Schonungslose Geschichtsaufarbeitung

chrparlamentDer österreichische Umgang mit der eigenen Geschichte erweist sich in vieler Hinsicht als so kontrovers wie die Geschichte selbst. Zwei Wiener Historiker bringen mutig Licht in die oft verzerrten Perspektiven. Von Christoph Rohde

Heute vor 75 Jahren, am 25. Juli 1934, überfielen als Soldaten des Bundesheeres und Polizisten verkleidete SS-Leute der Standarde 81 das österreichische Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz. Der lange vorbereitete und von Hitler zunächst geduldete Putsch endete mit der Ermordung des autoritär-ständestaatlich regierenden Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß. Der auch in mehreren Bundesländern stattfindende Putsch wurde schließlich niedergeschlagen und eine nationalsozialistische Regierung unter Anton Rintelen wurde verhinder. Sehen die einen Wissenschaftler in dem Widerstand der „Austro-Faschisten“ gegen Hitler einen Beweis dafür, dass Österreich das erste Opfer Hitlers gewesen sei, so relativieren viele jüngere Historiker diese These. Passend zu diesem Datum stellen wir ein Buch über die Geschichte Österreichs in den letzten neunzig Jahren vor.

Kommt Österreich aus seinem verkrampften Umgang mit der eigenen Historie heraus? Hannes Leidinger, Gastprofessor für Österreichische Geschichte an der Universität Wien und Verena Moritz, Lektorin an selbigem Institut, riskieren einen offenen Blick auf die beiden österreichischen Republiken – die erste von 1918 bis 1938 und die zweite, die 1945 ins Leben gerufen wurde, aber erst mit dem Staatsvertrag von 1955 ihre Souveränität erlangte. Die Arbeit Die Republik Österreich 1918/2008: Überblick, Zwischenbilanz, Neubewertung – geschrieben aus Anlass des 90. Geburtstages der ersten Republik und begleitet von einer großen Parlamentsausstellung – widmet sich der magischen Datenreihe 1918, 1938, 1968 sowie 2008 und diskutiert Bruchstellen und Kontinuitäten österreichischer Politik. Herausragend ist die Einbettung der historischen Gegebenheiten in die politische Großwetterlage in der Gegenwart.

Der schwere Abschied von der Monarchie

Der 12. November 1918 brachte drei Tage nach der Abdankung des deutschen Kaisers auch in Österreich den Abschied von der Monarchie, indem die Republik Deutschösterreich durch die Provisorische Nationalversammlung, zu der sich alle deutschsprachigen Abgeordneten des 1911 gewählten Reichsrats am 21. Oktober 1918 zusammengeschlossen hatten, ausgerufen wurde. Der aus wirtschaftlichen Gründen geplante Anschluss der jungen Republik an das Deutsche Reich (Anschluss) wurde von der Pariser Friedenskommission 1919 untersagt. Die Geburtsstunde der Demokratie, so zeigen die Autoren, war jedoch von enormer Gewalt durch Sozialisten (republikanischer Schutzbund) und anti-marxistisch-konservative Milizverbände, den späteren Heimwehren, gekennzeichnet. Tendenziell, so Leidinger, setzten sich die noch an die Monarchie glaubenden Kräfte in den Reihen von Exekutive und Justiz durch. Doch die Sozialdemokraten halfen kräftig dabei mit, bei der breiten Bevölkerung die Angst vor der „Diktatur des Proletariats“ zu schüren.

Der Parlamentsbrand und die Folgen

plakat4Am Abend des 14. Juli 1927 verbreitete sich die Nachricht vom so genannten Schattendorfer Urteil. Der Prozess gegen drei Mitglieder einer rechtsradikalen Gruppierung im burgenländischen Schattendorf, die bei einem Zusammenstoß mit Sozialdemokraten zwei Menschen erschossen, hatte mit dem Freispruch aller drei Angeklagten durch ein Geschworenengericht geendet.
Darauf kam es in Wien zum Brand des Justizgebäudes vom 15. Juli, der durch einen Mob verursacht wurde und letztlich den Sozialdemokraten in die Schuhe geschoben wurde. Von dort an war eine Annäherung der Christlichsozialen Partei und der Sozialdemokratie quasi ausgeschlossen. Die Spaltung führte in den „Bürgerkrieg“, der in Linz am 15. Februar 1934 begann. Gegenüber standen sich in diesen Auseinandersetzungen die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) sowie deren militärischer Arm, der Republikanische Schutzbund, auf der einen Seite und der austrofaschistische Ständestaat sowie dessen Bundesheer und Heimwehr auf der anderen Seite.

Austrofaschismus – ja oder nein?

Sind italienischer, deutscher und österreichischer Faschismus miteinander vergleichbar? Bedingt, so Leidinger. Die berühmt-berüchtigte Selbstausschaltung des Parlaments, die durch eine am 4. März 1933 eingetretene Entscheidungsblockade des österreichischen Nationalrates eingetreten war, weil Parlamentspräsident Karl Renner zurückgetreten war, wurde von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zu einer dauerhaften Ausschaltung desselbigen genutzt, kritisiert der linke Historiker. Er zeigt klar auf, wie nationalistische, monarchistische und christlich-konservative Kräfte schließlich eine undemokratische Allianz bildeten, die in ein autoritäres Regime führten.

Der Mythos vom „Opfer Österreich“

Es gibt jedoch auch Gründe, die eine Vereinheitlichung des (exekutiven) Politikprozesses in Österreich geraten erscheinen ließen und die der Autor ein wenig in den Hintergrund drängt. Österreich war als Kleinstaat wirtschaftlich schwach, so dass seine Existenz allein von äußeren Mächten gewährleistet werden konnte. Hitler nutzte diese Abhängigkeit, indem er gegen den vom Fremdenverkehr stark abhängigen Alpenstaat eine Sondersteuer verhängte, die Tausendmarksperre. Dadurch erhöhten sich Armut und Arbeitslosigkeit noch erheblich. Dazu zerstörten dauernde Terroranschläge durch österreichische Nationalsozialisten Teile der Infrastruktur des Landes, was zu permanenten Notstandsverhältnissen in verschiedenen Regionen führte.

Und am 25. Juli 1934 ermordeten deutsche Nationalsozialisten den autoritären Kanzler, der vergeblich um eine eigene „Österreich-Identität“ gekämpft hatte. Sehen einige Historiker Dollfuß als „Märtyrer“ und Österreich als erstes Opfer Hitlers – so Gottfried-Karl Kindermann in seinem Österreich gegen Hitler – glauben Leidinger und Moritz, dass das autoritäre Regime den Boden für die Ideen des Nationalsozialismus bereitet habe. Tatsache ist, dass Österreich sich ab 1936, als Mussolini mit Hitler zu paktieren begann und Österreich geradezu von zwei Diktatoren eingezwängt worden war, langsam von den Ideen und Praktiken der Nazis penetrieren ließ. Das Ergebnis war der Anschluss im März 1938. Da halfen auch Kanzler Kurt Schuschniggs Worte „rot-weiß-rot – bis in den Tod“ nichts.

Die fortdauernde Spaltung

plakat6Besonders originell ist die Verbindung der historischen Darstellung mit Problemlagen Österreichs in der Gegenwart. Die Geschichtsaufarbeitung, so die Wiener Historiker, ist in der Alpenrepublik nicht so ehrlich wie in Deutschland. Der Mythos des Staatsvertrages aus dem Jahr 1955 als Befreiung von fremder Herrschaft wird von den Verfassern dekonstruiert. „Österreich ist frei“ hatte auf dem Balkon des Schlosses Belvedere der österreichische Bundeskanzler Leopold Figl verlauten lassen. Ein Satz, der die Unfreiheit der Nation vor allem auf die Nationalsozialisten abwälzt. Andererseits belegen Leidinger und Moritz, dass die Österreicher in mancher Hinsicht – so bei der Folter von Gefangenen in Konzentrationslagern – die „besseren Nazis“ gewesen seien.

Die Autoren identifizieren Mentalitäten, die die Republik bis in die Gegenwart bestimmen. Das Jahr 1968 habe zu einem unlängst klein geredeten Umdenken in vielen gesellschaftlichen Bereichen geführt, aber gerade die SPÖ habe nur „einen pragmatischen Eklektizismus“ betrieben und sich zu einem Protagonisten einer Wohlstands- und Vollkasko-Gesellschaft gemacht. Die SPÖ findet ihre Rolle auch in der Gegenwart nicht. Unter Alfred Gusenbauer scheiterte die große Koalition; die SPÖ findet sich mit Kanzler Werner Feymann zwar wieder an der Macht, aber weiter ohne großen Gestaltungsspielraum. Die Historiker sehen mit Schaudern auf die politische Gegenwartsentwicklung.

Ein zentraler Überblick

Spritzig und dennoch historisch detailliert und vollständig haben die Autoren die letzten 90 Jahre Österreichs durchdrungen und systematisch dargestellt. Kein wichtiges Datum fehlt, das Identität und Mentalitäten der Alpenrepublik geprägt hat. Sehr klar wird die Problematik eines Landes geschildert, das den Abstieg von einer Weltmacht zu einem Kleinstaat schwer verkraften kann und von allerlei Lebenslügen und Neurosen durchdrungen wird. Für Interessierte an österreichischer Geschichte ist dieses Buch ein wertvoller Einstieg, aber auch für Studierende.

Leidinger, Hannes; Moritz, Verena : Die Republik Österreich 1918/2008: Überblick, Zwischenbilanz, Neubewertung. (Gebundene Ausgabe),  ZSOLNAY-VERLAG (2008), ISBN-13: 978-3552060876, 19,90 Euro. 287 Seiten.

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