Das Zucken des Marienkäfers

Gewollter Konflikt: Vizekanzler und Bundeskanzlerin im Duell.Der rote Frank gegen die schwarze Angela, hätte es heißen können, Aufstand im Kabinett. Aber mal ehrlich: Wenn Frank-Walter Steinmeier im TV-Duell auf Kanzlerin Angela Merkel trifft, kann man bestenfalls „Szenen einer Ehe“ erwarten. Von Fabian Busch und Sören Sgries

20 Uhr, Vorbereitung auf das Wahlduell in ARD, ZDF, SAT1 und RTL. Und nur eine Frage: Wann wird das hochgespielte TV-Treffen zwischen den Spitzenkandidaten der Großen Koalition zu langweilig? Konnten die ersten beiden Duelle 2002 und 2005 noch mit dem „Medienkanzler“ Gerhard Schröder locken, stehen jetzt zwei Protagonisten vor der Kamera, die im Regierungsalltag vor allem als Vermittler, als unauffällige, ausgleichende Weichensteller tätig werden mussten. Harte Konfrontation wäre also eine große Überraschung.

Thematisch ist schnell klar, womit zu rechnen ist. Die Wirtschaftskrise wird die Runde bestimmen. Angst vor Arbeitslosigkeit zieht immer. Unausweichlich wird die Rede auch auf die Atomkraft kommen, stellt doch die Frage nach Endlager und Atomausstieg eine der wenigen dar, die in den letzten Tagen als Konfliktpunkt aufgebaut wurde. Vielleicht noch ein wenig Afghanistan – sonst fallen wenige Themen ein.

Punkt 20.30 Uhr, Duellbeginn im eisblauen Studio. Maybrit Illner, Frank Plasberg, Peter Limbourg und Peter Kloeppel treten dem Duo aus Kanzlerin und Vizekanzler gegenüber. Urteil zum Moderatorenteam: Illner gefällt, Kloeppel braucht eine neue Krawatte. Doch jetzt zu Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel. Politische Positionen sollen dabei erstmal nicht interessieren. Zentrale Frage: Wie schlägt sich der Mensch? Ist ja nicht einfach, wenn man plötzlich öffentlich gegen seine „bessere Hälfte“ der letzten vier Jahre austeilen soll.

  • Humor. Palim, palim! Wie witzig darf ein Kanzler sein? Keiner würde gerne einen Didi Hallervorden als Regierungschef haben, aber ein bisschen Schmunzeln darf doch sein. In dieser Hinsicht sind beide ein Totalausfall. Merkel tut schon das Wort „Tigerentenkoalition“ als albern ab und bei Steinmeier sind gebleckte Zähne nicht genug, um an die mal freiwillige, mal unfreiwillige Komik eines Gerhard Schröders zu erinnern. Hier kann keiner als Sieger aus dem Studio gehen. Auch auf eine amüsante Elefantenrunde am Wahlabend wagt man da nicht mehr zu hoffen.
  • Unverstellte Sprache. Wirklich volksnah spricht keiner der beiden. Aber – „Kalamitäten“, „Entsendegesetz“, „manifester Einsatz“, „Mindestarbeitsbedingungengesetz“ – die Kasse für unnötige Fremdwörter wird maßgeblich von Merkel gefüllt. Wie soll Otto Flötmann an der Theke in Schwerte-Ergste verstehen, was da geredet wird? Daher: Punkt für Steinmeier. Schon allein deshalb, weil er im Fall des Atomkraftwerks Krümmel mit seiner Bezeichnung „An- und Abschaltmonster“ politischen Kommentatoren, Protestbewegten und Stammtischrowdys eine neue Vokabel beschert.
  • Angriffslust. Hier geht es schnell: Steinmeier spricht seine Chefin direkt an, versucht immer wieder, aus vier Jahre lang gegorener großkoalitionärer Konsenssoße die wenigen Stücke herauszupicken, um die Streit ausbrechen könnte. Punkt für den Sozialdemokraten.
  • Mode. Irgendwie passt es ins Bild, dass sich Angela Merkel ihren schwarzen Blazer auch bei einem männlichen Kollegen ausgeborgt haben könnte. Trägt sie aus Solidarität darunter Schiesser?  Steinmeier bleibt eine Überraschung schuldig. Klassischer Anzug mit soli-roter Krawatte – das ist schlicht, einfach, schwarz-rot-solide. Merkels Mut, einen der zweihundertvierundneunzig Blazer in Pastelltönen von „eierschal“ bis Heidelbeerjoghurt im Schrank zu lassen, muss belohnt werden: Ein Punkt für Merkel für ein dezentes und seriöses, aber sehr professionelles Outfit.

22 Uhr, Duell überlebt – sowohl im Studio als auch vor dem Fernsehgerät. Weder Merkel noch Steinmeier haben enttäuscht, auch wenn der vermeintlich blasse Frank-Walter sich als Herausforderer erstaunlich gut gehalten hat. Inhaltlich wurde genau das vermittelt, was erwartet wurde: Die Große Koalition hat gute Arbeit geleistet, die jeweilige Partei die beste. Doch wenn man ehrlich ist: Man hätte den Abend auch damit verbringen können, einem Marienkäfer beim Krabbeln zuzusehen. Ein bisschen Schwarz, ein bisschen Rot, und zusammen funktioniert’s irgendwie.


Die Bildrechte der Einzelbilder der Collage liegen bei: א (Aleph) (Merkel), Arne List (Steinmeier).


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2 Kommentare auf “Das Zucken des Marienkäfers

  1. Die Bilder sind keineswegs gemeinfrei, sondern stehen unter CC-by-sa Lizenz. Bitte jeweils die Hinweise unter den Bildern beachten!

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