Dem Nichtwähler auf der Spur

Das Lamento über sinkende Wahlbeteiligungen in Europa ist mittlerweile fester Bestandteil fast jeder Nachwahlanalyse. Damit einher gehen zumeist krude Spekulationen über die Konsequenzen sinkender Wahlbeteiligung. Systematische Analysen zu den Konsequenzen vermisst man dagegen – eine neue Studie von Dorothée de Nève versucht endlich, hierauf Antworten zu geben. Von Jochen Groß

Wahlen sind ein zentraler Bestandteil demokratisch verfasster Staaten und stellen die unmittelbarste Möglichkeit der politischen Partizipation der Bürger an der Demokratie dar. Entsprechend dieser herausragenden Bedeutung von Wahlen nimmt deren Analyse sowohl in der sozialwissenschaftlichen Forschung als auch in der Öffentlichkeit einen großen Stellenwert ein. Ein zentrales  Thema dreht sich hierbei um die Analyse der Nichtwähler.

Repräsentanz aller Gruppen erforderlich

Dorothée de Nève, Juniorprofessorin am Institut für Politikwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, möchte in einer aktuell vorgelegten Studie der Frage nach dem potenziell negativen Einfluss der Nichtwähler auf die Qualität der Demokratie nachgehen. Ausgehend von einer funktionalistischen Perspektive auf Wahlen, wonach diese insbesondere die Repräsentation der Bevölkerung, die Legitimation sowie die politische Kontrolle der Regierenden gewährleisten soll, leitet die Autorin die These ab, dass diese Funktionen und damit die Qualität einer Demokratie nur gewährleistet werden können, wenn keine sozialstrukturelle Gruppe systematisch von einer Wahl ausgeschlossen wird.

Beschreibung der Nichtwähler im europäischen Vergleich

wahlDemnach wird die Frage nach den Konsequenzen niedriger oder sinkender Wahlbeteiligungen im Hinblick auf die Qualität der Demokratie allenfalls indirekt untersucht, da sich die empirische Analyse auf den deskriptiven Vergleich der Nichtwähler mit den Wählern beschränkt. Hierzu wertet die Autorin Wahlstudien aus 16 europäischen Ländern aus und vergleicht zunächst die beiden Gruppen nach verschiedenen sozialstrukturellen Merkmalen miteinander. Im Einzelnen werden die Nichtwähler mit den Wählern bezüglich ihres Geschlechts, ihres Alters, ihres Familienstandes und ihrer Kinderzahl, aufgrund der Konfessionszugehörigkeit, Erwerbs- und Berufstätigkeit, Bildung und der Einkommen verglichen. Ergebnis dieser Beschreibung ist, dass sich in allen Ländern die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Gruppen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – unterscheidet.

Daraus folgert de Nève, dass „informelle gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und/oder kulturelle Exklusionsmechanismen wirken“. Dies wird weiter als „durchaus ernst zunehmendes Krisensymptom“ aufgefasst, da hierdurch sowohl die Legitimations- als auch die Repräsentationsfunktion von Wahlen geschwächt wird. Die Herstellung einer stringenten, empirisch gestützten Argumentationskette, warum festgestellte Differenzen der sozialstrukturellen Zusammensetzung der Wähler und der Nichtwähler auf das Wirken von Exklusionsmechanismen schließen lassen, bleibt ebenso unklar wie die postulierten Mechanismen selbst.

Politische Einstellungen der Nichtwähler

Im zweiten Schritt der Untersuchung vergleicht die Autorin die politischen Einstellungen der Nichtwähler mit den Wählern. Vermutet wird hierbei, dass Unterschiede in den Einstellungen der Gruppen sowohl die Repräsentationsfunktion als auch die Kontrollfunktion von Wahlen beeinträchtigen. So stellt die Autorin fest, dass Nichtwähler im Schnitt zwar weniger politisch interessiert sind als Wähler, sie jedoch keine extremeren politischen Positionen vertreten als die Wähler. Allerdings ist im Schnitt ihr Vertrauen in politische Institutionen geringer, woraus die Autorin eine Bedrohung der Legitimations- wie auch der Kontrollfunktion ableitet.

Vermittlungsmechanismen bleiben nebulös

So interessant und relevant die Fragestellung der Studie nach den Gefahren niedriger Wahlbeteiligungen für Demokratien ist, so unbefriedigend erscheint die Beantwortung dieser Frage durch das vorgelegte Material. In theoretischer Hinsicht vermisst man die Identifizierung von Vermittlungsmechanismen, welche erklären, warum die (freiwillige) Exklusion bestimmter Gruppen die Qualität der Demokratie gefährden sollte und in welcher Weise. Dies unterbleibt ebenso wie eine nähere empirische Erfassung von Qualitätsindikatoren für einzelne Indikatoren. Angenommen wird implizit lediglich, dass bei vollständiger Inklusion aller Gruppen auch die benannten Funktionen erfüllt werden – etwa das angesprochene Kriterium der Effektivität bleibt unberücksichtigt.

Unterkomplexe Analysen

deneveAuch in empirischer Sicht erscheint die vorgelegte Studie unbefriedigend. Die Autorin verbleibt auf der Ebene einfacher Gegenüberstellungen der beiden Gruppen. Die Berücksichtigung von Drittvariablen unterbleibt ebenso wie eine adäquate Erfassung von Veränderungen über die Zeit; auch Signifikanztests zur Beurteilung der Stärke der berichteten Zusammenhänge vermisst man. Vielmehr verwendet die Autorin über die Zeit zusammengefasste Daten, womit wahlspezifische Unterschiede vernachlässigt werden. Gerade diese scheinen jedoch ebenso besonders wie die von der Autorin benannten institutionellen Rahmenbedingungen, beispielsweise das Wahlrecht, zur Erklärung unterschiedlicher Wahlbeteiligungshöhen im Ländervergleich. Ein zentrales Ergebnis der Wahlforschung ist in diesem Kontext sicher die Relevanz der Knappheit einer Wahl: Je knapper diese ist, desto höher die Wahlbeteiligung.

Informativ und dennoch unbefriedigend

Die Studie von Dorothée de Nève ist eine Ansammlung informativer empirischer Befunde hinsichtlich der soziodemographischen Zusammensetzung und der politischen Einstellungen der Wähler und Nichtwähler in europäischen Staaten. Entsprechend der Informationsdichte, liest sich „NichtwählerInnen – eine Gefahr für die Demokratie?“ nicht wie ein Krimi, sondern ist über weite Strecken eher dröges Zahlen- und Bildmaterial. Enttäuscht werden Leser, die eine Beantwortung der Titelfrage mit wissenschaftlichem Instrumentarium erwarten – weder in theoretischer noch in empirischer Hinsicht werden hier Erklärungen generiert, von welchen sich etwa Handlungsempfehlungen ableiten ließen. Vielmehr stimmt die Autorin in den Chor ein, dass es sich um eine dauerhafte „Krise“ demokratischer Systeme handel. Für sie  gilt es, „nach Wegen zu suchen, wie informelle gesellschaftliche Exklusionsmechanismen überwunden werden können“. Eigentlich eine Aufgabe der Politikwissenschaft hierauf Antworten zu geben – mit solchen Studien wird dies jedoch kaum gelingen.

de Nève, Dorothée,
NichtwählerInnen – eine Gefahr für die Demokratie?,
(2009), Opladen und Farmington Hills, Verlag Barbara Budrich,
ISBN 978-3-86649-210-3, 238 Seiten, 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag Barbara Budrich (Cover), bei der Buchautorin (Portrait) oder unterliegen einer Creative Commons Lizenz (Plakate, haso777/flickr).


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Weiterführende Literatur zum Thema:

Blais, André, 2006: What Affects Voter Turnout?, in: Annual Review of Political Science 9: 111-125.
Blais, André und Agnieszka Dobrzynska, 1998: Turnout in Electoral Democracies, in: European Journal of Political Research 33: 239-261.
Fowler, James H. und Christopher T. Dawes, 2008: Two Genes Predict Voter Turnout, in: The Journal of Politics 70: 579-594.
Kirchgässner, Gebhard und Anne Meyer Zu Himmern, 1997: Expected Closeness and Turnout: An Empirical Analysis for the German General Elections, 1983-1994, in: Public Choice 91: 3-25.
Klein, Markus und Ulrich Rosar, 2005: Die Wähler ziehen Bilanz: Determinanten der Wahlteilnahme und der Wahlentscheidung. S. 181-190 in: Manfred Güllner, Hermann Dülmer, Markus Klein, Dieter Ohr, Markus Quandt, Ulrich Rosar und Hans-Dieter Klingemann (Hg.), Die Bundestagswahl 2002. Eine Untersuchung im Zeichen hoher politischer Dynamik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Mueller, Dennis C., 2003: Public Choice III. Cambridge: Cambridge University Press (Kapitel 14).

Ein Kommentar auf “Dem Nichtwähler auf der Spur

  1. Es ist jedenfalls klar, dass ein solch komplexes Unterfangen mit klaren Kausalitäten gar nicht geleistet werden kann. Es ist interdisziplinär zu betrachten. Einstellungen als Konstruktionen, individuelle rationale ökonomische Kalküle, individualpsychologische Dispositionen: Der Zugriff auf dieses Spektrum an Motivationen wird wissenschaftlich kaum je gelingen…

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