Entstehungsgeschichte des neuen Deutschlands

Die Wiedervereinigung Deutschlands bedeutete zugleich die Geburtsstunde der „Berliner Republik“. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall liegt nun eine erste und zudem äußerst gelungene zeitgeschichtliche Darstellung der politischen Nachwendeentwicklung vor. Von Daniel Hönow

Die Autoren der be.bra Reihe „Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert“ wollen einen unverstellten Blick auf Alltag, Kultur, Politik und Wirtschaft des vergangenen Jahrhunderts werfen und dabei die Entwicklung Deutschlands in den größeren Zusammenhang der deutschen und internationalen Geschichte einordnen. Der Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker liefert mit dem 16. und letzten Band der Reihe einen würdigen Abschluss der Sammlung.

Wissenschaftliches Neuland

Ob Auslandseinsätze der Bundeswehr, Reform des Sozialstaats oder  Veränderungen im Parteiensystem: Die Betrachtung der jüngeren deutschen Vergangenheit war bisher der Politikwissenschaft vorbehalten. Die deutsche Geschichtswissenschaft, auch die Zeitgeschichtsforschung, hat sich mit der Beschreibung der Nachwendeentwicklung bisher schwer getan. Viele Autoren scheitern  bei der Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit an mangelnder persönlicher Distanz und komplizierter Materiallage.

Nicht so Görtemaker. Obwohl er mit seiner Darstellung der Entwicklung nach 1989/90 geschichtswissenschaftliches Neuland betritt, gelingt es ihm, den Anspruch der Reihe zur kompakten,  verständlichen und anschaulichen Darstellung neuester historischer Forschungsergebnisse vollends zu erfüllen. In gewohnt souveräner Manier analysiert er sicher, pointiert und eloquent die großen Themen der Innen- und Außenpolitik, beginnend mit den Ereignissen rund um den Mauerfall bis hin zur Kanzlerschaft Angela Merkels.  Görtemaker versteht es, die Komplexität politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge allgemeinverständlich zu verdichten. Mit dem Gespür des erfahrenen Historikers erläutert er in neun Kapiteln die entscheidenden, zeithistorischen Ereignisse und zeichnet so ein eindringliches Bild der politischen Entwicklung Deutschlands seit der Wiedervereinigung.

Denkwürdige Debatte zur Hauptstadtfrage

Die ersten beiden Kapitel widmet der Autor der Betrachtung der inneren und äußeren Umstände von friedlicher Revolution, Maueröffnung und Wiedervereinigung. Das vereinte Deutschland habe am Beginn der neunziger Jahre ein neues Selbstverständnis entwickelt, in dessen Folge die Hauptstadtfrage virulent wurde. Die Debatte um das Für und Wider des Umzugs von Bonn nach Berlin sei äußerst emotional verlaufen. Provinzielle Eitelkeit und finanzielle Überlegungen mischten sich dabei mit nationaler Symbolik und historischen Befindlichkeiten. Die Diskussion gipfelte in der denkwürdigen Sitzung des Bundestages  vom 20. Juni 1991, in die Bonn als haushoher Favorit ging und dennoch knapp verlor.

In der zeitgenössischen Publizistik wurde daraufhin über mögliche Auswirkungen des Umzugs auf den Politikstil oder gar dessen Inhalte spekuliert. Diesen Theorien wurde insbesondere von der Politik selbst oft widersprochen. Vor allem der Begriff „Berliner Republik“ fand keine Gnade. Helmut Kohl bezeichnete ihn als „ausgemachten Unsinn“, Wolfgang Schäuble sprach von einem „Wortungetüm“ und Roman Herzog sah keinen Grund dafür, dass die „Berliner [Republik] eine andere Republik sein sollte als die von Bonn“. Görtemaker jedoch, arbeitet überzeugend die Argumente heraus, die diesen Auffassungen widersprechen.  Berliner und Bonner Republik seien zwar staatsrechtlich identisch gewesen, unterschieden sich jedoch  politisch, gesellschaftlich und kulturell.

Vereinigungsprozess und Neuorientierung

Die Wiedervereinigung veränderte die deutsche Politik nicht nur mit Blick auf die Hauptstadtfrage.  Der Autor analysiert präzise die Problemlage, die infolge des rasend schnellen Vereinigungsprozesses zwischen DDR und BRD entstand. Die grandiose Fehleinschätzung der ökonomischen Lage in der DDR durch die Regierung Kohl habe zu erheblichen Schwierigkeiten geführt. Görtemaker beschreibt eine Gesellschaft im Zwiespalt zwischen Euphorie und einsetzender Ernüchterung. Eine Gesellschaft, die verursacht durch verfehlte Politikvermittlung und die Ausgrenzung der Oppositionsbewegung von der Gestaltung des  Wiedervereinigungsprozesses zunehmend desillusioniert und resigniert wirkt. Er liefert damit eine plausible Erklärung für den Wunsch der Ostdeutschen nach einem Regierungswechsel wie er in den Bundestagswahlen von 1998 zum Ausdruck kam.

Der Autor geht in der Folge auf die Besonderheiten der Regierung Schröder/Fischer, den Rücktritt Oskar Lafontaines, den Kosovo-Konflikt, den Krieg gegen Serbien und die Parteispendenaffäre der CDU ein. In einem weiteren Kapitel setzt er sich mit den Auswirkungen der Terroranschläge vom  11. September 2001 sowie den deutschen Reaktionen darauf auseinander, bevor er abschließend auf die Phase des Regierungswechsels von Schröder zu Merkel und die jüngsten Veränderungen im Parteiensystem eingeht.

Kritischer Blick auf eine bewegte Zeit

Der Band ist eine äußerst gelungene, spannungsvolle Abhandlung, dessen Vorteile in der distanziert analytischen Perspektive des Historikers liegen, der auf eben noch aktuelle politische Entwicklungen blickt. Görtemakers Betrachtung der entscheidenden politischen Handlungsstränge seit der Wiedervereinigung fördern das Verständnis für die derzeitige politische Lage in unserem Land ungemein.

Görtemaker, Manfred.
Die Berliner Republik. Wiedervereinigung und Neuorientierung
Berlin-Brandenburg 2009, be.bra Verlag GmbH
224 Seiten, ISBN 978-3-89809-416-0, EUR 19,90



Die Bildrechte liegen beim be.bra Verlag.


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