Marktwirtschaft nicht schuld an Krise?

29. Sep 2009 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Viele Ökonomen wehren sich dagegen, der Marktwirtschaft die alleinige Verantwortung für die Wirtschaftskrise der Gegenwart in die Schuhe zu schieben. Michael von Prollius gehört dazu. Von Christoph Rohde

Endlich ist mal einer gegen Keynes! Der Titel Die Pervertierung der Marktwirtschaft lässt ahnen, was kommt. Eine vehemente Verteidigung des Marktes und Klage gegen eine unkontrollierte Staatswirtschaft, dies ist das Programm des Michael von Prollius, seines Zeichens Publizist und Gründer des „Forum Ordnungspolitik“. Drei Leitfragen bilden den roten Faden des Buches: Was bedeutete Soziale Marktwirtschaft ursprünglich? Wie hat man sie ruiniert? Und wie kann sie unter den Bedingungen der Finanzkrise rehabilitiert werden?  Mut hat der Mann, der wie Friedrich Merz mit seinem “Mehr Kapitalismus wagen” nicht um jeden Preis die Applaudierer auf seiner Seite haben will.

Der Zauber der unsichtbaren Hand

Von Prollius argumentiert weitgehend in Abgrenzung zu bekannten, aber überholten Vorstellungen der kläglich gescheiterten Kommandowirtschaft. Zwar sind einige Überlegungen des Verfassers zur Überlegenheit des Preismechanismus als Koordinierungsmechanismus durchaus lesenswert, aber wer fragt heute noch nach staatlich administrierten Festpreisen? Origineller fällt seine Kritik am berühmten John Maynard Keynes aus.

Für letzteren ist die Nachfragelücke die zentrale Ursache von Wirtschaftskrisen. Deshalb liegt sein Lösungsansatz in der Herstellung artifizieller Nachfrage durch den Staat. Für den Verfasser ist dies keine Lösung. Denn der Staat kennt die Knappheitsrelationen nicht und verschärft so eher Ungleichgewichte im Markt. Er sieht einseitig die Verdrängung privater Nachfrage durch staatliche Investitionen (crowding out-Effekt). Dass Strukturanpassungen ihre Zeit brauchen und der Staat durchaus auch kollektive Güter bereitstellen muss, die der Markt aufgrund eigenen Versagens nicht zu produzieren fähig ist, das fällt bei von Prollius einfach unter den Tisch.

Das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft…

…ist die Marktwirtschaft, lässt uns der Autor wissen. Dabei rekonstruiert er die Grundideen der maßgeblichen Denker dieses Ansatzes, der in Deutschland zu einer viel gebrauchten Floskel ohne operative Bedeutung verkommen sei. Das Konzept der Marktwirtschaft wird von den „klassischen Autoren“ klar an sozialmoralische Maßstäbe gekoppelt. Die Marktwirtschaft führe zu einer bestmöglichen Allokation knapper Ressourcen, balanciere Macht aus, fördere neben wirtschaftlicher auch politische und geistige Freiheit und schaffe eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen Produzenten und Konsumenten. Kritik übt von Pollius bei seiner Analyse der „Klassiker der Marktwirtschaft“ an Alfred Müller-Armack, der die Interventionsfähigkeit des Staates während einer Krise drastisch überschätzt habe. Walter Euckens Vorstellung „Sozialpolitik durch Wirtschaftspolitik“ befürwortet er hingegen uneingeschränkt.

Wilhelm Röpke weist auf die Möglichkeiten des Marktes hin, Menschlichkeit durch „Vitalpolitik“ zu ermöglichen und eine staatliche “Wohlfahrtszwangsanstalt” zu verhindern. Mehr Berechenbarkeit durch weniger Staatseingriffe forderte hingegen Alexander Rüstow, der im Marktprinzip die Möglichkeit der Entfaltung menschlicher Freiheit und Kreativität hervorhebt. Ludwig Erhard ist der politische Vater der Sozialen Marktwirtschaft, der den Mut hatte, in den Zeiten den staatlichen Interventionismus aufzugeben, als dieser im Sinne von „Gestaltungschancen“ in der öffentlichen Meinung der jungen Bundesrepublik Hochkonjunktur hatte.

Ethische Fundierung der Marktwirtschaft

Für von Prollius hat die staatliche Fürsorge den Charakter einer Zwangssolidarität, die echte, freiwillige Solidarität ersticke. Die Leistungsorientierung der Aufbaugeneration sei zu einer Verteilungsorientierung der Wohlstandsgeneration mutiert. Ganz im konservativen Stil ist für ihn die natürliche Schichtung der Gesellschaft mit einer implizierten Akzeptanz von Ungleichheit wünschenswert. Als Gegenpol zur „Vermassung, Entwurzelung und Kollektivierung“ ist die Familie zu betrachten und zu fördern. Die verfehlten Anreizstrukturen und die Nivellierung der Gesellschaft führen sodann zum bekannten brain drain, dem Verlust von Kompetenz durch Auswanderung.

Für von Prollius stellt es einen „Treppenwitz der Geschichte“ dar, dass „offenbar eine schleichende geistige Übernahme der BRD durch die DDR erfolgt…“ Der Verfasser kritisiert korporatistische Akteure und ihre Sonderinteressen, zu denen er durchaus auch Parteien, Medien und die öffentliche Verwaltung zählt. Es wäre also falsch, ihn als einen Apologeten der eher konservativen politischen Parteien zu betrachten. Seine Polemiken, von einem intellektuellen archimedischen Punkt aus radikal formuliert, treffen alle gegenwärtig verantwortlichen Akteure.

Staatseingriffe verfälschen die Wettbewerbsstrukturen

Michael von Prollius
Michael von Prollius
Gerade vor dem Hintergrund der obskuren „Rettungsaktion“ von Opel gewinnen von Prollius‘ Argumente an Aktualität. Das sich bürokratische von ökonomischer Rationalität erheblich unterscheidet, wird in diesem diffusen Verhandlungsprozess zwischen privaten und staatlichen Akteuren im Fall Opel/General Motors/Magna deutlich. Und von Prollius kritisiert zu Recht, dass in einem staatlichen Subventionswettbewerb die Preise bis zur Unkenntlichkeit verfälscht werden und die Produktivität einer Unternehmung sowie deren Markttauglichkeit nicht mehr evaluiert werden können.

Die Finanzkrise ist dann auch das Resultat nicht zu geringer Regulierung, sondern eines zu exzessiv geübten Interventionismus im monetären wie realwirtschaftlichen Sektor: Kreditinflationierung, staatliche Ausgabenprogramme, Lohnfixierung auf hohem Niveau, Zölle, Quoten und Außenhandelskontrollen sind die staatlich induzierten Sünden, die die Bankenkrise erst möglich gemacht haben, meint zumindest von Prollius. Man kann die Dinge auch anders sehen…

Provokantes, aber gutes Werk

Einige Ideen des Verfassers sind in radikaler Sprache formuliert und könnten bei einer eher auf Gleichheit ausgerichteten Klientel geradezu Ängste auslösen. Wer die Polemik jedoch zu dekodieren versteht, der gewinnt bei der Lektüre eine ganze Menge trotz der notorischen Einseitigkeit in der Argumentation. Manche Dichotomie wirkt überzogen und verleitet zum Schmunzeln, aber gerade die Analyse der sozialen Marktwirtschaft aus einer akribischen Rezeption ihrer originären Denker heraus überzeugt. Und das Buch bildet aufgrund seiner mutigen Einseitigkeit ein geeignetes Raster zur Analyse wirtschaftspolitischer Maßnahmen der Gegenwart – als Kontrapunkt zu konventionellen Positionen.

Michael von Prollius
Die Pervertierung der Marktwirtschaft: Der Weg in die Staatswirtschaft und zurück zur Sozialen Marktwirtschaft
Olzog Verlag München 2009, 224 Seiten
Preis: 22,90 Euro
ISBN 978-3-7892-8314-7


Die Bildrechte liegen beim Olzog-Verlag (Cover) und bei Michael von Prollius (Porträt).


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