Geschichte aus der Sicht Hollywoods

Die Generäle planen den Komplott.Deutsche Geschichte im medial-massentauglichen Weichspülgang – das kann prinzipiell zu keinem ansehnlichen Ergebnis führen. Am 22. Januar kommt „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“ in die Kinos. Reicht das „gute Wollen“, losgelöst vom Beweggrund, als Legitimation eines filmischen Denkmals aus, ohne Betrachtung der ursprünglichen Rolle im System? Von Dimitrios Athanassiou

Wer auf eine differenzierte Sicht Stauffenbergs (Tom Cruise) bei „Operation Walküre“ hofft, könnte in dieser Hoffnung erstarren. Als hehrer „deutscher Ritter“, getrieben von Vaterlandsliebe und ehrenhaftem Offiziersdenken, geht er hinein, hindurch und findet das geschichtlich bekannte Ende. Seine Ruhmestat und der Putschversuch am 20. Juli 1944 stehen im Mittelpunkt der Inszenierung. Psychologie und Person Stauffenbergs werden dabei allenfalls mit der Intensität des Kerzenscheins beleuchtet. Was mitunter gewollt sein kann, da Dämmerlicht bekanntlich manch zerpfurchte Oberfläche glatt erscheinen lässt. Doch so sehr man sich nach einem Paladin sehnt, einem Helden, der als klare Polarität zum dämonischen „Führer“ in dieser Zeit aufrecht Widerstand leistete, so sehr ist man als Filmemacher auch in der Chronistenverantwortung. Es sei denn, auf dem Etikett des Films sollte „Fiktion“ stehen.

Ganz so ist dem natürlich nicht: Die sich gestellte Hauptaufgabe, die unmittelbaren Ereignisse, die zu dem Attentat und Putschversuch führten, nachzuzeichnen, wurde cineastisch bravourös gelöst. Obwohl eigentlich alles bekannt ist, gelingt es dem Film, eine beklemmende Atmosphäre zu erzeugen – und entgegen besseren Wissens bangt man als Zuschauer tatsächlich, ob die Widerständler es nicht doch noch schaffen könnten. Das zählt zu den größten Leistungen von „Operation Walküre“ und vermittelt den Eindruck, wie sehr es auf des Messers Schneide stand. Hätten in einigen Situationen Verantwortliche entschlossener gehandelt und manche Offiziere nicht so blind-opportun Gehorsam geleistet, hätte die Weltgeschichte von Juli 1944 an möglicherweise einen anderen Lauf genommen.

Dennoch ist das kaum eine taugliche Geschichtsstunde. Es mag zwar typisch für Hollywood sein, Helden zu idealisieren, Stauffenberg aber völlig undifferenziert abzulichten ist zumindest gewagt. Kein Makel und kein Schatten fallen auf seine Person. Nicht einmal ein Gesinnungswandel, der allmählich vonstatten ging, und eine Persönlichkeitsveränderung ausgelöst durch seine schwere Kriegsverletzung werden behandelt. Stattdessen legen ihm die Filmemacher stimmungsfördernd Sätze in den Mund.

Realitätsnah oder einfach für die Zielgruppe maßgeschneidert?

Vor seiner Verletzung: Stauffenberg
„Die von Hitlers SS verübten Gräueltaten sind eine Schande für die Ehre der deutschen Wehrmacht. Im Offizierskorps herrscht weit verbreitete Abscheu über die Verbrechen, die von den Nazis begangen werden: Die Ermordung von Zivilisten, die Folter und das Verhungernlassen der Gefangenen, die Massentötungen der Juden. Meine Pflicht als Offizier besteht nicht mehr darin, mein Land zu retten, sondern Menschenleben. Ich finde keinen einzigen General, der in der Position ist und den Mut hat, Hitler entgegenzutreten. Ich befinde mich unter Männern, die nicht willens oder nicht fähig sind, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Hitler ist nicht nur der Erzfeind der ganzen Welt, er ist der Erzfeind Deutschlands.“

Technisch gesehen gibt es wenig zu nörgeln: Plot, Dramaturgie und Storyline sind geradlinig erzählt, Kameraführung und szenische Umsetzung wirkungsvoll realisiert. Handwerklich ist das eine gekonnte Inszenierung – und schön gefilmt obendrein. Sogar das Gefühl der Nachvollziehbarkeit, der Faszination der nationalsozialistischen Schau, kann sich einstellen. Nicht der Sympathie wohlgemerkt. Uns Heutigen wurde schließlich alle Abscheu gegenüber der Pracht und dem Pomp ebenso anerzogen, wie den Menschen damals ein Gefühl von Ehrfurcht und Einigkeit unter diesen Symbolen. Die gezeichneten Bilder der Zeit haben, anders als bisher oft gesehen, nichts Unheimliches oder Abstoßendes. Fahnenmeere und Prachtbauten tauchen einfach in neutraler Natürlichkeit als Zeugnis ihrer Zeit auf. Es hat beinahe etwas Collagenhaftes.

Ebenso birgt die Darstellung Adolf Hitlers und seiner obersten Richter wenig Angsteinflössendes. Hitler scheint unmittelbar aus „Der Untergang“ entlehnt zu sein: Grenzdebil murmelt er etwas von „Nur wer Wagner versteht, kann auch den Nationalsozialismus verstehen“ vor sich hin, und die Justiz wirkt wie eine Karikatur von „Rechtssprechung“. Mag sein, dass dies genauso gewollt und womöglich der richtige Weg ist, dies alles ins Lächerliche zu ziehen, um ihm seiner übernatürlichen Anziehungskraft zu berauben. Allerdings schwächt dies ebenfalls die Beweggründe des Widerstandes ab. Ohnehin ein weiteres Manko, da sich wenig Mühe gemacht wurde, den Ungeist und die Gräueltaten des Dritten Reiches eingehender zu thematisieren. Nicht allen, insbesondere den Jüngeren, dürften diese Geschehnisse unmittelbar präsent sein.

„Reich das Land, das solche Helden hat, aber arm das Land, das solche Helden braucht“

FilmplakatDie Figur Claus Schenk von Stauffenbergs hat im Wandel der Zeit immer wieder eine Neuwürdigung und Deutung erfahren. Noch Ende der 50er Jahre konnte man, hinter mehr oder minder vorgehaltener Hand, Stimmen vernehmen, die ihn als Vaterlandsverräter bezeichneten. Diese Äußerungen ewig Gestriger verebbten glücklicherweise zusehends: Stauffenberg wandelte sich zur Ikone des Widerstandes. Er wurde aber nicht nur rehabilitiert, sondern nach und nach auch idealisiert. In späteren Dekaden und im Zuge einer historisch etwas distanzierteren Betrachtungsweise der NS-Zeit erfuhr Stauffenberg eine differenziertere Darstellung. Zu Beginn hatte er das neue System schließlich bereitwillig mitgetragen und erst im Laufe der Zeit eine abweichende Sichtweise entwickelt.

Seine letztendlichen Beweggründe, Hitlers Regime stürzen zu wollen, mögen zur Gänze nie entschlüsselt werden. Fakt ist allerdings, dass viele Militärs, die anfangs bereitwillig den Krieg getragen hatten, nun ein sich klar abzeichnendes militärisches Desaster auf Deutschland zukommen sahen. Nach dem verlorenen ersten großen Krieg von 1918 lag die Wehrmacht vom Selbstbewusstsein und ihrer Infrastruktur her am Boden. Durch die Machtergreifung Hitlers und dessen Eroberungspläne bekam sie die Chance, wieder ganz groß zu sein. Die Art und Weise aber, mit der Hitler den „totalen Krieg“ vorantrieb, würde zu einer vollständigen Zerstörung Deutschlands und einem Zustand führen, der aus militärischer Sicht noch weitaus beschämender als nach 1918 war. Ob darüber hinaus Abscheu vor den Taten Hitlers und seiner Schergen und der Wille den Holocaust zu beenden, eine Rolle spielte, da man als „ethisch denkender Offizier“ dies weder tolerieren noch weiter unterstützen konnte, sei dahingestellt.

Letzte Vorbereitungen der Verschwörer„Operation Walküre“ ist nun nicht der erste Film, der diesen Putschversuch thematisiert. Ebenso, wie das Attentat vom 20. Juli nicht das einzige war. Es gab insgesamt über 40, allerdings war keines so nahe dran und so gut durchorganisiert wie dieses. Man kann sich darüber streiten, ob der Film ein Schritt vorwärts ist, da er jungen Menschen den eingängigen Einstieg in diese Thematik ermöglicht oder einen Schritt zurück darstellt, da er in einer schwarz-weiß-Malerei Gute von Bösen scheidet. Dabei könnte übersehen werden, dass die meisten mitgemacht oder zumindest opportun geschwiegen haben und nur ganz wenige von Beginn an Widerstand leisteten. Zu diesen, darüber gibt die Geschichte und nicht dieser Film Auskunft, gehörte Stauffenberg eindeutig nicht. Er war, aus welchem Motiv auch immer, zunächst ein williges Rädchen in der Maschinerie und beschloss aus Beweggründen, die nun nicht mehr entschlüsselbar sind, nicht mehr dem Regime zu folgen und es unter Einsatz seines Lebens beenden zu wollen. Das soll gewürdigt werden – nicht mehr, nicht weniger.


Lesen Sie im 2. Teil die Biografie von Claus Schenk Graf von Stauffenberg.


Die Bildrechte liegen bei 20th Century Fox.


Weiterführende Links:

Claus Schenk Graf von Stauffenberg

Die Brüder Stauffenberg

Der Film „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“


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