Es liegt an uns allen

BuchcoverDas 21. Jahrhundert wird die Menschheit vor gewaltige Aufgaben stellen. Der Klimawandel mitsamt seinen Folgen, Konflikte um Wasser oder die Überbevölkerung weiter Landstriche mögen als Stichworte genügen. Doch es ist nicht zu spät, um zu handeln, meint zumindest Jeffrey D. Sachs und hofft auf die Vernunft des Einzelnen und nachhaltige Politik. Von Alexander Christoph

Das Schreckgespenst einer Finanz- und Wirtschaftskrise geistert um die Welt, einige Analysten sprechen sogar bereits von einer globalen Rezession. Mancher Politiker mag daher leicht der Versuchung erliegen, eine allzu strikte Klima- und Umweltpolitik zugunsten von Industrieinteressen auf Eis zu legen. Doch das scheint der falsche Weg zu sein. Glaubt man dem einflussreichen Entwicklungsökonomen Jeffrey D. Sachs, dann ist entschlussfreudiges Handeln das Gebot der Stunde und nicht endloses Debattieren auf internationaler Ebene. Und so wendet er sich in Wohlstand für viele an uns alle. Denn: „Je nachdem, wie wir als globale Gesellschaft reagieren, kann sich daraus Wohlstand für viele oder eine verheerende Krise entwickeln.“

Schließlich beutet der Mensch nicht nur die natürlichen Ressourcen weiterhin hemmungslos aus, sondern zerstört auch riesige Teile seiner Umwelt. Wie oder ob überhaupt der Klimawandel damit zusammenhängt – darüber lässt sich treffend spekulieren. Sicher ist für Sachs: „Der Klimawandel findet bereits statt, und er wird sich verschlimmern.“ Das sind jedoch längst nicht alle Herausforderungen, vor denen die Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht. Daneben wird sich die Weltgemeinschaft mit der Überbevölkerung ebenso auseinandersetzen müssen, wie mit kulturellen Spannungen. Zudem leben heute weltweit mehr als eine Milliarde Menschen in extremer Armut. Untrennbar damit verbunden: Hunger und Mangelernährung.

Irreführender Titel

Eins vorweg: Der deutsche Titel des Buches ist missverständlich. Das Original erschien unter dem Titel Common Wealth – schlicht: Gemeinwohl. Das ist nicht nur aussagekräftiger, sondern auch treffender. Wohlstand für viele impliziert hingegen etwas ganz anders. Der Leser erwartet, dass sich der Autor in erster Linie mit der Entwicklungspolitik oder Wegen aus der Armutsfalle beschäftigt. Das tut er auch, aber erst nach mehr als der Hälfte des Buches. Zuerst geht es um Fragen der Bevölkerungsentwicklung, der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes ebenso wie um den Klimawandel und dessen Folgen.

Seine Thesen untermauert er, wo es sich anbietet, mit einer Fülle von Daten und Fakten. Das statistische Material erschlägt den Leser jedoch ebenso wenig wie die Abbildungen, vielmehr erweisen sie sich als informativ und ebenso hilfreich. Blickt man etwa auf das afrikanische Schienennetz, wird schnell deutlich, worauf in der Kolonialzeit geachtet wurde: „In Afrika wurden Eisenbahnverbindungen nicht zum Anschluss von Dörfern, sondern lediglich als Verbindung zu den wenigen Gold- und Diamantenminen gebaut.“ Die wenigen „voneinander isolierten Bahnverbindungen“ hemmen die Entwicklung bis heute.

Überhaupt hält das Buch einige Überraschungen parat, so etwa wenn Sachs die Verschwendung unserer Wasserressourcen anprangert. Das kurzsichtige Vorgehen führt schon heute dazu, dass „Binnenmeere und Seen verschwinden und Flüsse versanden“. Das lässt aufhorchen und stimmt nachdenklich zugleich. Zumal der Rio Grande – einer der längsten Flüsse Nordamerikas – an mehreren Monaten des Jahres nicht mehr den Golf von Mexiko erreicht. Ähnlich verhält es sich mit dem Gelben Fluss in China.

Die Schilderungen über das in Afrika angesiedelte Projekt der Millenniumsdörfer sind ebenfalls interessant. In diesen Dörfern erhält jeder Einwohner pro Jahr umgerechnet 110 US-Dollar Entwicklungshilfe. Langfristig sollen dadurch die Millenniumsziele der Vereinten Nationen, wie Bekämpfung von Armut und Hunger oder die Senkung der Kindersterblichkeit, umgesetzt werden. Und die bisherigen Erfahrungen sind durchaus positiv.

Scharfer Kritiker des amerikanischen Weges

Jeffrey SachsAm schärfsten kritisiert der Direktor des Earth Institute an der Columbia University die Regierung Bush für ihre klimafeindliche, aber wirtschaftsfreundliche Politik. Außerdem geißelt er den Unilateralismus der USA – eine Vorgehensweise die auf dem internationalen Parkett mehr Probleme schafft, als löst. Von der Kurzsicht der Politiker ganz zu schweigen. Was wir im Gegenteil benötigen, so Sachs, sind Global Governance und multinationale Zusammenarbeit. Schließlich gehen der absehbare Anstieg des Meeresspiegels, die Zerstörung von Lebensräumen und das damit verbundene Artensterben uns alle an. Denn „auf einem dicht besiedelten Planeten sind die Schicksale aller Menschen untrennbar miteinander verbunden.“

Die Lage hört sich zweifelsohne dramatisch an, dennoch gibt es Hoffnung. So glaubt der Autor von Das Ende der Armut (2005) dass wir „zumindest das Potenzial haben, die Menschheit und den Planeten ein weiteres Mal zu retten“. Als Indiz dient ihm der technologische Fortschritt der „rasch voranschreitet und sich wahrscheinlich weiter beschleunigen wird“. Als Beispiel führt er unter anderem die Nutzung von Hybridmotoren, umweltfreundliches Bauen oder die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid an.

Bedenken, dass die Menschheit scheitert, hegt Sachs also kaum, eher das Gegenteil. Fast jede Seite versprüht einen unerschütterlichen Optimismus. Sein Fazit: Wir können die dringendsten Probleme lösen, was letztendlich Wohlstand für alle bringt und „die Welt auch sicherer und demokratischer“ macht. Die positive Lebenseinstellung in Ehren, doch ist sie zugleich die Schwäche des Buches. Kritisieren könnte man beispielsweise, ob mehr Entwicklungshilfe wirklich zu den gewünschten Erfolgen führt. Und Fragen, ob alle Gelder in Afrika sinnvoll eingesetzt werden, haben aufgrund der von Rückschlägen reichlich geprägten Entwicklungszusammenarbeit durchaus ihre Berechtigung.

Engagement, Mut und Weitblick

Sachs Verdienst liegt ohne Zweifel darin, die Herausforderungen der Zukunft mitsamt möglichen Lösungsansätzen ebenso prägnant wie umfassend zusammenzufassen. Zwar ist vieles nicht wirklich neu oder unbekannt, jedoch musste der interessierte Leser bisher auf eine Vielzahl an Einzelfallstudien zurückgreifen, um mindestens ebenso gut informiert zu sein. Allein deswegen lohnt die Lektüre.

Außerdem hebt sich Wohlstand für viele durch eine anschauliche und leicht verständliche Sprache von den üblichen Fachbeiträgen ab. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen Sachs seine vielfältigen Erfahrungen aus der Praxis einfließen lässt. Auch wenn sich der Berater von internationalen Organisationen und Regierungen manchmal wiederholt, bleibt dem Leser nichts, außer ihm in der Sache Recht zu geben. Die Probleme müssen eher heute als morgen gelöst werden. Dazu bedarf es Engagement, Mut und Weitblick. Denn Zeit bleibt nicht mehr viel, so die feste Überzeugung des Autors.

Sachs, Jeffrey D.,
Wohlstand für viele,
(2008), Siedler Verlag, München.
476 S., ISBN: 978-3-88680-860-1, 24,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Sieder Verlag (Cover) und Bruce Gilbert (c /o The Wylie Agency Ltd., Bedford Square 17, WC1B 3JA London, Grossbritannien). Der Verlag im Internet


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