Einmal Völkermord und zurück

13. Feb 2009 | von Fabian Busch | Kategorie: Politisches Buch

cover_mittelDer Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss hat sich mit seinem ersten Roman an den Völkermord in Ruanda herangewagt. Herausgekommen ist die fesselnde Geschichte eines Entwicklungshelfers, aber auch eine Anklage an die Europäer, die in das Jahrhundertverbrechen tiefer verstrickt sind als sie zugeben möchten. Von Fabian Busch

Anfang der neunziger Jahre besteigt der 24-jährige David Hohl ein Flugzeug nach Ruanda, um in der Hauptstadt Kigali in der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit der Schweizerischen Eidgenossenschaft Dienst für Afrika zu leisten. Am Flughafen in Brüssel verliebt er sich auf den ersten Blick in die Ruanderin Agathe. Es ist eine Mischung aus Schwärmerei, naiver Abenteuerlust und dem Wunsch nach Dankbarkeit vermeintlich unterentwickelter Völker, die den Erzähler nach Ruanda treibt – genau wie eine gute Portion idealistischer Überheblichkeit: „Mein Land brauchte mich nicht, doch dort, in Afrika, war noch ein Tausendstel meines bescheidensten Wissens ein Reichtum, und diesen wollte ich teilen.“

David Hohl ist keine Identifikationsfigur, eher ein Anti-Held, der all die Verfehlungen der Europäer in der eigenen Person verkörpert. Das Wort „Neger“ gehört zu einem Wortschatz, den man von einem Entwicklungshelfer nicht erwarten würde. Seine Reise endet mit den Hundert Tagen des ruandischen Völkermordes, den der Erzähler des Romans versteckt in seinem Haus in Kigali verbringt. Ausgerechnet in Ruanda, das wegen seiner grünen Hügel und vermeintlich stabilen politischen Verhältnisse die „Schweiz Afrikas“ genannt wurde und dem sich die Eidgenossen so verbunden fühlten.

Erfundene Geschichte, wahre Tatsachen

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Recherchierte vor Ort in Ruanda für seinen Roman: Der Schriftsteller Lukas Bärfuss
Fast eine Million Menschen sollen zwischen April und Juli 1994 ums Leben gekommen sein, als die Hutu-Machthaber etwa drei Viertel der Tutsi-Bevölkerungsgruppe in Ruanda auslöschten – und die internationale Gemeinschaft mehr oder weniger desinteressiert und tatenlos zusah. Der Schweizer Lukas Bärfuss (Foto links) hat sich als Dramatiker schon oft an schwierige Themen wie Sterbehilfe oder die Sexualität von Behinderten gewagt. Hundert Tage ist sein erster Roman, der unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde.

Auch wenn es sich um eine fiktive Erzählung handelt, besteht der Autor darauf, sich auf Tatsachen zu beziehen. Geschickt verbindet Bärfuss die erdachte Geschichte von David Hohl mit der historischen Realität. Etwa wenn der junge Entwicklungshelfer davon berichtet, wie die Schweizer Botschaft dem Regime von Präsident Habyarimana dabei behilflich ist, den staatlichen Rundfunk auf Vordermann zu bringen und dann überrascht feststellen muss, dass das Radio Hasstiraden und Mordaufrufe sendet. Ein Verweis auf das Radio Mille Collines, das 1993 und 1994 zum Völkermord an der Tutsi-Volksgruppe aufrief. Ein Verweis, der die Anklage in Bärfuss’ Roman treffend illustriert: Jeder, egal ob Tutsi oder Hutu, Mann oder Frau, Afrikaner oder Europäer, trägt Mitschuld an einem der schlimmsten Völkermorde des Jahrhunderts.

„Es spielt keine Rolle, ob man Ziegelsteine oder Leichen abtransportiert.“

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Ruanda, Land der tausend Hügel: Idyllische Landschaft, tragische Geschichte.
Die Namen der beiden verfeindeten Volksgruppen benutzt Bärfuss nur ein einziges Mal. Sein Erzähler spricht von den Kurzen und den Langen und übernimmt damit die überkommenen Stereotypen der großgewachsenen Viehhirten der Tutsis und dem kleinen Bauernvolk der Hutus, das in der ruandischen Gesellschaft so tief verwurzelt ist. Es ist eine Trennung, ein Freund-Feind-Denken, dem sich in Bärfuss’ Roman niemand entziehen kann.

Erst recht die Europäer schlagen sich auf eine Seite, sogar die traditionell neutralen Schweizer. Die Eidgenossen stehen auf der Seite der Hutus, was ihnen zugute kommt, als diese mordend durchs Land ziehen: „Schließlich waren wir es gewesen, die ihnen die Verwaltung beigebracht hatten, das Wissen, wie man eine Sache von dieser Größe angeht, und es spielt keine Rolle, ob man Ziegelsteine oder Leichen abtransportiert.“ Wäre David Hohl dagegen einer der Tutsi-freundlichen Belgier gewesen, hätte man ihn im Kigali der Bürgerkriegszeit „ohne viel Federlesen totgeschlagen“.

Das Wissen der Europäer, die langjährige Arbeit im kleinen Ruanda, nach dem laut Hohl sämtliche Hilfsorganisationen verrückt waren und sich gegenseitig auf die Füße traten, haben den Bürgerkrieg weder verhindern können noch wenigstens kommen sehen. Die Gemeinschaft der Ausländer vertreibt sich im Roman die Zeit mit Schnitzeljagd und als Tutsi-Rebellen über die ugandische Grenze ins Land vorstoßen, feiern deutsche Entwicklungshelfer in einem Restaurant mit roten Nasen und Papphütchen Geburtstag. Die Bantu-Sprache der Einheimischen versteht keiner der Entwicklungshelfer, die dem Land eigentlich nur Gutes wollen, es aber im Gegenteil eher anschieben auf seinem Weg ins Verderben.

Was nützen Werte und Moral im Bürgerkrieg?

Bärfuss war 1994 nicht selbst in Ruanda, bereiste das Land aber 2004 um für seinen Roman zu recherchieren. Für den Leser, der Bürgerkrieg und Völkermord nur aus Fernsehen und Zeitung kennt, dürfte die so ernüchternd wie authentisch erzählten Erfahrungen des David Hohl dennoch fast realistischer wirken als andere Verarbeitungen des Themas in Literatur und Film, wie etwa die auf einer wahren Gegebenheit beruhende Heldengeschichte inklusive Happy End im Spielfilm Hotel Rwanda.

Als David Hohl seinen Gärtner Théoneste indirekt seinen Mördern ausliefert, stellt er resigniert fest: „Es war mir egal, dass ich Schuld auf mich geladen hatte, das hatte ich ohnehin längst getan.“ Und die Frage, die sich seine Romanfigur stellen muss, gibt Bärfuss auch dem Leser mit auf dem Weg: Was nützen alle idealistischen Wertvorstellungen und moralischen Verpflichtungen, wenn man sie nicht umsetzen kann, weil sich Gut und Böse, Opfer und Täter nicht auseinanderhalten lassen und man mit noch so gutgemeinten Aktionen doch nicht das Erhoffte bezweckt? Bleistifte habe man den Machthabern in Ruanda gegeben, Telefonleitungen gelegt und Straßen gebaut, sagt David Hohl. Und am Ende schrieben sie damit ihre Todeslisten, gaben Mordbefehle durch und fuhren auf frischem Asphalt zu ihren Opfern.

Lukas Bärfuss,
Hundert Tage,
(2008), Wallstein Verlag, Göttingen, 197 Seiten,
ISBN 978-3-8353-0271-6


Die Bildrechte liegen bei oledoe/flickr.com (ruandische Landschaft), bei Beatrice Künzi (Porträt Bärfuss) sowie beim Wallstein Verlag (Cover). Der Verlag im Internet.


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Ein Kommentar
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  1. Die Europäer haben bereits vor der eigenen Haustür schwer gesündigt – im Jugoslawien-Konflikt. Die GASP liegt in Trümmern. Diese Wirtschaftskrise wird weiter klar machen, dass Suprationalismus ein Wunschtraum ist, wenn die materiellen Vorteile der Integration nachlassen.

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