Kalter Krieg im Nahen Osten

Teheran - kalter Krieger im Nahen Osten?Der Nahe Osten wirkt auf den ersten Blick unübersichtlich zersplittert in unterschiedliche religiöse, militante und politische Gruppen. Doch die vermehrte Regionalisierung vieler Konflikte produziert zunehmend eine Struktur, die an den Kalten Krieg erinnert: Die bipolare Ordnung. Von Raphael Thelen

„Proxy-Wars“, so genannte Stellvertreterkriege waren eines der kennzeichnenden Merkmale der „kalten“ Auseinandersetzung zwischen den USA und der Sowjetunion in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz der klaren Aufteilung der Welt in zwei Blöcke vermieden die Supermächte die direkte Konfrontation. Stattdessen bevorzugten sie es, ihren Konflikt durch Stellvertreter in fremden Ländern austragen zu lassen. Dieses Bild einer Zweiteilung des Konflikts unter Vermeidung direkter Konfrontation spielt sich zunehmend im Nahen und Mittleren Osten ab.

Diesmal prallen jedoch nicht Kommunismus und Kapitalismus aufeinander, sondern der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien. Beide verfügen über einen einflussreichen Klerus, und schrecken trotzdem nicht davor zurück, über religiöse Grenzen hinweg Bündnisse zu schmieden, um ihren Einfluss zu vermehren.

George W. Bush – der Erfinder der bipolaren Ordnung in Nahost

Der damalige amerikanische Präsident hat mit seinem Ausspruch vom 20. September 2001 „You’re either with us, or against us“ dieses Muster geprägt, als er den Nahen Osten in Freunde und Feinde aufteilte. Der Ex-Präsident hatte damals noch ein System vor Augen, in dessen Mittelpunkt Amerika thronte und die Fäden in der Hand hielt, doch die Kraft raubenden Kriege im Irak und Afghanistan haben die USA massiv geschwächt. Und so hat mit dem Rückgang des amerikanischen Einfluss eine vermehrte Regionalisierung des Konflikts stattgefunden. Nicht die entfernt liegenden USA sind die wichtigste Konfliktpartei, vielmehr sind Iran und Saudi-Arabien die wahren Gravitationszentren in der Region.

Nach dem Fall von Saddam Hussein, traditioneller Erzfeind des Iran, war es für Teheran ein Leichtes sich zur regionalen Vormacht aufzuschwingen. Doch die expansionistische Vergangenheit und aggressive Rhetorik des iranischen Regimes versetzten die Nachbarn rund um den persischen Golf in Aufregung. Saudi-Arabien musste mit ansehen, wie der Iran seine Machtsphäre von Syrien über Libanon und den Irak bis letztlich in den Gaza-Streifen ausweitete und eine schlagkräftige Allianz schmiedete. Dabei sah das Regime in Teheran großzügig über Religionszugehörigkeiten hinweg, ist doch Syrien ein weitgehend sunnitischer Staat mit einer nahezu säkularen Regierung und die Hamas im Gaza-Streifen gar fundamentalistisch-sunnitisch.

Saudi-Arabien wollte diesem Vorgehen nicht untätig beiwohnen und begann seinerseits massiv Einfluss auszuüben, setzte dabei jedoch weniger auf Militanz als auf Geld. Allein in den Libanon sind im Vorfeld der dortigen Wahlen angeblich 750 Millionen Euro geflossen, um das pro-amerikanische bzw. pro-saudische Bündnis zu unterstützen. Doch auch Länder wie  Jemen reihten sich in die saudische Allianz ein, um sich dadurch Schutz und Unterstützung zu sichern. Wie weit fortgeschritten diese bipolare Lagerbildung bereits ist, zeigt ein Aufstand im Jemen, der international Schlagzeilen macht.

Ein lokaler Konflikt offenbart die neuen Konfliktlinien

Saudi Arabien - Gravitationszentrum der kommenden Konflikte?Der Aufstand der Huthi-Rebellen im Norden des Landes dauert mittlerweile schon Jahre und befindet sich bereits in der fünften Runde von Auseinandersetzung und Waffenstillstand. Nichtsdestotrotz kam ihm selten internationale Aufmerksamkeit zu. Dies änderte sich erst, als Teile der jemenitischen Regierung begannen, den Iran zu beschuldigen, die „schiitischen“ Huthi-Rebellen mit Waffen zu versorgen und somit einem lokalen Konflikt eine regionale Dimension zu geben. Untermauert wurden die Anschuldigungen mit der Meldung, dass ein Schiff mit iranischer Besatzung und Waffen an Bord in einem jemenitischen Hafen aufgebracht worden sei. Die Waffen seien für den Widerstand und die Iraner als Berater des Huthi-Clans geschickt worden. Der Iran hat die Anschuldigungen vehement zurückgewiesen und seinerseits Gegenbeweise vorgelegt.

Fraglich ist, ob die schiitischen Huthi-Rebellen sich dabei überhaupt als „Proxy“ von den Iranern einspannen lassen wollen, gilt ihr Kampf doch vor allem der politischen, kulturellen und ökonomischen Marginalisierung, die ihnen seitens der Regierung widerfährt. Ihr Anliegen ist sehr lokal begrenzt, in der langen Geschichte des Jemen verankert und hat nur bedingt mit der Machtpolitik Teherans zu tun. Doch diese Tatsache ist weltpolitisch genauso von untergeordneter Bedeutung wie die Frage, ob es das iranische Schiff gegeben hat oder nicht.

Die Huthi-Rebellen – Stellvertreter wider Willen

Was zählt ist, dass mittlerweile auch Saudi-Arabien, welches eine große schiitische Minderheit hat, seine Interessen im Jemen bedroht sieht und militärisch in den Konflikt eingreift. Es hat der jemenitischen Armee nicht nur erlaubt, saudisches Territorium für seine Einsätze zu nutzen, sondern auch selbst begonnen mit grenzüberschreitenden Luftangriffen die Huthi-Rebellen zu bekämpfen.Dabei geht es Riad nicht nur um die Sicherung der eigenen Grenze, sondern mit Sicherheit auch um die Stützung der Regierung in Sanaa. Eine Übernahme des Jemen durch die Huthi-Rebellen würde ein von saudischer Seite aus unerwünschtes Signal an die heimischen Schiiten senden.

Die Aufständischen sehen sich also gegen ihren Willen in einen internationalen Konflikt hineingezogen, der weit über ihre Interessen hinausgeht und in dem ihnen nur noch die Rolle des Spielballs größerer Mächte zukommt. Dass dieser Vorgang einer gewissen Logik zu folgen scheint, zeigt auch ein Blick in den Irak oder Libanon. Beide sind konfessionell tief gespalten zwischen Sunniten und Schiiten und beide sind Schauplatz von Stellvertreterkämpfen um Macht und Einfluss zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Dass die konfessionelle Bruderschaft dabei oft nur vorgeschoben ist, ist dabei erstmal nachrangig. Fakt ist, dass sich sowohl die Saudis, als auch der Iran zu ihren Gunsten auf diese religiöse Verbundenheit berufen.

Ob sich der „Kalte Krieg“ zwischen dem Iran und Saudi-Arabien langfristig verschärfen wird, lässt sich noch nicht absehen. Unabhängig davon ist jedoch schon heute klar, dass durch die zunehmende Verflechtung der Konflikte in dieser Region die Gefahr steigt, dass lokale Konflikte auch auf regionaler Ebene zur gewaltsamen Eskalation führen.


Die Bildrechte liegen bei arash_rk (Teheran) und bei Ammar Abd Rabbo (Mekka) und unterliegen einer Creative Commons-Lizenz.


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