Die Legende vom Urdeutschen

11. Jan 2009 | von Andreas Morgenstern | Kategorie: Politisches Buch
cover-varusschlacht-rechte-walter-breitinger2
„Die Herrmannsschlacht“, Gemälde von Friedrich Gunkel, 1864
Vor 2000 Jahren besiegten die Germanen die antike Supermacht Rom. Ralf-Peter Märtin sucht jetzt Antworten, wie es zu dieser Katastrophe für das sieggewohnte Imperium kommen konnte und wie die Deutschen den Erfolg zum Nationalmythos ausbauten. Von Andreas Morgenstern

Mitten in den dichten Wäldern des ständig verregneten Germaniens überfielen die Barbaren die Legionen des ruhmreichen Römischen Imperiums. Da sich auch die Götter nicht auf die Seite der Großmacht stellten, unterlagen deren Soldaten den Horden des germanischen Verräters Arminius. Verzweifelt und voller Klischees versuchten die Römer so, die Katastrophe zu erklären. Schließlich trauerte Kaiser Augustus um seine verlorenen Legionen und rief, so wird zumindest überliefert, seinem freiwillig aus dem Leben geschiedenen Statthalter Publius Quinctilius Varus nach, er solle sie ihm zurückgeben.

All dies ereignete sich in der sogenannten Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. 2009 ist also ein Jubiläumsjahr. Ausstellungen, Filmdokumentationen und natürlich eine Flut von Büchern widmen sich diesem Thema, verspricht die hohe mediale Aufmerksamkeit doch auch hohe Umsätze. Zu befürchten ist da natürlich auch mancher Schnellschuss. Das gilt aber nicht für Rolf-Peter Märtins Buch „Die Varusschlacht. Rom und die Barbaren“. Der Geschichtsjournalist, der sich auch schon mit dem Fürsten Vlad Tepes, dem historischen Dracula, beschäftigte, zeichnet auf 350 Seiten nämlich nicht nur lebhaft die Verhältnisse in und um das Römische Reich während des Augusteischen Zeitalters nach, inklusive einer Betrachtung der Reaktion des Imperiums auf die Niederlage, sondern befasst sich auch mit der Rezeption der Ereignisse im Deutschland der Neuzeit. Märtin sucht dabei auch Antworten, inwieweit denn nun von der Varusschlacht als Ausgangspunkt deutscher Geschichte gesprochen werden darf.

Pax Romana für Germanien?

Zunächst werden aber detailreich und trotz der tiefgreifenden machtpolitischen Verwicklungen verständlich die Ereignisse von der Machtübernahme Augustus, der nach der Eroberung Galliens durch Gaius Julius Cäsar nun auch Germanien kolonialisieren wollte, nachgezeichnet. Märtin zeigt auf, wie weit die Römer hierbei schon voran gekommen waren. Der Austausch zwischen Römern und Germanen förderte eine schleichende Romanisierung, die man heute als „Wandel durch Handel“ beschreiben würde. Aber auch die Politik des „divide et impera“ festigte Roms Stellung. Die Großmacht verbündete sich mit einzelnen der zumeist zerstrittenen Stämme. Deren Oberen versprachen die Römer dabei sogar das Bürgerrecht und versuchten, sie an einen komfortableren römischen Lebensstil zu gewöhnen. Mit Blick auf Roms Germanenbild kann man somit von der versuchten Zähmung der Barbaren sprechen.

Hierfür zahlten die Germanen allerdings den Preis, dass Rom den Militärdienst für das Imperium forderte. Dies galt auch für den jungen Heerführer Arminius, der im strategisch wichtigen Krisenherd Pannonien eingesetzt wurde und dort die Strategie und Waffenstärke der Römer studieren konnte. Schließlich standen dem laut Märtin „typischen Globalisierungsgewinner der Zeit“ die Tore für eine Karriere in Rom, die ihm als Barbaren allerdings stets die Rolle des Wasserträgers beschert hätte, offen. Arminius wollte mehr. Die Geschichte des Kriegsgeschehens ist schnell erzählt, und auch Märtin fasst sie knapp zusammen. Durch eine List lockt Arminius die römischen Truppen auf die rechte Rheinseite und schlägt sie in einem Überraschungsangriff durch die von ihm geführten römischen, aber mehrheitlich germanisch zusammengesetzten Ersatztruppen. Erst als sich der Sieg abzeichnet, eilen die meisten germanischen Stämme dazu, und sichern sich so ihren Teil der Beute. Einer der größten Katastrophen Roms steht ein unvollständiger Sieg von Arminius gegenüber: Er kann die Stämme nicht unter seiner Führung vereinen. So bringen auch spätere römische Vorstöße nicht mehr die Romanisierung Germaniens, der traditionelle Zwist zwischen den Germanen flammt aber wieder ungehemmt auf. Wie so oft in der Geschichte konnte eine Weltmacht ihren Lebensstil einem vergleichsweise rückständigen Land nicht überstülpen.

Ralf-Peter Märtin, Geschichtsjournalist
Ralf-Peter Märtin, Geschichtsjournalist
Die Saga des Ursprungs der Deutschen

Märtin bescheidet sich aber nicht mit historischen Schilderungen, die übrigens immer wieder Ähnlichkeiten mit manchem heutigen Spannungsherd zeigen, sondern versucht auch den Mythos um Schlacht und Heerführer zu entkleiden. Noch in unseren Tagen ist umstritten, ob die Varusschlacht als einendes Ereignis der Germanen und als Ursprung(-smythos) der Deutschen gelten darf. Während die aufwändige ZDF-Produktion „Die Deutschen“ unsere Geschichte erst bei den Ottonen und mit der Schlacht auf dem Lechfeld (scheinbar brauchen die Deutschen eine Schlacht als einendes Erlebnis) einsetzen ließ, begrüßt die quasi offizielle Geschichtsdarstellung des Deutschen Historischen Museums mit der „Varusmaske“ als Beginn von „2000 Jahren deutscher Vergangenheit“.

Schon die Reformatoren des 16. Jahrhunderts erkannten den Wert des Arminius im Kampf gegen die Ansprüche Roms und versuchten ihn nun unter dem triefend deutschen Namen Hermann der Cherusker zu popularisieren. Erfolgreich sei dieses Bestreben jedoch erst in der napoleonischen Ära gewesen, als Arndt oder Fichte Arminius zum Vorkämpfer gegen die „Ausländerei“ glorifizierten. Dennoch sollte Arminius der Durchbruch zum Nationalheros nicht gelingen, wie Märtin anhand der schleppenden Entwicklung um das gigantische Hermannsdenkmal andeutet. Erst brauchte dessen Bau mehrere Jahrzehnte, dann wirkte sein Held trotz des stolz kämpferisch erhobenen Schwertes schon wieder antiquiert, denn den Traum der nationalen Einheit, den Arminius nicht erfüllen konnte und wohl auch kaum im Blick hatte, hatten Bismarck und Kaiser Wilhelm I. inzwischen wahr werden lassen. Und auch der nazistische Germanenwahn gestand Arminius nur eine Nebenrolle zu. So orientierten sich die kolossalen Bauprojekte eher am römischen Vorbild und nicht am von Hitler belächelten Germanenkult eines Heinrich Himmler.

Der Mythos verblasst

Nach 1945 geriet schließlich alles, was den Geschmack eines Germanenkults hatte, unter Generalverdacht. Auch passte ein Sieg gegen die Römer nicht in das Konzept eines vereinten Europas, das sich gerade in seiner Formierungsphase in weiten Teilen aus romanischen Ländern zusammenfügte. Von Interesse ist Arminius somit heute in erster Linie für die Altertumsforscher, die mit Enthusiasmus die Debatte über den oder die exakten Kampfplätze führen, sowie für die Tourismusexperten, die begierig deren Ergebnisse zur Vermarktung ihrer Region verwerten, insbesondere im Jubiläumsjahr. So entlässt Märtin den Leser mit der Botschaft, eine der größten deutschen Nachkriegsleistungen sei, dass Arminius als Heros nicht mehr gebraucht werde und die Varusschlacht als „Epos unserer gemeinsamen europäischen Vergangenheit“ in den kontinentalen Geschichtskanon Aufnahme finde. Ob dies tatsächlich so kommen kann oder wird, sei in Frage gestellt. Mit dem Ereignis und seinen Auguren verbinden sich viel zu unterschiedliche Bilder. So herrschen trotz der natürlich übernationalen Rezeption weiterhin national geprägte Erinnerungen vor, nicht nur aber gerade in Deutschland, wo der Mythos verblasst, aber noch immer unvergessen ist.

Märtin, Ralf-Peter: Die Varusschlacht. Rom und die Barbaren,
S. Fischer Verlag 2008,
432 Seiten, gebunden mit Abbildungen, 22,90 EUR,
ISBN 978-3-10-050612-2


Die Bildrechte liegen bei Walter Breitinger.


Lesen Sie mehr auf /e-politik.de/:

Ein Held der keiner war

Kontroversen zur preußischen Geschichte


Optionen: »Die Legende vom Urdeutschen« bewertenArtikel drucken | Per Email versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen