PhantomGesichter – Teil 2 –

biometrie_2a_grosIm ersten Teil des Berichts zur Potsdamer Tagung über biometrische Bilder, PhantomGesichter, wurde der interdisziplinäre Dialog und die technisch-naturwissenschaftlichen Aspekte des Themas behandelt. Der zweite Teil widmet sich vor allem den kulturellen und philosophischen Perspektiven sowie der Kunstausstellung im Schaufenster Potsdam, die im Rahmen der Tagung stattfand. Von Nadja Ben Khelifa

Die Schilderung eines Feldversuchs mit biometrischer 3-D Gesichtserkennung im ersten Teil des Tagungsberichts lieferte Anhaltspunkte dafür, dass die rassistischen Tendenzen der Technik nicht auf diese selbst, sondern auf die Unbedachtheit der Entwickler zurückzuführen sind.
Der Kulturwissenschaftler Dietmar Kammerer sieht das Diskriminierungspotential dagegen in der Maschine selbst. Der Mensch habe sich aus der Erkennung seiner selbst herausgenommen und überlasse sie einer Maschine unter der Annahme, dass diese vorurteilsfrei arbeite. Das tut sie laut Kammerer allerdings nicht: „Selbst die klügsten Algorithmen [beispielsweise Computerprogramme] erkennen manche Farben besser als andere”. Woran das liegt, ist nicht klar, wie Kammerer berichtet. „Die Technik gibt ihre Wirkungsweise nicht preis”. Die Techniker selbst wüssten nicht, warum die Maschine so funktioniere. Angesichts des vorangegangenen Beispiels möchte man den Anteil menschlichen Zutuns an der Programmierung der Maschine doch nicht ganz vernachlässigen, sei es auch nur um Entwickler und Wissenschaftler nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen.

Kammerer aber ging es um die Mythenbildung über Biometrie und was diese tatsächlich kann, sowie um die daraus folgende Verunsicherung der Bevölkerung: „Je weniger wir die Technik verstehen, umso größer wird unser Glaube an Science Fiction.” Damit greift er die Begründung des Volkszählungsurteils des Bundesverfassungsgerichts von 1983 auf. Hier wurde den Bürgern ein weitgehendes Recht auf Datenschutz eingeräumt, mit der Begründung, dass Bürger eingeschüchtert werden können, wenn sie nicht mehr wissen, wer was von ihnen weiß.
Kulturell findet sich diese Angst laut Kammerer in dem Unbehagen gegenüber dem „digitalen Doppelgänger” wieder. Wenn wir nicht verstehen, was die biometrische Technik alles kann, dann könnte sie alles mögliche; und was man nicht versteht, das kontrolliert man auch nicht. Was also tun? Kammerer schlägt vor nicht konspirativ über Überwachung zu reden, andererseits aber auch “nicht nur Schäuble [zu] glauben”.

Blow Up

biometrie_2b_grosLaut Kammerer findet sich die Angst vor dem Doppelgänger in allen modernen Reproduktionsmedien. Zu Beginn des Filmzeitalters war der unheimliche Doppelgänger ein häufig wiederkehrendes Motiv im Film.
Anhand des Mediums Film zeigte der Designer Christian Mahler, dass biometrische Technik und deren gesellschaftliche Relevanz künstlerische Kreativität inspirieren. Mahler erstellte „Fingerabdrücke von Filmen”: Nachdem man seine 220306  Einzelbilder übereinander legt, ist Terminator 2 von James Cameron durchschnittlich blau, dagegen ist Michelangelo Antonionis Blow Up einfach nur noch ein schmutzig-grüner Fleck aus 159945 Filmeinzelbildern.

Der Film von Antonioni hat eine ganz besondere Bewandnis für das Thema der Tagung. In Blow Up (1966) geht es um einen Fotografen, der, nachdem er Fotos im Park aufnimmt, bei genauerer Hinsicht und durch Vergrößerungen von Bildausschnitten den Hinweis auf einen Mord zu erkennen glaubt. Schein und Wirklichkeit, Kontrollverlust des Menschen über die Technik, Konstruktion von Realität, dies sind Themen, die Antonioni bereits vor über 40 Jahren aufgriff und die entscheidend für unsere Befindlichkeiten im Umgang mit Bildern aller Art sind. Das kulturelle Unbehagen am Bild ist auch den vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten geschuldet, über die der Abgebildete keine Macht mehr hat.

biometrie_2d_grossOb es tatsächlich etwas Verborgenes zu entdecken gibt oder dies nur in der Einbildung liegt, das bleibt demjenigen mit der Interpretationshoheit überlassen. Im Falle von Blow Up ist dies der Zuschauer. In der außerfilmischen Realität ist dies schon problematischer: In welchen situativen Kontext stellt das Bild den Einzelnen, wenn sich beispielsweise gleichzeitig auch noch jemand anderes auf dem Bild befindet? In Zeiten der „Terrorfahndung” per Videoüberwachung kann die Konstruktion von Zusammenhängen für den Einzelnen, der zufällig neben einem Verdächtigen steht, zum Problem werden, weil dieser plötzlich selbst verdächtig wird. Auch im kulturellen Kontext werden im Laufe der Zeit Informationen aus dem Foto gelesen, die ohne den historischen Abstand zum Zeitpunkt der Aufnahme noch gar nicht abzusehen sind.

Der Durchschnitt als visuelles Vorurteil war Mahlers großes Thema, zu dessen Veranschaulichung er mit Fotografien arbeitete. Viele seiner Kunstexponate, zeigten anhand Galtons Prinzip des errechneten Durchschnitts, wie das Durchschnittsgesicht aus Fotos von 16 Berliner Männern aussieht oder die durchschnittliche Schulklasse aus 40 Fotos.

Singen gegen Paranoia

biometrie_2c_grosAn die Adresse der Politik richteten sich zum Schluss dann noch die Überlegungen des Philosophen Dieter Mersch. Er diagnostizierte deren Faszination mit Biometrie als Symptom einer „Paranoia der Macht”. Einen sicheren Beweis gäbe es nicht, auch nicht durch noch so ausgefeilte Technik. Dennoch bestünde das unheilvolle Bestreben der politisch Mächtigen nach absoluter Sicherheit, die sie jedoch nur weiter in die Paranoia führe. Dem Machbarkeitswahn und dem „paranoischen Kern der Macht” könne bisweilen nur die Kunst Einhalt gebieten. In seinem launigen Schlusswort schlägt Mersch daher den Sicherheitsfanatikern unter der politischen Elite mit einer Erzählung des Schriftstellers Italo Calvino vor, sich der Kunst zu widmen: „Ein König, der singt ist eben nicht ein König, der horcht”.

Was aber, wenn niemanden mehr die eigene Überwachung, die Aufzeichnung und statistische Auswertung der eigenen Bilddaten interessiert? Die Videoaufzeichnungen der Aktionskunst von Raul Gschrey, bei der er sich auf einem Bahnhof selbst in neongelbes Klebeband schnürt, veranschaulichten vor allem die Gleichgültigkeit der Bürger gegenüber dem, was sie im öffentlichen Raum umgibt und was dort passiert, inklusive Videoüberwachung. „Es war frustrierend, dass ich so gar keine Reaktion bekam”, sagte Gschrey. Sein Befund erinnerte daran, dass die eigentliche Gefahr des „Big Brothers” in der Indifferenz der Bürger gegenüber ihren Rechten liegt. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung umfasst auch die Aufzeichnung und Speicherung des eigenen Bildes. Dass das Recht am eigenen Bild durch Staat und Privatwirtschaft ausgehöhlt wird, wäre nur dann ein Skandal, wenn es auch tatsächlich jemanden stören würde.


Literatur:

Kammerer, Dietmar: Bilder der Überwachung, Frankfurt/ M., 2008.

Zurawski, Nils (Hrsg.): Surveillance Studies – Perspektiven eines Forschungsfeldes, Opladen & Farmington Hills, 2007.

Im Internet: Surveillance Studies. Das Forschungsnetzwerk zu Überwachung, Technologie und Kontrolle. http://www.surveillance-studies.org/blog/ .


Bildrechte liegen bei der Autorin, Nadja Ben Khelifa, ausser:
Foto Blow Up: ©Neue Visionen  http://www.muecke-filmpresse.de/


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