Visionen von gestern – für heute

1922 fiel Walter Rathenau einem rechtsextremistischen Attentat zum Opfer. Der Historiker Lothar Gall zeichnet beeindruckend Rathenaus Bild einer gerechten Gesellschaft nach und zeigt, wie aktuell seine Visionen bis heute sind. Von Andreas Morgenstern

Große Plätze und bedeutende Straßen werden nach ihm benannt. Und mancher steigt beinahe täglich an einer seinen Namen tragenden Haltestelle in Bus oder Bahn ein. Fragt man sich aber, wer dieser für so viele täglich präsente Walter Rathenau gewesen ist, dann fallen zumeist nur die noch aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung gebliebenen Schlagworte ein: Außenminister, Rapallo und Ermordung. Eigentlich sichere Voraussetzungen, um früher oder später zu einem jener Säulenheiligen zu werden, die man allein mit grauer Vergangenheit in Verbindung bringt, deren Leben als uninteressant gilt.

Da überrascht es, wie aktuell die Ideen Walter Rathenaus auch und vielleicht gerade heute sind, 87 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod. Um es schon an dieser Stelle zu sagen, dem Frankfurter Neuzeithistoriker Lothar Gall,  gelingt es mit Bravour, die Lebensumstände des Liberalen Rathenau nachzuzeichnen. Aus großbürgerlichen Verhältnissen stammend, hatte sich der in Kaiserreich und früher Weimarer Republik  mit noch in der Gegenwart visionär erscheinenden Konzeptionen eingesetzt für eine Modernisierung von Staat und Gesellschaft.

Gall zeichnet auf nur 250 Seiten ein vielschichtiges Bild von den Entwicklungen der deutschen Jahre rund um den „Großen Krieg“ von 1914-18, die Rathenau mitzuprägen versuchte, die aber auch ihn veränderten. So greift der Band über den biographischen Ansatz hinaus und versetzt seine Leser in eine Zeit, als ein neues Bürgertum die sogenannte Moderne auch in das zwar wirtschaftlich prosperierende, politisch und kulturell aber stagnierende Deutsche Reich einpflanzen wollte.

Ein Außenseiter…

Autor Prof. Lothar GallSpannend beschreibt Gall die Beeinflussung und zugleich Reibung zwischen dem Großindustriellen-Sohn Walter Rathenau und dem neuen Bürgertum – darin sammelten sich die Gewinner der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung wie Beamte und Angestellte. Rathenau trägt zwar viele der Ideen eines Aufbruchs auch in Widerspruch zu den Eliten mit, trifft und sammelt um sich Künstler und Gelehrte und versucht sich selbst an philosophischen Studien, gehört aber eigentlich als Erbe des AEG-Konzerns selbst zu ihr. So ist er beiden Seiten als Außenseiter suspekt und wird Zeit seines Lebens unter diesem Zwitterdasein leiden. Eher gilt er dank seiner Wirtschaftskontakte in der Leitung der AEG und einer Vielzahl anderer Unternehmen als „Aufsichtsrathenau“ – wahrlich kein Kompliment.

Gall lässt Hugo von Hofmannsthal über Rathenau zu Wort kommen, der unter anderem eine „nicht wahre Haltung seines Körpers“ und seinen Unsicherheit ausstrahlenden Auftritt monierte. Auf der anderen Seite entfremdete er sich vom Großbürgertum. So ist sein Vorschlag einer massiven Erhöhung der Erbschaftssteuern für sie ein Albtraum und macht Rathenau zu einem unbedingt zu bekämpfenden Gegner. Der liberale Jude sitzt letztlich so zwischen allen Stühlen, voller Visionen, aber ohne wirklichen Einfluss und Unterstützung.

… als Symbolfigur des Zeitenwandels…

Schließlich zeigt Gall so das Profil einer Symbolfigur für diese Zeit des ruhelosen Auf- und Umbruchs der Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Rathenau veröffentlicht einige Traktate, kämpft letztlich erfolglos um die Position der Nummer Eins bei der AEG, träumt den Traum vieler seiner jüdischen Zeitgenossen von einer Symbiose zwischen Juden- und Deutschtum. Trotz solches ehrenwerten Strebens wäre Rathenau aber heute damit wohl vergessen. Dass dem nicht so ist, liegt aber nicht an seinen Reformideen – obwohl seine Schriften zur gesellschaftlichen Verantwortung der Wirtschaftsführer den heutigen Entscheidungsträgern wohl manche erhellende Einsicht geben könnten.

Der von Rathenau nicht begrüßte Kriegsausbruch 1914 bringt ihn doch noch an die Schaltstellen der Politik. Nun kann er endlich sein Konzept einer engen Verzahnung von Wirtschaft und Staat umsetzen. In kurzer Zeit gelingt ihm die Planung einer effektiven Kriegswirtschaft. Doch auch dieser Aufgabe ist nur eine begrenzte Lebenszeit beschieden. Nach der Niederlage interessieren sich weder die neuen Machthaber noch die bisherigen Wirtschaftseliten für eine Weiterführung dieses von Rathenau 1918 in seinem zuvor vielgelesenen und vielgeschmähten Werk „Von kommenden Dingen“ beschriebenen kooperativen Modells einer Selbstverwaltung der Wirtschaftsgruppen unter behördlicher Mitwirkung. Rathenau scheint erneut gescheitert.

… und Idealist der gerechten Gesellschaft

Der Idealist einer neuen gerechten Gesellschaft ist aber auch ein Stehaufmännchen. Er zieht sich nicht als Privatier verbittert zurück, sondern engagiert sich in der neuen linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), obwohl er auch hier kritisch beäugt wird. Schließlich macht er sich aber einen Namen als entschiedener Vertreter der „Erfüllungspolitik“: Wenn die Reparationsforderungen der Kriegsgegner schon das deutsche Leistungsvermögen übersteigen, dann ist ihnen das nur durch die eigene Bereitschaft zur bestmöglichen Erfüllung der Forderungen zu beweisen.

Leidend auch unter dem wachsenden Antisemitismus wird Rathenau so zum meistgehassten Gegner der unversöhnlichen, antidemokratischen Rechten. Ihre Vorurteile sehen sie bestätigt, als der inzwischen zum Reichsaußenminister Aufgestiegene am Rande des europäischen Wirtschaftsgipfels von Genua im nahegelegenen Rapallo einen Vertrag mit den bolschewistischen Outlaws aus Moskau schließt. Dass Rathenau selbst eine engere Zusammenarbeit mit Frankreich vorgezogen hätte und dieses Abkommen nur als letztes Mittel gegen einen franko-sowjetischen Zusammenschluss und damit die internationale Isolation Deutschlands sah, ignorierten sie. Es lag außerhalb ihres schlichten Weltbildes. Das diplomatische Geschick dieses an die Freiheit glaubenden Visionärs bedeutete schließlich sein Todesurteil. Ein Attentat von Sympathisanten der Organisation Consul beendete am 24. Juni 1922 sein Leben. Die Demokratie von Weimar verlor mit ihm einen ihrer wenigen entschiedenen Anhänger.

Lothar Gall beeindruckt mit seiner detailreichen Beschreibung einer Schlüsselepoche deutscher Geschichte und eines ihrer herausragenden Akteure. Walter Rathenau war eben nicht jener von Robert Musil abqualifizierte „Mann ohne Eigenschaften“. Die Lektüre verdeutlicht zwei Dinge: Die Weimarer Republik hätte mit mehr Anhängern der Art Rathenaus durchaus eine Überlebenschance gehabt und die Ideen eines gerechten Ausgleichs zwischen Kapital und Gesellschaft haben auch heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. So gesehen kann es ruhig noch ein paar an Rathenau erinnernde Straßen und Plätze mehr geben.

Gall, Lothar
Walter Rathenau. Portrait einer Epoche,
(2009), München, C.H. Beck,
298 S., ISBN 978-3-406-57628-7, 22 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag C. H. Beck.


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