Unvermeidliches Ende

Als die Mauer vor zwanzig Jahren fiel, kam das für viele Menschen hüben wie drüben überraschend. Allerdings kämpfte die DDR-Führung, wie Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem neuesten Buch zeigt, ein längst verlorenes Spiel. Von Alexander Christoph

Was ist nicht alles geschrieben worden in diesem Jahr, über die DDR, die deutsch-deutschen Beziehungen, über die friedliche Revolution, Stimmen von Zeitzeugen waren zu vernehmen – über die Flucht, über die Unterdrückung, über alles mögliche. „Wer soll das alles lesen?“, könnten sich manche in der Buchhandlung in aller Stille fragen. Das kann keiner leisten. Auswahl zu treffen, tut Not. Ein lesenswertes Buch hat jetzt Ilko-Sascha Kowalczuk vorgelegt: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR.

Grauer, trister DDR-Alltag

Darin schildert der Historiker, der früher Baufacharbeiter lernte, dann als Pförtner arbeitete und im Augenblick Mitarbeiter der Forschungsabteilung bei der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BstU), kurz Birthler-Behörde, ist, wie und vor allem weshalb es zum Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik kommen musste. Er erzählt vom grauen tristen DDR-Alltag genauso wie von der ideologischen Bevormundung über das Überwachungssystem der Stasi bis hin zur Ausreisewelle, der Gründung des Neuen Forums oder den alles entscheidenden unvollendeten Satz von Günter Schabowski über die Reiseerleichterungen. „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“

Die Zeitspanne, die er dabei abdeckt, konzentriert sich lediglich auf ein paar Jahre – Mitte der 1980er Jahre bis Anfang 1990 –, allerdings werden diese äußerst detailliert und aufschlussreich abgehandelt. Zunächst widmet sich Kowalczuk den ersten Anzeichen der Gesellschaftskrise, sprich den Krisensymptomen, wie der darniederliegenden Wirtschaft, den offensichtlichen Mängeln, den gesellschaftlichen Gegenbewegungen zum Sozialismus, um dann den Übergang von der Gesellschafts- zur regelrechten Diktaturkrise zu beschreiben. Die Schilderungen enden dann mit dem Untergang der DDR, werfen allerdings noch einen Blick auf die ersten freien Wahlen 1990.

Dabei lässt sich Kowalczuk unter anderem von folgenden Fragen leiten: Wie beeinflusste etwa Gorbatschows Glasnost und Perestroika die Menschen in der DDR? Auf welche Pfeiler stützte sich der Macht- und Herrschaftsapparat? Wie sah der Alltag der einfachen Bevölkerung im Sozialismus aus? Welche Krisensymptome zeichneten sich lange vor 1989 ab? Welche Rolle nahm die Opposition in jenen Tagen ein? Fragen über Fragen, Antworten über Antworten. Durchaus gelehrig, dennoch nie hochtrabend kommen die Analysen von Kowalczuk daher.

Das letzte Aufbäumen

kowalSo zeigt der Autor (Bild links), dass die SED-Führung Perestroika und Glasnost „rundherum ablehnte“. Was vorher undenkbar war, geschah. Die Oberen in der DDR opponierten offen gegen die Sowjetunion. Erich Mielke liest sogar dem sowjetischen Generalmajor Leonid Scherbarschin, dem Leiter der KGB-Spionageabteilung, wegen den Reformprozessen in Polen, Ungarn und generell in der Sowjetunion die Leviten. Zudem durfte die in der DDR äußerst beliebte sowjetische, aber deutschsprachige Zeitschrift Sputnik 1988 nicht ausgeliefert werden.

Bereits durch solche Episoden erkennt der Leser, wie kaputt die DDR zu diesem Zeitpunkt schon gewesen war – und der Machtelite dies, zumindest in Teilen, durchaus bewusst war. Kein Wunder, aufgrund zu geringer Investitionen in die Infrastruktur, waren in Ostdeutschland nicht nur die Straßen marode. Kowalczuk bemängelt den „miserablen Zustand der Produktionsanlagen in allen Volkswirtschaftszweigen“. Vieles lag im Argen: „Im Vergleich zur BRD gab es in der DDR eine 4,6-mal höhere Sterberate bei an sich heilbaren Krankheiten. Diagnostik und Therapie blieben, materiell bedingt und wegen schlechter Forschungsmöglichkeiten, im internationalen Vergleich zurück.“

Ein Patient im Siechtum

Mindestens ebenso so gravierend: „1982 galt die DDR international als zahlungsunfähig“, sprich sie war pleite. Vor dieser Realität konnten Erich Honecker und die Seinen die Augen einfach nicht verschließen, möchte man meinen, und doch dauerte es noch Jahre ehe der Staat zusammenbrach. In der Zwischenzeit übte sich die Bevölkerung in der Kunst des Hinschauens und gleichzeitigen Wegsehens – sei es bei den Umweltsünden oder beim regelmäßigen Schlangestehen für die Güter des täglichen Bedarfs –, dem Zwischen-den-Zeilen-Lesens bei der Lektüre der Tageszeitungen und noch viel mehr.

Interessant auch, die Rolle der Kirche innerhalb der Opposition. „ Sie war die einzige verbliebene Großinstitution, die eigenständig und unabhängig von der SED in der DDR agierte, anders als in den meisten Ostblockstaaten übrigens.“ Und so war „die Geschichte der Opposition in den achtziger Jahren eng mit den evangelischen Kirchen verbunden“. Freilich, auch der einfache Bürger äußerte seinen Unmut. „Die einen zogen sich noch mehr zurück, andere wollten nur noch raus, dritte engagierten sich für Veränderungen.“

Das sozialistische Deutschland zerfällt zu Staub

Dennoch: der Untergang der DDR, das plötzliche zu Staub zerfallen eines scheinbar so stabilen Systems, war für viele Menschen hüben wie drüben eine Überraschung. Trotz der vielfältigen Krisensymptome, trotz der katastrophalen Wirtschaftslage, trotz der politischen Reformunfähigkeit des SED-Regimes, trotz der Ausreisewelle, glaubten nicht mal die Politiker 1989 an eine rasche Wiedervereinigung. Die Geschichte sollte sie alle eines Besseren belehren.

Es bleibt festzuhalten: Ilko-Sascha Kowalczuk beleuchtet die Ereignisse vor und kurz nach 1989 kenntnisreich, nie langweilig, teils mit Witz und Ironie. Er schildert die ersten leichten Risse in der DDR-Welt, das Aufkeimen der Bürgerrechtsbewegung, das Erstarken des Protests – Dinge, die zwangsläufig auf das Ende der Deutschen Demokratischen Republik hinauslaufen mussten. Befürworter und Gegner des SED-Regimes befanden sich Ende der 1980er Jahre im Endspiel. Und es siegte die Demokratie und die Freiheit.

Kowalczuk, Ilko-Sascha
Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR
(2009), Verlag C. H. Beck, München
602 Seiten, ISBN 978-3-406-58357-5, 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen bei Frank Ebert (Autorenfoto) und beim Verlag C.H. Beck (Cover). Der Verlag im Internet.


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