Deutschland, das sind immer noch wir

BERLINWALL1986LIBERTYphotobyNancyWongMerkel, Mythen, Mauerfall: Deutschland feiert und die Kanzlerin erhebt die Ostdeutschen zur Avantgarde der Krisenbewältigung. Alles wird gut, wir werden es schaffen! Wir, die neue, alte Bundesrepublik. Ein Kommentar von Lennart Faix

Wie viel Zeit muss vergehen, bevor man aus erlebter Geschichte einen Mythos kleistern kann? Genau zwanzig Jahre, so die Antwort aus Berlin. Montagabend feierten die Deutschen sich selbst, den Mauerfall und die Einheit. Die ganze Welt blickte auf Berlin oder feierte gleich mit. Riesige Dominosteine purzelten symbolträchtig, Funkenregen und Leuchtraketen erleuchteten den Nachthimmel und unten vor dem Brandenburger Tor pries die versammelte Politprominenz die glorreichen Taten der Vergangenheit und blickte in eine verheißungsvolle Zukunft. „Mauerspecht“ Sarkozy erklärte sich zum Berliner, Russlands Medwedew hatte extra was auf Deutsch vorbereitet und selbst Barack Obama fand Gelegenheit für eine Videobotschaft.

„Wann können wir schon mal in unserer deutschen Geschichte mit einem so guten Beispiel glänzen?“, strahlte der ehemalige Berliner Bürgermeister Walter Momper in die Fernsehkameras. Bundeskanzlerin Merkel ließ derweil im Interview erkennen, wohin das alles führen soll: „Wir haben etwas geschafft, das wir alle nicht für möglich gehalten haben“, sprach sie mit Blick auf die Ereignisse von 1989. Dies sei ein Signal für die Zukunft, auf dass „andere Dinge auf der Welt geschafft werden, die wir vielleicht heute noch nicht für möglich halten“. Es war ein „Fest der Freiheit“ und nichts und niemand konnte diese Feierlichkeiten stören; weder die peinlich kitschige Inszenierung des Fernsehens noch das üble Sauwetter.

Vielen Dank, liebe Zonis

Daneben demonstrierte die Feier vor allem zweierlei: die geschichtliche Deutungshoheit und die politische Weisungskompetenz des Westens. Schon immer haben wir – also wir, die quasi vorher schon Deutschland waren – von unseren Nachbarn, pardon, Schwestern und Brüdern jenseits der deutsch-deutschen Grenze profitiert. Deren klügste Köpfe und geschickteste Hände halfen schon früh, unseren märchenhaften Aufstieg voranzutreiben. Schnell waren wir wieder den Erfolg gewohnt. Wir erlebten das Wirtschaftswunder, wir bauten Reihenhäuser, kauften Zweitwagen und fuhren in Italienurlaub. Als die Mauer schließlich fiel, da waren wir bereits Fußballweltmeister und ein potenter Akteur in der Europäischen Union. Die Wiedervereinigung unterstrich nicht nur unsere wirtschaftliche und politische Überlegenheit, sondern machte uns auch zu moralischen Siegern. Fortan zeigten wir unseren neuen Mitbürgern, wie eine vorbildliche Geschichtsaufarbeitung funktioniert. Und im Vergleich gesehen erschien uns unsere westdeutsche Teil-Geschichte noch makelloser als zuvor. Unrechtsstaat dort, Zeitgeschichte im weißelnden Nachwaschgang hier. Deutschland, das sind immer noch wir. Ostdeutsche Protestantin hin oder her. Unser Parteiensystem, unsere Unternehmen, unser Geld, unsere Autos. Die Wiedervereinigung war ein Beitritt; euer Verdienst, aber unser Triumph.

Wir haben also allen Grund zu feiern, auch wenn uns die Krise gerade etwas verunsichert. Aber wir wissen, dass wir uns auch diesmal auf unsere treuen Zonis verlassen können. Darum werden diese derzeit auch eifrig zu erfahrenen Krisendurchstehern stilisiert und der gesamtdeutschen Nation auf dem Weg durch die dunkle Talsohle vorweggeschickt. Bereits am Tag der deutschen Einheit wurde die Geburt dieses neudeutschen Mythos vorbereitet. Damals hatte Kanzlerin Merkel verkündet, der Mut der Ostdeutschen von damals müsse Vorbild sein, um die Krise von heute zu meistern. Man habe ja gesehen, wohin Freiheit ohne Verantwortung führe. Bravo! Was Helmut einst begann, hat Angela zu Ende geführt. Die wahre Wiedervereinigung hat sie uns in dieser Woche gebracht.

Wiedervereinigung im Endstadium

Wen stören da noch die kümmerlichen 12 Prozent, die sich die Mauer zurückwünschen? In erster Linie sind das Arbeitslose und Linke-Wähler. Auf dem Weg durch die Krise helfen die uns ohnehin nicht weiter. Viel wichtiger ist ein lebendiger gemeinsamer Mythos, aus dem die neue imagined community der Bundesrepublik ihre Lebenskraft schöpfen kann. Ein Mythos, der Zusammen- und Zugehörigkeitsgefühl erzeugt. Wir – also diesmal wir alle – stehen zusammen und gemeinsam werden wir es schaffen: Erst die Krise besiegen, dann die Unfreiheit in der Welt und den Terrorismus und falls dann noch Zeit bleibt, vielleicht sogar den Klimawandel. Wenn das keine Aussichten sind!


Die Bildrechte liegen bei Edmunddantes und sind unter Creative-Commons lizensiert.


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