hilft, die Union zu retten.“

Die allgemeine Erinnerung an Lincoln ist in erster Linie mit dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) – der drohenden dauerhaften Spaltung der USA und der Abschaffung der Sklaverei – verbunden. In seiner Rolle als oberster Befehlshaber offenbarte sich Lincolns innerstes Wesen, gelang seine wohl eindrucksvollste Rede, die Gettysburg Address, endend mit den geflügelten Worten: „Auf dass die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk niemals von der Erde verschwinden möge“. In die Zeit des Bürgerkriegs fiel auch seine Wiederwahl, die erste weitgehend freie Wahl während eines Krieges. Dies ist insofern bemerkenswert, weil die Mehrzahl der am grausamen Krieg beteiligten Soldaten der Nordstaaten für Lincoln stimmten – und nicht durch seine Abwahl auch ein Ende des Krieges wählten.

Historische Parallelen

Anfang Februar 2009 wird der 200. Geburtstag von Abraham Lincoln gefeiert. Die gut geplante politische Inszenierung zur Amtseinführung des 44. Präsidenten der USA, Barack Obama, mit Parallelen zu Lincolns Lebenslauf lag daher nahe. Obama leistete seinen Amtseid auf jene Bibel, auf die einst auch Lincoln seinen Eid ablegte. Bereits die Anfahrt nach Washington D.C. vollzog Obama wie einst Lincoln – mit dem Zug.

Das Buch wird durch einen Anhang, bestehend aus einer Zeittafel über die bedeutendsten Meilensteine in Lincolns Leben sowie durch einen Stammbaum (der letzte Nachfahre verstarb 1984) abgerundet. Hervorzuheben ist schließlich ein in deutschsprachigen Fachbüchern leider selten gewordenes Register. Alles in allem eine informative, flüssig zu lesende und mitreißende Biographie, die durch den wissenschaftlichen Apparat auch für Detailinteressierte empfehlenswert ist. Dem Leser wird in dieser Biographie nicht nur der interessante private und öffentliche Mensch Lincoln nähergebracht. Es gelingt dem Autor durchweg auch, die politischen und gesellschaftlichen Konstellationen der USA sowie deren junge Geschichte, insbesondere die des Bürgerkrieges, verständlich aufzuzeigen.

Gerste, Ronald D., Abraham Lincoln. Begründer des modernen Amerika

(2008), Regensburg, Pustet, 256 S.,

ISBN 3791721305, 26,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Pustet Verlag. Der Verlag im Internet


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