Die Alphatiere

Politik ist ständiges Streben nach Macht. Der Ex-Staatssekretär Gerd Langguth beschreibt die unterschiedlichen Aufstiege der letzten drei Bundeskanzler. Faszinierend leuchtet er die Welt der Absprachen und gegenseitigen Abhängigkeiten in Parteien und Regierungen aus. Von Andreas Morgenstern

Am 27. September wählen wir einen neuen Bundestag. An diesem Tag wird auch über die Machtfrage entschieden: Wer regiert in den nächsten vier Jahren Deutschland? Der Bonner Politologe Gerd Langguth sucht nun nach den Besonderheiten derjenigen Menschen, die es in den innersten Kreis der Politik, bis ins Kanzleramt, geschafft haben. Machtmenschen analysiert die drei letzten Bundeskanzler Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Mit Langguth blickt dabei ein echter Insider hinter die Kulissen, war der Autor doch immerhin selbst Bundestagsabgeordneter und als Staatssekretär Regierungsmitglied.

Folglich macht er sich auch gar keine großen Illusionen. Eine der Langguthschen Grundaussagen: Menschen streben ständig nach Macht. Und das gilt auch für praktisch jeden Bereich – sei es im Privaten, der Arbeit oder in der Politik. Das Streben nach Macht oder Einfluss, um das Wort etwas freundlicher zu umschreiben, bestimmt weite Teile des Lebens. Da kann es auch nicht verwundern, wenn ein Blick auf die politische Bühne das Geschehen als ein ständiges Streben nach Macht erscheinen lässt, schließlich eröffnet sie auch Freiräume für politisches Handeln. Dieses Streben wird dabei aber von den Wählern aufmerksam beobachtet. Von ihren Volksvertretern erwarten sie sowohl moralisch vorbildliches Verhalten als auch Durchsetzungskraft.

Selbstdarsteller und Netzwerker

Der Spagat bestimmt das politische Leben und fordert den Einzelnen in jeder Phase seines Aufstiegs heraus. Eine attraktive, vielleicht sogar etwas aggressive Selbstdarstellung kann den noch beschleunigen, einen früher oder später unumgänglichen Abstieg aber auch zum Fall ins Bodenlose steigern. Dies gilt etwa für Jürgen Möllemann, der – eben noch von seinen Anhängern als hochtalentierte politische Allzweckwaffe gefeiert – plötzlich isoliert war. Und hier zeigt sich auch schon eine der herausragenden Grundlagen von politischer Macht: Politiker vergeben Ämter. Verleihen sie wiederum Macht, verschaffen sie sich Abhängigkeiten und sichern sich die nötige Unterstützung beim Machterwerb und bei dessen Erhalt. Verlieren sie den Zugriff auf Ämter, stehen sie weitgehend blank da. Die so gespannten Netzwerke sind jenseits aller Wählergewalt ein unumgänglicher Markstein für politischen Einfluss. Wohl niemand hat das so verinnerlicht wie Helmut Kohl.

Langguths facettenreicher Einblick in den mehr oder minder zielgerichteten Weg der drei jüngsten Kanzler spart nun nicht an Details. So wird nicht nur das so fremd scheinende Spiel der Spitzenpolitik erklärt, sondern auch noch zum Schmunzeln angeregt. Letzteres gilt insbesondere für manche Schrulle des scheinbar „ewigen Kanzlers“ Kohl. Deutlich spricht er aber auch an, wie stark sich die politischen Bedingungen seither geändert haben: Kohls Distanz zu den Medien würde heute trotz allen taktischen Gespürs eine solche Karriere nicht mehr zulassen, auch sein Aussitzen von Entscheidungen passt nicht mehr in unsere Tage. So gesehen erscheint Gerhard Schröder als der erste Kanzler des 21. Jahrhunderts. Der Niedersachse habe sich die Medien zunutze gemacht und sich als Kämpfer stilisiert. Schließlich empfand er sich aber selbst als „Medienopfer“, nicht nur während des adrenalinschwangeren Auftritts am Wahlabend 2005. Langguth wertet schließlich das Verhältnis Merkels zu Presse und Funk als souveränen Mittelweg zwischen Kohls Distanz und Schröders teilweiser „Kumpanei“.

Getrennte Wege, gleiches Ziel

portrait_langguth_neu_neuDie vielen Unterschiede zwischen den drei Alphatieren sind für den Autor auch ihren verschiedenen biografischen Ursprüngen, vor allem aber den sehr divergenten Naturellen geschuldet. Oftmals gewinnt man den Eindruck, erstere haben politische, letztere dagegen strategische Entscheidungen beeinflusst.

Angela Merkel fällt jedoch gleich mehrfach aus dem typischen Politikerraster raus. Nur sie kann eine gebrochene Biografie vorweisen, nur sie verdankt einer naturwissenschaftlichen Prägung analytisches Verständnis. Schließlich hat sie, ganz weiblich, die Macht nicht direkt, sondern auf Umwegen errungen. Ihre beiden Vorgänger hingegen bissen sich von jungen Jahren an durch, profilierten sich aber über entgegengesetzte Wege: Schröders Abgrenzung von der eigenen SPD überbot dabei noch im umgekehrten Fall die Heimatverbundenheit Kohls in seiner CDU. Dieser Machtanker ließ ihn auch manche Krise überstehen, verstärkte bei ihm aber auch die vielfach drohende Hybris eines Spitzenpolitikers bis hin zu den sattsam bekannten schwarzen Geldkoffern. Die CDU war für Kohl tatsächlich „seine“ Partei geworden.

Bei Schröder und auch Merkel hingegen keine Spur einer solchen Verbundenheit. Ihr Gravitationszentrum war beziehungsweise ist allein das Kanzleramt. Das kostete Schröder das Amt, die Agenda 2010 war praktisch das Trennungspapier zwischen Kanzler und Partei. Kohl hingegen konnte auch dank der Loyalität vieler Mitstreiter den lange unpopulären Euro gegen harte Widerstände durchsetzen und anschließend im Amt bleiben. Angela Merkel musste bisher keine wirkliche politische Herausforderung meistern. Ihr Ausgang wäre offen, die Machtfrage könnte sich auch für sie neu stellen.

Eine Formel der Macht

Langguths Beschreibung der Macht verdeutlicht aber schließlich auch, dass dem Herausforderer dieses Jahres, Frank-Walter Steinmeier, die wichtigsten Machtattribute fehlen. Er scheint sich geradezu als Anti-Kandidat für die oberste Regierungsmacht zu präsentieren. Weder verfügt er über überragendes Charisma noch über eine wirklich stabile Verankerung in der eigenen Partei. Und auch das Gespür für Themen bewies er eher selten. Die von Langguth entworfene „Machtpolitikerformel“ zum Abschluss seines Werks, die hier nicht verraten werden soll, müsste bei seinem Erfolg wohl umgeschrieben werden. Aber zumindest bis dahin bietet „Machtmenschen“ einen beeindruckenden Einblick in den Weg zur politischen Macht im Allgemeinen und der drei letzten Bundeskanzler im Besonderen.

Gerd Langguth,
Kohl, Schröder, Merkel. Machtmenschen,
(2009), dtv-Premium, München, 580 Seiten,
ISBN 978-3423247313
, 18,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Deutschen Taschenbuchverlag. Der Verlag im Internet.


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