Neokonservative Verteidigungsreden

g1130-3In einem Sammelband versuchen prominente Vertreter des Neokonservatismus, ihre Position deutlicher zu machen und gegen öffentliche Kritik zu verteidigen. Dies gelingt mitnichten. Von Christoph Rohde

Der von Simon Geissbühler herausgegebene Band Der amerikanische Neokonservatismus und die amerikanische Außenpolitik versammelt prominente Experten sowie dem Neokonservatismus nahestehende Publizisten aus Nordamerika und Großbritannien. Er ist die erste systematische deutsche Übersetzung zu diesem wertgeladenen Thema. Ziel ist es, etwaige Verschwörungstheorien über das Verhältnis des Neokonservatismus und der Bush-Administration zu dekonstruieren. Unter Neokonservatismus wird als Minimaldefinition eine amerikanische Denkrichtung verstanden, die christlich-konservative Werte offensiv vertritt und auf Sachverhalte der internationalen Politik bezieht.

Operation „Neokonservatives Comeback“

Der Band versammelt vier amerikanische Vertreter des Neokonservatismus mit ihren übersetzten Originaltexten. Im Mittelteil kommt der Vertreter des Washingtoner Think Tanks American Enterprise Institute Michael A. Ledeen zu Wort, der einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Denkschule und der Politik der Bush-Administration bestreitet. Am Ende diskutieren fünf deutschsprachige Experten die Rolle dieser Denkschule in der internationalen Politik und ihren geistesgeschichtlichen Hintergrund.

Joshua Muravchik fordert die Neokonservativen dazu auf, ihre Ziele mutig und offensiv zu vertreten. Er weist darauf hin, wie einflussreich diese kleine Gruppe in der öffentlichen Wahrnehmung geworden ist. Dabei umfasse die Gruppe, die man Neokonservative nenne, kaum einhundert Personen. Der Grund für ihre Entstehung sei die gesellschaftliche Linkswendung in den sechziger und siebziger Jahren gewesen, die eine Gegenbewegung erzwungen hätte. Ein besonderes Vorbild für das Gros der Neokonservativen ist Ronald Reagan. Seine Politik der Stärke habe den Kommunismus nieder gerungen und den USA wieder die ihnen zustehende Rolle in der Weltpolitik verpasst. Aus den historischen Siegen in beiden Weltkriegen und dem Sieg der USA im Kalten Krieg wird die Botschaft abstrahiert, dass die Welt durch aktive politische und militärische Maßnahmen demokratisiert werden muss.

Einfache historische Analogien

Die einfache Botschaft der Neokonservativen lautet: keine Appeasement-Politik mehr – nie wieder München. Während die Rolle George W. Bushs zu Beginn des Irak-Feldzuges 2003 ausdrücklich gelobt wird, monieren die Neocons später die Halbherzigkeit des Präsidenten. Weder habe er genügend Truppen in den Irak geschickt, noch sei er konsequent mit der Achse des Bösen – respektive Iran und Nordkorea – umgegangen. Douglas Murray fordert folgerichtig ein Bombardement Irans als Beispiel für den resoluten Umgang mit Autokraten. Diese Forderung schließt er an eine Kritik der Bush-Administration an, die nach 9/11 gut begonnen, dann aber in ihrer politischen Konsequenz erheblich nachgelassen habe.

Die UN stoppen

Nicht in allen Politikvorstellungen sind sich die neokonservativen Autoren einig, aber in einer: Sie wollen den Einfluss der UN radikal stoppen. Die Weltorganisation habe sich, so Anna Bayefski, zu einem „Vehikel des Antisemitismus und Antiamerikanismus“ entwickelt. Die Handlungsunfähigkeit der Vereinten Nationen, die mit ihrem Multilateralismus auch die amerikanische Macht fesseln wollten, wird mit Verachtung gestraft. Das Universalitätsprinzip der Organisation führe zu perversen Ergebnissen, so dass despotische Regime dem Ausschuss für Menschenrechte vorsitzen könnten. Dazu wirft Bayefski den Vereinten Nationen vor, einseitig Stellung zugunsten der Palästinenser gegen die Israelis zu beziehen.

Jüdische Wurzeln des Neokonservatismus

Pascal Fischer von der Universität Würzburg versucht, „Klischees und Wirklichkeit“ des Neokonservatismus sorgfältig zu betrachten. Interessant ist, dass er viele der neoliberalen Ideen darauf zurück führt, dass die meisten Protagonisten des Neoliberalismus jüdischen Ursprungs sind. So ist das Trauma des Münchner Abkommens von 1938 ebenso tief in die jüdische Seele eingebrannt wie die Vorstellung, dass als böse diagnostizierte politische Systeme aktiv bekämpft werden müssten. Deshalb sympathisierten Neokonservative ebenso mit der liberalen Teleologie eines Francis Fukuyama, der das „Ende der Geschichte“ verkündete und den Sieg des liberalen Kapitalismus weltweit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausrief.

Fischer zeigt, dass sich die Neokonservativen von den „klassischen“ Konservativen, zu denen auch die sogenannten „Realisten“ gehören, absetzen. Deren Vertrauen auf ein multilateral zu gestaltendes Mächtegleichgewichtssystem sei falsch. Statt dessen fordern Neokonservative wie Robert Kagan und William Kristol die USA zur Ausübung einer „benevolent hegemony“ auf. Zwar sind die neokonservativen Positionen sehr differenziert, nach Fischer haben sie aber einen gemeinsamen Nenner im „Streben nach weltweiter Hegemonie, Skepsis gegenüber internationalen Institutionen und Sensibilität gegenüber der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und Terrorismus“. Zentrales Element sei das große Sendungsbewusstsein in Bezug auf die Prinzipien von Freiheit und Demokratie. Doch man vermisst bei diesem Autor eine Kritik an der realen Umsetzung dieser „Freiheiten“, beispielsweise durch das Lager von Guantanamo, das von den meisten Neokonservativen befürwortet wird.

450px-robert_kagan_fot_mariusz_kubik_01Besondere Lesart der amerikanischen Kultur

Markus Lang sieht im Neokonservatismus eine „hochgradig selektive Rezeption amerikanischer Ideen“, die zu einer neuartigen Mischung kombiniert würden. Dabei würden die Entwicklungslinien der US-Geschichte jedoch übernommen. Die USA basierten erstens auf den Pfeilern des Individualismus, der jeden Staatsinterventionismus verbiete; zweitens auf kleinen Gemeinschaften, die zur Sicherung und Wertevermittlung dienen, drittens auf einer Zivilreligion eng mit christlich-religiösen Wurzeln verbunden, die Menschen mit höchst unterschiedlichen Hintergründen integriert und viertens auf einem Exzeptionalismus, der die Auserwähltheit Amerikas als Bastion im Kampf des Guten gegen das Böse manifestiert. Diese Prinzipien werden nicht historisch-rekonstruktiv idealisiert, sondern als Basis für eine schnelle, revolutionäre Veränderung der Welt instrumentalisiert. Douglas Murray sagt: „Wir Neokonservative betrachten die Welt als das, was sie ist. Wir handeln aber in der Absicht, die Welt so zu verändern, wie wir sie gerne sehen möchten.“ Und hier bildet die US-Identität die große Leitlinie, die die Neokonservativen in die Zukunft leitet. Allerdings sagt Lang dieser Bewegung unter demokratischer Herrschaft einen Rückschritt ins Abseits voraus.

Einfluss auf die Bush-Administration überschätzt

Einhellig wird von den kommentierenden Autoren festgestellt, dass der Einfluss der Neokonservativen auf die Bush-Administration weitgehend überschätzt worden sei. Petra Grewe sieht in den Ereignissen des 11. September das entscheidende Momentum für die amerikanische Außenpolitik, nicht in der Neocon-Doktrin. Diese habe aber die Leitideen für die Begründung der Politik der Preemption und der Bush-Doktrin geliefert. Dazu seien maßgebliche Träger der öffentlichen Meinung in Think Tanks und Redaktionen Neocons gewesen, die geholfen hätten, die Politik der Administration zu relativieren.

Wichtige Hintergründe

Dem Anspruch, einseitigen Verschwörungstheorien in Bezug auf die gefährliche Kaste der Neocons entgegen zu treten, wird dieses Buch durchaus gerecht. Aber es vermag nicht, die zu Recht bestehenden Vorbehalte gegen das einfache Weltbild dieser Gruppe zu entkräften – es bestärkt selbige sogar. Die Neokonservativen, die einen absoluten Moralbegriff vertreten, sind blind für ihre eigenen Verfehlungen und überschätzen die Tugendhaftigkeit der USA. Leider fehlt diese Fundamentalkritik in systematischer Form. Es bleibt zu hoffen, dass das eintritt, was die Kommentatoren vermuten: dass der Einfluss der Neocons unter der demokratischen Administration Obama stark abnimmt. Einige Pfeiler ihres Denkens aber, und das drückt der Sammelband gut aus, bleiben bestehen, weil sie Teile der tiefen amerikanischen Identität sind und von Europäern oft wenig verstanden werden.

Geissbühler, Simon (Hg.),
Der amerikanische Neokonservatismus und die Außenpolitik der USA, Anne Bayefsky, Max Boot, Michael A. Ledeen, Joshua Muravchik und Douglas Murray in der Diskussion.
(2008), Münster, LIT-Verlag,
216 S., ISBN 978-3-8258-1130-3, 24,90 Euro


Das Bildrecht liegt bei Simon Geissbühler (Porträt) und beim LIT Verlag (Cover). Der Verlag im Internet


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

George W. Bush. Ein Mörder

Letztes Lebenszeichen von Bushs Chefideologen

Das Ende der Neokonservativen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.