Der Untergang der Vernichtungsmaschine

Richard J. Evans hat seine voluminöse Trilogie über das Dritte Reich abgeschlossen. Im Band „Krieg“ zeichnet er Aufstieg und Fall der deutschen Militärmacht nach. Neben Blitzkrieg, Holocaust und Völkermord zeigt Evans vor allem die Militärgeschichte als eine Gesellschaftsgeschichte Deutschlands. Von Norman Gutschow

Richard J. Evans, Professor für Moderne Geschichte an der Universität Cambridge, ist bekannt für seine erzählende Geschichtsschreibung. Sein letzter Band zum Dritten Reich wurde bewusst für eine breite Leserschaft in den USA und England geschrieben und ist ein Mix aus Erzählung und Analyse. Zum Abschluss seiner Trilogie war dem Autor zudem die Erzählung des Zeitgeschehens wichtiger, weshalb er viele Beispiele aus Briefen, Tagebüchern und anderen zeitgenössischen Quellen einfließen lässt.

Berichtete Evans im ersten Band über den Aufstieg der NSDAP bis zur Machtergreifung 1933, zeichnete der zweite Teil die Jahre 1933-39 nach und mahnte, dass man die Auswirkungen von Terror und Gewalt im NS-Staat nicht unterschätzen dürfe. Evans stellt hierzu klar, dass erstens die Klassengegensätze in Deutschland nicht aufgehoben wurden und zweitens die „Volksgemeinschaft“ mehr Fiktion als Realität war. Entscheidend sei laut Evans die starke Rolle Hitlers gewesen. Das Dritte Reich wurde demnach in erster Linie von Hitler und seinen Paladinen geführt.

Vernichtungskrieg bereits ab 1939

Der jetzt publizierte Band ist – trotz seines Umfangs von deutlich mehr als 1.000 Seiten – keine Gesamtgeschichte des Zweiten Weltkriegs, sondern des Dritten Reiches. Deshalb werden ausgesuchte militärische Wendepunkte betrachtet: Stalingrad, Kursk, der Frankreichfeldzug und der Zusammenbruch der „Heeresgruppe Mitte“ 1944. Dadurch soll eine Vermittlung der allgemeinen Militärgeschichte gelingen. Evans greift daher auch auf intensive Schlachtenschilderungen zurück, Militärgeschichte soll aber gleichsam als Gesellschaftsgeschichte dargestellt werden.

Besonderes Gewicht wird auf den Polenfeldzug gelegt. Evans sieht den viel diskutierten „Vernichtungskrieg“ bereits ab 1939 beginnen, nicht wie andere Historiker meinen, erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion zwei Jahr später. Das berüchtigte Armenierzitat Hitlers – Wer fragt heute noch nach den Armeniern?“ – richtete sich, so Evans, nicht gegen die Juden, sondern vielmehr gegen die Polen und „Slawen“. Auch wenn alle genannten Gruppen in den Vernichtungskrieg einbezogen wurden. Daher steht Polen als „Modellfall“ für den Krieg gegen Russland ab 1941.

Das Unternehmen „Barbarossa“ als Präventivkrieg gegen Stalins drohenden Angriff zu deuten ist laut Evans übertrieben. Russland war 1941 unvorbereitet und der Angriff der Wehrmacht kam überraschend für den Bündnispartner Sowjetunion. Der als „Blitzkrieg“ geplante Überfall scheiterte nach Meinung des Historikers an der Unterschätzung der Russen, gespeist aus alten Vorurteilen gegen die „Slawen“ und dem staatlichen Rassismus ab 1933. Daher kam auch in der Generalität der Glaube an den „tönernen Koloss“ Russland, den man nur anstoßen brauche, damit er in sich zusammenfalle. Weiterhin wurde die russische Widerstandskraft durch die Gräueltaten der Wehrmacht erst recht motiviert.

Die Niederlage der Wehrmacht vor Moskau ist für Evans dennoch nur der erste große Wendepunkt des Krieges. Laut dem Kriegstagebuch Halder war die deutsche Armee sehr überrascht über die immer neuen Reserven der Russen. Auch war die Wehrmacht nicht vorbereitet auf einen Winterkrieg. Der Krieg war noch nicht verloren, attestiert Evans, aber es wurde allen klar, dass er länger dauern würde als gedacht.

Indirekter Befehl zur Vernichtung der Juden

Im Kapitel über den Holocaust setzt sich der Brite auch mit der sogenannten „Endlösung“ auseinander, um festzustellen, dass man den direkten Befehl dazu vergeblich suche. Allerdings gab es bereits vor dem Krieg die Institutionen, Organisationen und Komitees. Evans verweist daher auf Indizien, dass Hitler die Intention hatte, bei Ausbruch eines Krieges bereits in den 1930ern diese Politik durchzusetzen. In der Weimarer Zeit waren die Parteibeschlüsse der NSDAP bewusst unbestimmt, damit die Führungsspitze nicht mit den Taten in direkte Verbindung gebracht und juristisch belangt werden konnte. 1941 war die Situation ähnlich. Mit dem Einmarsch in die Sowjetunion gab es eine antisemitische Propagandawelle, vom 22. Juni bis zum Jahresende. Evans glaubt, dass das der Befehl war. Die SS, die Verwaltungen und Einsatzgruppen mussten dies als Signal zum Mord an den Juden interpretieren. Der Historiker stellt klar, dass dies eine umfassend koordinierte Politik unter zentraler Leitung mit der zentralen Institution Hitler war. Ein so großes Unternehmen könne nicht ohne Zustimmung der Führung vonstatten gehen. Es gebe zwar keinen Befehl, auch nicht mündlich, aber ohne die Person Hitler auch keinen Holocaust. Die radikale Propaganda löste den Prozess der Vernichtung aus, ist sich Evans sicher.

Was aber wussten die Deutschen von dem Judenmord? Evans hat hier die zeitgenössischen Quellen eingehend studiert. Laut Sicherheitsdienst-Berichten aus dem Frühling 1942 „wird in den Feldpostbriefen der Wehrmachtssoldaten von den Massenerschießungen in der Ukraine und Russland gesprochen“. Das Wissen darum war also sehr weit verbreitet. Von den Vernichtungslagern wussten die Alliierten ab Ende 1942. Ein polnischer Widerstandskämpfer, der selbst aus einem solchen Lager nach London fliehen konnte, gab detaillierte Berichte an die polnische Exilregierung, die Engländer und in die USA. Diese wurden in Radiosendungen der BBC – auch auf Deutsch – ausgestrahlt. Es gab also ein Wissen über die Vernichtungslager.

Wie weit dieses verbreitet war, ist jedoch unklar. Laut Berichten wurde über dieses Themen auch immer weniger geredet. Klar ist für Evans aber, dass die Goebbels-Propaganda gegen die Rote Armee einen gegenteiligen Effekt hatte. Die Bevölkerung sprach davon, dass das „was wir getan haben, nun gegen uns zurückschlägt“. In katholischen Kreisen herrschte die verbreitete Auffassung, „wir verdienen dies als Gottes Strafe“.

Auflösung des Führer-Mythos

Mit Blick auf die Wirtschaft merkt Evans an, dass Albert Speer, seine Memoiren und sonstigen Aussagen mit Vorsicht genossen werden sollten: Weder mit noch ohne ihn wäre es besser oder schlechter gelaufen. Die Ausbeutungspolitik der deutschen Besatzung in den großen Volkswirtschaften der Niederlande, Frankreichs, Norditaliens und Osteuropas verspielte den ökonomischen Vorteil, der sich ergeben hätte. Durch die NS-Politik sei der Krieg ökonomisch nicht zu gewinnen gewesen. Die wirtschaftliche Kriegsproduktion Englands, Russlands und der USA war einzeln und zusammengenommen sowieso deutlich größer, als die Nazi-Deutschlands.

Der alliierte Bombenkrieg hatte negative Auswirkungen auf Kriegsproduktion und die Zivilbevölkerung, etwa 600.000 Tote waren zu beklagen. Exemplarisch steht hierfür der Hamburger Feuersturm. Für Evans ist die Niederlage in der Schlacht um Stalingrad ein zentraler Wendepunkt des Krieges, weil sich zeigte, dass die Goebbels-Propaganda vom „Totalen Krieg“ bei der Bevölkerung keinen Anklang fand.

Ein weiterer Wendepunkt war dann der Hamburger Feuersturm. Belegt wird dies durch zeitgenössische Schilderungen. Der Zorn der Bevölkerung richtete sich nicht gegen die bombardierenden Engländer, sondern gegen die sogenannten Parteibonzen. Es kam sogar zu Übergriffen auf Partei-Uniformierte durch die Hamburger. Kritik wurde vor allem an Göring und der Luftwaffe laut, weil diese nicht in der Lagen waren die Bürger zu schützen.

Evans zeigt auf, wie sich der Führer-Mythos mehr und mehr abnutzte. Ab 1943 wurden Witze über Hitler in der Bevölkerung erzählt, vorher undenkbar. Zudem trat der „Führer“ selbst auch nicht mehr vor dem Volk auf. 1942 gab es nur noch vier öffentliche Auftritte, 1943 noch zwei, danach nur noch ein paar Rundfunkansprachen. Das Dritte Reich war danach, so Evans, gleichsam „führerlos“. Das System funktionierte dennoch weiter, teils aus Gewohnheit, dazu aus Vaterlandliebe und aus Angst vor den Russen. Nach Innen hielt sich das NS-System größtenteils durch wachsenden Terror. Die Macht im Staate ging von Wehrmacht und Exekutive immer mehr zur Partei über. Evans belegt dies mit Zitaten, in denen es vielfach heißt, die Situation sei wieder „wie in der Kampfzeit der Bewegung“. Terror war auch innerhalb der Wehrmacht die wichtigste Disziplinierungsmaßnahme, vor allem durch die Wehrmachtsjustiz mit ihren vielen Todesurteilen. So gab es im Zweiten Weltkrieg ca. 30.000 Hinrichtungen, gegenüber lediglich 48 im Ersten Weltkrieg.

Richard J. Evans zeigt sich als profunder Kenner des Dritten Reiches, der viele neue Aspekte aufzeigt und Perspektiven des Verstehens eröffnet. Seine Trilogie sei jedem anempfohlen, der die NS-Diktatur von ihren Anfängen bis zum Ende verstehen will.

Evans, Richard J.,
Das Dritte Reich – Band 3: Krieg,
(2009), DVA, München,
1152 S., ISBN: 978-3-421-05800-3, 49,95 Euro

Der Verlag im Internet: www.randomhouse.de



Die Bildrechte liegen beim Verlag.


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