PhantomGesichter – Teil 1 –

Im Rahmen einer multidisziplinären Tagung und einer begleitenden Ausstellung zu biometrischen Bildern trafen sich Experten an drei Tagen im März in der Fachhochschule Potsdam. Unter dem Titel PhantomGesichter tauschte man sich über die technischen, kulturellen, sozialwissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Aspekte der Vermessung des Lebens aus. Von Nadja Ben Khelifa

Mit dem Begriff Biometrie (griech: Bios = Leben, Metron = Maß) verbindet man spontan die Debatte um den elektronischen Reisepass und die damit zusammenhängende Frage des Stellenwerts von staatlichen Sicherheitsinteressen gegenüber dem Schutz von Bürgerdaten. Während manche Kritiker der Biometrie das Sicherheitsargument für einen Vorwand halten, um den „Big Brother” zu installieren, diffamieren Sicherheitsbefürworter in solchen Auseinandersetzungen Datenschutz häufig als Täterschutz. Jenseits solcher rechtlichen und häufig parteipolitisch instrumentalisierten Debatten widmeten sich die Teilnehmer der Tagung den wissenschaftlichen Grundlagen biometrischer Bilddaten sowie den Grenzen und Gefahren von deren Erhebung und Anwendung.

Interdisziplinäre Verständigung

Der Veranstalter Ulrich Richtmeyer vom Studiengang Europäische Medienwissenschaft des Instituts für Künste und Medien der Universität Potsdam wollte die Multidisziplinarität der Tagung als ein “Dialogangebot” verstanden wissen. Es würde zwar keine neue Wissenschaft aus dem Austausch entstehen, wohl aber eine Erweiterung innerhalb der Wissenschaften, sagte der promovierte Philosoph in seiner Eröffnungsrede. So war die Konferenz an der Fachhochschule Potsdam nicht nur eine Messe- und Informationsveranstaltung mit Angehörigen von Forschungseinrichtungen wie den Fraunhofer Instituten. Sie war dank der Ausgewogenheit bei der Auswahl der Vortragenden aus den unterschiedlichsten akademischen Disziplinen vor allem eine Aufklärungsveranstaltung über historische Vorläufer der Vermessungstechniken des Gesichts, über philosophische Probleme mit biometrischen Verfahren sowie über kulturelle wie gesellschaftliche Dimensionen der Biometrie.

Das Angebot zum Dialog wurde von den Tagungsteilnehmern gerne angenommen. Nach jedem Vortrag zeigte sich in der anschliessenden Diskussion ein spontaner Austausch der Disziplinen. Der hielt neben interessiertem Staunen über die Herangehensweisen anderer Fachbereiche – wie die Begeisterung eines Kulturwissenschaftlers für eine 3-D Gesichtsanimation, die ihn an Theatermasken erinnerte – auch interdisziplinäre Angriffe bereit. So wies die im Publikum anwesende Humanbiologin den Vorwurf an ihre Disziplin zurück, mit der anthropometrischen Forschung einem potentiell rassistischen Denken und der Herausbildung eines ´Normalgesichts` Vorschub zu leisten.

Die Naturwissenschaftlerin wich ins Unpolitische aus und pries die nützlichen Aspekte ihrer Arbeit für die Motorrad- und Fahrradhelmindustrie. Diese Meriten wollten die Anwesenden der Anthropometrie zwar keineswegs absprechen, so richtig dafür interessieren mochte sich dann aber doch niemand.

Eine ähnliche Bagatellisierungsleistung erbrachte der Autor eines Buchs über die Herstellung des biometrisch korrekten Passbildes für Fotografen. Er stellte die diskriminierende Vorselektion, die bei Überwachungstechnologien wie der Rasterfahndung eine Rolle spielt, zwar nicht in Abrede, hielt sie aber nicht für das Problem. Jeder treffe ja irgendwie eine Vorauswahl, so z.B. bei der Erstellung eines Theaterspielplans, dessen politische Ausrichtung schließlich ebenfalls eine Vorauswahl des Publikums impliziere.

Vom Messen und Deuten

Daneben waren auch kritische und politische Töne zu vernehmen, unter anderem von der Kulturwissenschaftlerin Susanne Regener. Gleich zu Beginn der Tagung appellierte sie an die Teilnehmer diese seltene Zusammenkunft über Disziplingrenzen hinweg zu nutzen, um über das „Unbehagen an der Biometrie” zu sprechen. An die Techniker und Ingenieure richtete sich ihre These, dass biometrische Bilder auch kulturell gelesen würden und somit Eingang in unsere Vorstellungswelt erhielten. Dem technischen Vermessen und Auslesen des Gesichts schliesse sich eine kulturelle Deutung an. Sie zeigte dies an dem historischen Beispiel der Entstehung des sprichwörtlichen ´Verbrechergesichts` durch die Fotografie nach dem Bertillonschen Setting.

Die Verbrecherfotografie markierte den Ausgang für das Auslesen des Fotogesichts nach physiognomischen Ideen. Die Physiognomik beruht auf dem Glauben, dass charakterliche Merkmale eines Menschen sich an seinen Körperteilen, insbesondere am Gesicht ablesen lassen. Diese Praktik hat massgeblichen Anteil an der Kategorisierung in Normalität und Abnormalität und wurde zur historischen Grundlage für Rassismus und Eugenik im 20. Jahrhundert. Die heutige Erstellung des biometrischen Passgesichts sei, so Regener, die „Herstellung der staatlichen Kontrolle über ein angebliches ´Normalgesicht`”.

Helmut Seibert vergleicht die 2-D Gesichtserkennung mit der 3-D GesichtserkennungDie bei Staat und Wirtschaft gängige Vorstellung, dass Kontrolle durch biometrische Verfahren die Sicherheit erhöht, zeigt sich in der Verbreitung von Sicherheitssystemen, die mit Fingerabdruckscan, Irisscan und ähnlichem arbeiten und an Bankautomaten, in Flughäfen oder für den Reisepass eingesetzt werden. Diese Vorstellung wurde auf der Tagung relativiert. Am Beispiel des sogenannten Schwellwertes zeigte sich die Subjektivität des Sicherheitsbegriffs.

Biometrische Erkennungs- und Wiedererkennungsverfahren, z.B. zur Gesichtsidentifikation von Mitarbeitern an Durchgängen, funktionieren über einen Wert, den der Betreiber der jeweiligen Technik bestimmt. Dieser Schwellwert beziffert die prozentuale Übereinstimmung, die ein Mitarbeiter bei der Identifikation mindestens mit seinem im Vorfeld erstellten Referenzdatensatz aufweisen muss, um von dem biometrischen System erkannt und zugelassen zu werden. Ist dieser Wiedererkennungswert zu hoch angesetzt, also auf 90 Prozent Übereinstimmung oder mehr, kommt es zu vielen Falschabweisungen. Ist er zu niedrig, erhalten unter Umständen Unberechtigte zutritt.

Der Ingenieur eines 3-D-Sensors, Helmut Seibert, brachte das Dilemma auf den Punkt: „Was möchte ich haben: Ein sicheres System oder ein System, das leicht zu bedienen ist, also wo ich immer rein komme? Demgemäß lege ich den Schwellwert fest”. Der Standard für das, was Sicherheit in einem jeweiligen Kontext bedeutet, wird von den Möglichkeiten des zur Verfügung stehenden biometrischen Systems selbst bestimmt und ist kein absoluter Wert. Dies zeigt umso deutlicher dass die Definition von Sicherheit einzig eine politische Entscheidung ist.

Mensch oder Maschine

Ein weiteres Problem ist das Diskriminierungspotential von biometrischen Verfahren und die Identifizierung seiner Ursachen, die nur auf den ersten Blick technischer Natur sind: In einem Feldversuch mit einem 3-D-Sensor zur Gesichtswiedererkennung an den Flughäfen Berlin-Schönefeld und Salzburg wurde besagte Technik an den Flughafenmitarbeitern getestet. Einer der Mitarbeiter war ein Schwarzer und das System war nicht fähig ihn zu erkennen, um einen Referenzdatensatz von ihm anzufertigen, auf dessen Grundlage er vom System wiedererkannt wird.

Während das System bei hellen (Gesichts-)Oberflächen funktioniert, versagt es ab einem bestimmten Dunkelheitsgrad aufgrund der Lichtabsorption der dunklen Oberfläche. Das eigentliche Problem liegt aber nicht bei der Technik, sondern bei deren Entwicklern, die sie unpassend anwenden. Schwarze Bürger kommen offensichtlich in dem Bild, das sich diese Wissenschaftler und Techniker von der Bevölkerung Deutschlands machen, nicht vor. Sie werden bei der Entwicklung biometrischer Techniken gar nicht erst mitgedacht.

Lesen Sie in Kürze im zweiten Teil über den Zusammenhang zwischen biometrischer Technik und Kunst und erfahren Sie, was Michelangelo Antonionis Film Blow Up damit zu tun hat.


Literatur:

Kammerer, Dietmar: Bilder der Überwachung, Frankfurt/ M., 2008

Zurawski, Nils (Hrsg.): Surveillance Studies – Perspektiven eines Forschungsfeldes, Opladen & Farmington Hills, 2007

Im Internet: Surveillance Studies. Das Forschungsnetzwerk zu Überwachung, Technologie und Kontrolle.


Bildrechte liegen bei der Autorin, Nadja Ben Khelifa.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Menschenwürde zählt mehr als Sicherheit!

Bitte nicht lächeln

Vernetzte Sicherheit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *