EU-Abgeordneter auf Probe

Die Schüler der Gräfenberger Ritter-Wirnt-Realschule vor dem Europäischen Parlament: Sie erhielten sogar eine EU-UrkundeBis zuletzt haben die Kandidaten für das Europäische Parlament gekämpft, gestritten, Stimmen gesammelt. Wie es ist, ein Abgeordneter zu sein, durften rund 500 Schüler aus 18 EU-Mitgliedstaaten schon vor dem Ende der Wahlen erfahren. Beim „Euroscola“-Tag wagten sie einen Blick hinter die Kulissen des Parlaments in Straßburg. Von Petra Sorge

Es ist eine große Aufgabe: Tanja Heid soll für die deutsche Delegation, 27 Schüler der oberfränkischen Ritter-Wirnt-Realschule in Gräfenberg, vor dem Plenum des Europäischen Parlaments (EP) reden. Im Scheinwerferlicht. Vor rund 500 Zuhörern – Schülern, Lehrern, Dolmetschern und den EP-Verwaltungsräten. Sie nähert sich bei jugendgemäßer Rock-Musik dem Redepult, dann gehört ihr die ganze Aufmerksamkeit des halbrunden Plenarsaals. Die Prüfung meistert sie mühelos: In fehlerfreiem Englisch stellt sie ihre Schule vor und erhält respektvollen Applaus. „Da merkt man mal, wie sich ein Abgeordneter fühlt“, sagt Tanja später.

Was haben sie gebüffelt, diskutiert und Ideen entwickelt: In fünf Arbeitsgruppen haben sich die Gräfenberger auf den Euroscola-Tag am 4. Juni vorbereitet, Sozialkunde-Lehrerin Antje Werth nahm sich jeden Einzelnen zur Brust. Die Teilnehmer, die ihre Pfingstferien freiwillig für politische Weiterbildung opfern, haben sich bereits im Vorfeld viele Gedanken gemacht: Wie kann die EU demokratischer, jugendfreundlicher, umweltaktiver werden?

Mit oder ohne Schuluniform – Mitmachen heisst die Devise

Tanja Heid spricht im Plenarsaal vor fast 500 ZuhörernDie Ritter-Wirnt-Realschule ist schon durch viele europabezogene Aktivitäten aufgefallen: Austauschprogramme mit Tschechen, Fahrten nach Brüssel, EU-Projektarbeiten. Die Mühen wurden mit der Verleihung des Titels „Europaschule“ durch den früheren Europaminister Markus Söder belohnt. Erstmals hieß es in diesem Jahr freie Fahrt nach Straßburg – und dass, obwohl in der Regel Gymnasiasten der Oberstufe für das Euroscola-Projekt bevorzugt werden. „Diesmal durften aber auch mal Jüngere teilnehmen“, sagt Werth.

Auch die Klassen in anderen Ländern kämpften hart, um nach Straßburg zu fahren. Viele mussten sich einem nationalen Europa-Wettbewerb unterziehen; die Portugiesen rangen im Endausscheid in Lissabon um den Sieg, die Holländer profitierten von guten Beziehungen nach Straßburg, und die Rumänen packten ihre Schuluniform ein.

Der Euroscola-Tag, der in diesem Jahr sein 20. Bestehen feiert, soll dem besseren Verständnis für die europäischen Institutionen und der Gemeinschaftspolitik dienen. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt die EU monatlich bis zu 180.000 Euro für Organisation und Reisezuschüsse aus. Eine der Veranstalterinnen moniert:„Es gibt einiges an dem Programm zu verbessern, und dazu gehört auch, dass die Schulen noch mehr Geld erhalten.“ Denn viele Klassen aus den neuen Beitrittsländern können die geringe Eigenbeteiligung nicht aufbringen. So ist an diesem Tag keine tschechische Schule vertreten, obwohl das Land gerade die EU-Ratspräsidentschaft innehat.

EU steckt in jeder Jackentasche

Die Dimensionen internationaler Verhandlungen werden im Plenarsaal deutlichFür die Erwählten ist die Teilnahme jedoch lohnend: Staunend betreten sie das verglaste Parlamentsgebäude, das in seiner runden Eleganz über der Ill thront. Der in Europablau gehaltene Plenarsaal füllt sich mit Schülern, aus jeder Ecke ist ein anderer Sprachfetzen zu vernehmen. Wie gut, dass es die Kopfhörer gibt und Kanäle für die EP-Arbeitssprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Dreisprachig begrüßen auch die Verwaltungsräte die Euroscola-Teilnehmer.

Sie bieten eine kleine Nachhollektion in Sachen EU für Unterrichtsschläfer: Auf vielen Gebieten beeinflussen die Richtlinien der EU, die in nationales Recht umgesetzt werden müssen, das Alltagsleben. „Wer von euch hat ein Handy in der Jackentasche?“, fragt EP-Hauptverwaltungsrat Otmar Philipp und schaut in den gefüllten Saal. „Das Parlament hat dafür gesorgt, dass die Preise für Auslandsgespräche immer weiter gesunken sind – und das gegen teilweise heftigen Widerstand der Anbieter.“ Auch die Kennzeichnungsvorschriften für Allergiker auf Lebensmittel-Verpackungen stammen aus der Feder des Parlaments. Die Schüler lernen auch, dass der Haushalt von 130 Milliarden Euro gerade einmal einem Prozent des Wohlhabens der EU entspricht. Zum Vergleich: Frankreich verfügt über einen Haushalt von mehr als 300 Milliarden Euro.

Einmal die EU-Verwaltung löchern

Der EU-Lehrer macht es kurz: Die Aufgaben des Europäischen Parlaments umfassen die Kontrolle der anderen europäischen Institutionen, die Gesetzgebung – auf Initiative der Kommission – sowie die Ideenfindung. „Und genau deswegen seid ihr hier: Weil wir wissen wollen, welche Ideen ihr für Europas Zukunft habt“, sagt Philipp.

Mehr als ein Abstimmungstest: So wird in Europa politik gemachtZuvor dürfen die Schüler noch die Abstimmungstechnik testen. Dabei entpuppen sie sich als echte europäische Patrioten: 328 von 412 bejahen die Frage „Fühlt ihr euch als europäische Bürger?“ Auch die EU-Mitgliedschaft und den Euro befürwortet eine klare Mehrheit. Doch den Vorschlag einer europäischen Armee lehnen die Schüler ab. In der anschließenden Fragerunde wird das Thema auch sofort aufgespießt: „Wozu braucht es ein Militär, wenn doch die EU Frieden stiften soll?“

Die Schüler stellen ihre Fragen in einer Art, wie es auch Politiker oder Journalisten tun würden: „Was unternimmt die EU gegen die Wirtschaftskrise?“, „Wie ist die Haltung der EU zu Nordkorea?“ Die Gräfenberger Schülerin Katharina Bock fragt: „Wenn Barack Obama mit der EU sprechen will, wen ruft er dann an?“ Nicht mit jeder Antwort ist die Schülerin zufrieden, „die haben viel drum herum geredet, und insgesamt war es zu lang.“ Die Jugendlichen erleben eben echte „Politikerreden“.

Minderjährige Beschlüsse in Ausschüssen

In der Mittagspause findet das „Eurogame“ statt: Die Jugendlichen müssen Rätselaufgaben in verschiedenen Sprachen lösen – nicht nur in den EP-Arbeitssprachen, sondern auch in Rumänisch, Portugiesisch, Russisch oder Estnisch. In den Vierergruppen müssen die Nationalitäten der Vierergruppen möglichst geschickt gemischt werden, um den geeigneten Mitspieler zu finden, der die Fragen übersetzen kann.

Euroscola macht abstrakte Verfahren in der EU erlebbarAm Nachmittag haben die Jugendlichen die Politik selbst in der Hand. In fünf Ausschüssen beraten sie über hochpolitische Fragen: Wie kann eine demokratischere Teilhabe an der EU gesichert werden? Wie sind Umwelt und Wirtschaft miteinander vereinbar? Was macht die Werte der EU aus? Was kann die Jugend für die EU tun und die EU für die Jugend? Welche Zukunft sehen die Schüler für die Union? Die Arbeit folgt den Regeln der Parlamentsausschüsse: Zuerst wird ein Präsident gewählt, dann ein Reporter, schließlich werden die Redebeiträge gehört, erörtert und abgestimmt. Verhandlungssprache ist Englisch, diesmal gibt es keine Dolmetscher. Eine Herausforderung für die 15- und 16-Jährigen.

Fernab von finanziellen Zwängen oder parteilichem Zwist sammelt der Umweltausschuss seine Vorschläge: die Forschung an alternativen Energien bezuschussen, das Bewusstsein der Verbraucher stärken, den öffentlichen Nahverkehr und die Radwege ausbauen. Im Plenarsaal des EP werden die Ideen diskutiert. Einige Schüler rufen ins Mikro: „Was ist mit Recycling? Recycling ist toll!“ – „Aber ihr habt überhaupt nicht an die Finanzierung gedacht. Das wird doch alles viel zu teuer!“ Der Ausschusspräsident erhebt sich: „Was ist uns wichtiger: das Geld oder die Zukunft unseres Planeten, für uns und unsere Kinder?“ Der Saal erhebt sich in tosendem Applaus. Dem Antrag wird stattgegeben.


Euroscola im Internet.


Die Bildrechte liegen bei Petra Sorge.


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