Ein Paragraphenreiter und ein Onkel Doktor

In einer Portraitreihe stellt /e-politik.de/ die Minister der neuen Regierung vor. Heute: Ein Greenhorn der CDU, Norbert Röttgen als Umweltminister. Von Iris Pufe und Petra Sorge

Sie sind junge, katholische, großbürgerliche Familienväter, haben einen Doktortitel, wenig bundespolitische Erfahrung und ihr Nachname beginnt mit „Rö“. Damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten der beiden Greenhorns im Regierungskabinett, Bundesumweltminister Norbert Röttgen und Gesundheitsminister Philipp Rösler. Doch wer steckt hinter diesen Personalien?

Norbert Röttgen – Viel Recht und wenig Umwelt

Die Karriere des neuen Umweltministers gleicht einer Geraden: Nach dem Abitur folgt ein Rechtsstudium, 2001 promoviert er zum Dr. jur. Das Thema: „Die Argumentation des Europäischen Gerichtshofes – Typik, Methodik, Kritik“. Beim Paragraphenritt sitzt Röttgen fest im Sattel, doch führt ihn der an Seen und Wäldern vorbei? In seiner Jugend hat er sich nie einen Namen als leidenschaftlicher Naturschützer und Atomkraftgegner gemacht.

Auch politisch legt er eine Gerade hin: Mit 18 tritt Norbert Röttgen in die CDU ein. Als Mitglied der Jungen Union schaffte er es bis zum Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen, als CDU-Mitglied in den Vorstand des Kreisverbandes Rhein-Sieg. 1994 wurde Röttgen in den Deutschen Bundestag gewählt. Im Jahr 2005 gelang ihm den Sprung in die Bundestagsfraktion der CDU/CSU als ihr Erster Parlamentarischer Geschäftsführer. Heute ist Röttgen einer der engsten Vertrauten von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die selbst Umweltministerin war, ohne sich je an Gleise gekettet zu haben.

Er hält das neue Zepter, kompetent und zweckorientiert

Norbert RöttgenRöttgen ist da angekommen, wo Millionen von Naturfreunden, Tierschützern und Atomgegnern in Deutschland gerne stünden – die Macht zu haben, Maßnahmen einzuleiten für ein gesundes, lebenswertes Umfeld, für ein „Jahrhundert der Umwelt“. Nun bekommen sie Norbert Röttgen, einen 44-jährigen Nordrhein-Westfalen, vorgesetzt. Einer, der kompetent und funktional das Zepter „schwingt“, der Umweltprobleme methodisch löst, dessen Arbeitseifer und Interesse aber beim Recht liegen.

Das Thema Umwelt war sein Steckenpferd nie – er ist ein Paragraphenreiter, kein Treehugger. Auf seiner Website nennt er seine drei Schwerpunkte: Globalisierung, Föderalismusreform und Bürokratieabbau. Von Umwelt- und Naturschutz oder Erneuerbaren Energien keine Rede. Aber vielleicht braucht Röttgen das Terrain nicht zu kennen, solange er weiß, wie er den Paragraphenhengst parieren lässt? Als Rechtsexperte wirkt er, indem er zum Beispiel an der Festlegung des gesetzlichen Rahmens für Umweltschutz arbeitet. Das Umweltproblem begreift er in diesem Zusammenhang als Generationen- und als Gerechtigkeitsproblem. „Wir müssen eine Ökokrise vermeiden, die jede Finanzmarktkrise in den Schatten stellt“, sagt Röttgen mit der Stimme des Intellektuellen – korrekt und etwas blutleer.

Erstaunlich lebendig klingt da der Titel seines Erstlingswerkes an, das im Februar erschien: „Deutschlands beste Jahre kommen noch“. Das Buch begreift er als ein „Plädoyer für eine Renaissance der Politik“. Röttgen will darin den „Gestaltungsauftrag und die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik deutlich machen, gerade in einer Zeit, in der die Nationalstaaten Handlungsmöglichkeiten verlieren“.

Intellekt goes Umweltschutz?

Röttgens Stärken liegen in seinem klaren Verstand, in seiner Fähigkeit zur Analyse und zur Distanz. Er durchdringt Sachverhalte. Aber fühlt er sie? Seine „Normalität“ mag seiner Sozialisation geschuldet sein, kommt er doch aus gesunden, intakten Verhältnissen, einem katholischen Elternhaus, rheinländisch-gutbürgerlich.

Vielleicht regt sich aber zu Recht der Zweifel, wenn einer für ein Ressort, das einigen am Herzen liegt, nicht die Leidenschaft mitbringt? Schließlich wollte Röttgen ehemals als Hauptgeschäftsführer zum Bundesverband der Deutschen Industrie wechseln – nicht die beste Voraussetzung für eine wirtschaftsunabhängige, effektive Umweltpolitik.

Lesen Sie gleich das Portrait von Gesundheitsminister Philipp Rösler, der Geheimwaffe aus dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium.


Die Bildrechte liegen bei Cumulus Weigert (Karikatur) und bei Laurence Chaperon (Portrait) unter Creative Commons.


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