Duell ohne Schwerter

Richard Nixon (Frank Langella) begrüßt einen Fan.Es ist ein verbales Duell, das den Zuschauer in höchste Emotionen versetzt: Am 5. Februar läuft in den Kinos die Verfilmung des legendären TV-Duells zwischen David Frost und Richard Nixon an. Der Film erzählt die wahre Geschichte des einzigen Geständnisses, das Nixon vor laufender Kamera ablegte. Von Dimitrios Athanassiou

Amerikanische Präsidenten zählen schon lange zu den einflussreichsten Personen der Zeitgeschichte. Seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des Ostblocks sind sie möglicherweise sogar die mächtigsten. Nicht immer begegnen sie anderen Staatsoberhäuptern und Nationen auf Augenhöhe und führen manch zweifelhaften Krieg. Die Prinzipien des Selbstschutzes, der Prävention und der Verteidigung freiheitlicher Werte werden dabei zuweilen überstrapaziert.

Richard Nixon (1969-1974) gilt als der US-Präsident des Vietnamkrieges. Er besucht als erstes amerikanisches Staatsoberhaupt die Volkrepublik China und die Sowjetunion. In Erinnerung geblieben ist er aber durch eine andere Tat: die so genannte „Watergate-Affäre“ – eine Reihe von Strafftaten und Verfassungsbrüchen, welche das Vertrauen der amerikanischen Öffentlichkeit in das Präsidentenamt tief erschütterten und die ganze Nation in eine Verfassungskrise stürzten. Der Auslöser des Skandals ist der Einbruch am 17. Juni 1972 in den Watergate-Gebäudekomplex und in die Zentrale der Demokratischen Partei. Die bei den festgenommen Einbrechern sichergestellte technische Ausrüstung liefert Hinweise, dass sie für die Installation von Wanzen gedacht ist – und das kurz vor der anstehenden Wahl um das Präsidentschaftsamt, bei der Nixon gegen den demokratischen Kandidaten antreten will. Die nachfolgenden Ermittlungen des FBI führen in immer höhere Kreise, ins Weiße Haus und zu Richard Nixon. Am Ende erklärt er am 9. August 1974 als bisher einziger US-Präsident seinen Rücktritt. Damit entgeht er nur knapp einem Amtsenthebungsverfahren durch das Repräsentantenhaus.
Das Kampfteam Frost: Die Strategen Bob Zelnick (Oliver Platt), David Frost (Michael Sheen), Autor James Reston, Jr. (Sam Rockwell) und Regisseur John Birt (Matthew MacFadyen)
Nixon und die Medien

Die amerikanische Öffentlichkeit sähe Richard Nixon gerne auf der Anklagebank – überführt, geständig und verurteilt. Die Begnadigung seitens seines Nachfolgers Gerald Ford vereitelt dies. Drei Jahre taucht er unter. Und als etwas Gras über die Sache gewachsen ist, will er wieder an die Öffentlichkeit und durch gelungene Fernsehauftritte seinen Ruf rehabilitieren. Die amerikanischen Bürger sollen ihn nicht als den Präsidenten in Erinnerung behalten, der sein Amt missbrauchte und mit einem Verfassungsbruch ausschied. Alle großen Sender und erfahrene Politjournalisten sind begierig, Nixon vor die Kamera zu bekommen und ihm ordentlich einzuheizen. Genau hier setzt „Frost/Nixon“ an. Basierend auf dem gleichnamigen Broadway-Theaterstück, indem ebenfalls Frank Langela und Michael Sheen als Richard Nixon und David Frost zu sehen sind, entwickelt Regisseur Ron Howord eine fesselnde, atmosphärisch dichte Geschichte, die höchst authentisch den dramatischen Zweikampf der ungleichen Kombattanten nachzeichnet, der am Ende eine unerwartete Wendung nimmt.

Nixon war anfangs alles andere als besonders medientauglich. 1960 gab er in seiner Kandidatur gegen den späteren Präsidenten J. F. Kennedy ein desaströses Bild ab: Während eines TV-Duells schwitzt er vor lauter Nervosität derart stark, dass ihm das Make-up verläuft und übers Gesicht rinnt. Nixon zieht seine Lehre aus dieser Niederlage: Er lernt in den Jahren danach mit den Medien umzugehen, ihre Macht gezielt für seine Zwecke einzusetzen, diese vielleicht sogar zu instrumentalisieren. 1977 soll es für die „Nixon-Rehabilitierungshow“ genau so laufen, wie es der Ex-Präsident vorgesehen hat. Man braucht also als Interviewer ein handzahmes politisches Leichtgewicht. David Frost kommt da gerade richtig.

„Es ist nicht illegal, wenn es der Präsident macht“

Annäherung über den Wolken: David Frost (Michael Sheen) flirtet mit Caroline Cushing (Rebecca Hall).Frost hat bis zu diesem Zeitpunkt lediglich seichte TV-Formate moderiert und gilt überdies als playboyhafter, leichtlebiger Typ, der niemals das Format haben kann, es mit Nixon vor der Kamera aufzunehmen. Nixon gilt als einer der brillantesten politischen Köpfe seiner Zeit. Ein gewiefter Rhetoriker und erfahrener Stratege. Nebenbei möchte Nixon aber auch sein Konto etwas aufbessern. Wenn schon vor die Kamera, dann nur gegen entsprechendes Honorar. Für die horrende Summe von 600.000 Dollar willigt Nixon schließlich ein, sich Frost in vier anderthalbstündigen Interviews zu stellen. Die Inhalte der einzelnen Shows sind vertraglich festgelegt. Frost darf pro Termin nur ganz bestimmte Themen ansprechen. Watergate steht für den Schluss an.

Jeder, der damals wirklich vor Ort war, erzählt die Geschichte ein klein wenig anders, gleichgültig auf welcher Seite er stand. Sicher ist nur eines: Frost scheint von Beginn an hoffnungslos unterlegen. Zwar überrascht er Nixon anfangs mit einer Frage, die für diesen Zeitpunkt nicht vorgesehen ist; lässt sich das Ruder aber gleich wieder aus der Hand nehmen. Nixon nutzt jede gestellte Frage, sich zu positionieren, seine Handlungen zu legitimieren und ungestraft die Meinung zu äußern, dass der Präsident Dinge tun darf, die anderen verboten sind. Wenn es der Präsident macht, können diese Handlungen nicht als illegal angesehen werden, lautet seine Auffassung. Das Gefühl, ein Schachspiel zwischen einem Großmeister und dem Lokalchampion des örtlichen Dorfvereins zu beobachten, wird immer stärker und beklemmender.

Gladiatoren unter Scheinwerfern

Taktieren am Telefon: Nixons Agent Swifty Lazar (Toby Jones) zieht die Strippen im Hintergrund.„Ich werde Ihr schärfster Gegner sein. Ich komme zu Ihnen mit allem, was ich habe. Denn nur einer von uns beiden kann im Scheinwerferlicht stehen. Für den anderen bleibt die Wildnis. Einsamkeit mit nichts als den Stimmen, die in unseren Köpfen klingen.“ Nixon macht seine Drohung wahr, aber als Frost bereits mit dem Rücken an der Wand steht, dreht sich der Zweikampf: unvermittelt und unerwartet knickt Nixon beim letzten Interview plötzlich ein. Und was keiner für möglich gehalten hat, passiert: Nixon gesteht seine schwere Verfehlung öffentlich ein und bittet vor der Kamera das amerikanische Volk um Verzeihung. Zu diesem Zeitpunkt hat der Film längst den Siedepunkt überschritten. Die Luft ist derart elektrisiert, dass die Atmosphäre kurz vor der Explosion steht. Die beiden Protagonisten könnten Blei zum Schmelzen bringen. Wie antike Gladiatoren ringen sie in einer mentalen Arena um Raum: Parade folgt auf Angriff, Gegenangriffe und Finten, taktisches Geplänkel; es könnte nicht spannender sein, selbst wenn sie Schwerter in den Händen halten würden.

„Frost/Nixon“ ist intensiv wie ein Thriller. Und zeichnet mit Akribie ein nuanciertes Charakterprofil von Richard Nixon, das ihn beinahe sympathisch erscheinen lässt, seine Handlungen aber zu keiner Zeit beschönigt oder gar entschuldigt. Der Film zeigt aber, dass auch Nixon, der spröde, erzkonservative Politstratege, durchaus menschliche Züge hatte und letzten Endes der Versuchung erlag, welche die große Macht seines Amtes mit sich bringt. Er zeigt, dass der frühere Präsident sich somit dieser Verantwortung nicht als würdig erwies. Warum er letzten Endes einknickte und vor laufender Kamera um Verzeihung bat, entschlüsselt sich nicht ganz. Vielleicht lastete diese Verfehlung zu schwer auf seinem Gewissen und es war einfacher, drei Jahre später einem vom „Format“ des David Frost zu beichten. Vielleicht lag es auch an der Art und Weise, mit der Frost die Interviews anging und Nixon „zu sich kommen ließ“, als Nixon so weit war. Wie heißt es so schön: „Nur Nixon konnte nach China gehen“, vielleicht sollte es auch heißen: „Nur Frost konnte Nixon zu sich kommen lassen“.


Die Bildrechte liegen bei Universal Pictures. Hier geht es zur offiziellen Website des Films.


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