Nichts Neues von Amerika

buchcoverDie Buchhandlungen sind längst voll von Erfahrungsberichten über einen Auslandsaufenthalt des Erzählers. Der Italiener Beppe Severgnini folgt diesem Trend. Er mokiert sich über Sitten und Gebräuche der USA und bedient dabei allerhand altbekannte Klischees. Lesefreude und Erkenntnisgewinn? Gleich null. Von Julia Droege

Testen Sie selbst: Was fällt Ihnen zum Thema „USA“ ein? Übergroße Autos, Hollywood, der 11. September, Konsum, Optimismus, die Freiheitsstatue, weite Landschaften und riesige Entfernungen, und die typischen Briefkästen? Die meisten dieser Vorstellungen greift Beppe Severgnini in seinem Buch Überleben in Amerika …ohne fromm, unbescheiden oder tiefgefroren zu werden auf. Da der Autor jedoch lediglich einen Großteil der in Europa bekannten Stereotypen benennt und diese nicht hinterfragt, wirkt der Bericht nur selten spannend oder überraschend.

Das Buch basiert auf einem Auslandsaufenthalt Severgninis, der 2004 zum „Europäischen Journalisten des Jahres“ gekürt wurde. Gemeinsam mit seiner Ehefrau verbrachte er ein Jahr im Stadtteil Georgetown in Washington D. C., um dort zu arbeiten – wo oder in wessen Auftrag erfährt der Leser nicht. Das Erstaunliche: Es handelt sich dabei um die Jahre 1994 und 1995. Nur wenige Passagen hat der Autor durch Erlebnisse aus späteren, kürzeren USA-Aufenthalten ergänzt.

Fortschrittliches Amerika – in den 90er Jahren

Folglich ist die Erzählung immer dann (unfreiwillig) komisch, wenn Severgnini von Bahn brechenden technologischen Erfindungen spricht, die zu dieser Zeit Europa noch nicht erreicht hatten – Erfindungen, die heutzutage entweder kaum noch eine Bedeutung spielen oder vollkommen in den Alltag integriert sind. „Millionen von Menschen holen sich täglich Informationen aus dem Internet und verschicken elektronische Briefe (E-Mails), ohne sich vom Schreibtisch erheben zu müssen, und kommen sich deswegen noch lange nicht wie Figuren aus einem Sciencefiction-Film vor“.

Diese und ähnliche Passagen vermitteln den Eindruck, man lese ein Geschichtsbuch und nicht einen Alltagsbericht. Severgnini betont wiederholt, wie fortschrittlich die Vereinigten Staaten sind: Während die Europäer der Vielzahl an technischen Neuerungen „hilflos gegenüber“ stünden, hätten die Amerikaner „ein natürlicheres Verhältnis zur Technik“. Allerdings beweist er mit seinem Bericht eher das Gegenteil. Die damals neuen „Multiplechoice-Dienste übers Telefon“ zum Beispiel stießen vor gut 15 Jahren auch in den USA auf Unverständnis: Schließlich standen auch amerikanische Besitzer eines Telefons mit Wählscheibe vor einem Problem, wenn ein automatischer Ansagedienst sie aufforderte: „Wenn Sie einen Mitarbeiter des Kundendienst sprechen möchten, drücken sie die Drei“.

Anekdoten wiederholen sich

Oftmals bemüht heiter: Autor Beppe SevergniniSevergnini gliedert seinen Bericht in Monate, wobei die meisten Berichte den Eindruck erwecken, als seien sie eher zufällig in diejenige Jahreszeit gerutscht. Zu Beginn erscheint die chronologische Einteilung noch sinnvoll, stört aber gegen Ende des Buches erheblich: Zahlreiche Wiederholungen schleichen sich ein, wenn der Autor von einem Thema zum anderen springt und dabei gerne vergisst, dass er einige Anekdoten bereits früher geschildert hat.

Hinzu kommt, dass Wortwitz teilweise durch die Übersetzung ins Deutsche verloren geht. Das ist natürlich nicht dem Autor anzulasten. Doch wenn ein Witz in Fußnoten erklärt wird, um ihm dem deutschen Leser verständlich zu machen, geht die Pointe schnell verloren. In Kombination mit Severgninis teilweise bemüht heiter klingendem Schreibstil liest sich das verkrampft anstatt locker.

„Herz-Schmerz“: Kein Mittel gegen Langeweile

Das Buch endet mit einen Kapitel, das Severgnini fünf Jahre nach dem eigentlichen Bericht verfasst hat. Voller Nostalgie, beinahe melodramatisch erinnert er sich an seinen Auslandsaufenthalt: „Ja, mein Buch erzählt von einem Italiener, der mit seiner Familie in einem Haus in Amerika ein glückliches Jahr verbracht hat.“ Und er stellt fest, dass sich nur wenig geändert hat, seitdem er die USA vor Jahren verlassen hat. Dieses letzte Kapitel ähnelt dem Gefühl, das das Buch beim Leser hinterlässt: Man hat sich durch gut 300 Seiten gelesen, doch einen Erkenntnisgewinn bringt das nicht. Übrigens: Amerikas Büroräume sind von Klimaanlagen unterkühlt und die Amerikaner sind patriotische, gottesfürchtige Menschen. Hätten Sie’s gewusst?

Beppe Severgnini
Überleben in Amerika …ohne fromm, unbescheiden oder tiefgefroren zu werden.
Karl-Blessing-Verlag, München (2009), 317 Seiten
ISBN 978-3-89667-373-2, 18,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Karl-Blessing-Verlag (Buchcover) bzw. wurden unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht (Autor).


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