Bekehrter Marktliberaler

cover_friedmanDer bekannte Journalist Thomas L. Friedman mutiert in kürzester Zeit von einem vorbehaltlosen Globalisierungsfan zum Mahner, der glaubt, eine Agenda für das 21. Jahrhundert vorlegen zu können. Umso skeptischer sollte man sein, wenn er in seinem neuen Buch plötzlich ungewohnte Töne anschlägt. Von Christoph Rohde

Während der US-Publizist Friedman vor zwei Jahren die Vorzüge der Globalisierung in seinem Buch Die Welt ist flach gerühmt hatte, diagnostiziert er jetzt in Was zu tun ist die gefährlichen Folgen dieser Entwicklung: Die globale Erwärmung und das gewaltige Wachstum der Erdbevölkerung hätten die gesamte Menschheit in ein neues Zeitalter versetzt, in das „Zeitalter der Energie und des Klimas“.

Antiquierter Sicherheitsbegriff

Friedman, über lange Jahre bekennender Marktliberaler, beginnt mit einer Kritik am amerikanischen Sicherheitsstaat nach dem 11. September. Mit dem Bild einer so stark gesicherten US-Botschaft in Istanbul, dass dort nicht einmal Vögel fliegen dürfen, versucht Friedman zu zeigen, dass die USA mit dem Versuch, sich und ihre Institutionen zu unüberwindbaren Festungen auszubauen, ihre eigenen freiheitlichen Ideale zu verraten drohen. Die wahren Gefahren der Gegenwart seien nicht mehr mit der Warnstufe rot, die die kommunistische Bedrohung anzeigen sollte, zu greifen. Sie verlangten vielmehr nach einem code green, einer Alarmstufe grün. Diese müsse dazu führen, dass die Vereinigten Staaten ein Bewusstsein für weltweite Entwicklungen im Bereich des Klimawandels, der Rohstoffknappheit und des Bevölkerungswachstums entwickeln und praktische Maßnahmen zur Bewältigung dieser Probleme einleiten.

Die USA als Subprime-Nation

Die Subprimekrise sieht Friedman als Metapher für einen negativen Wertewandel Amerikas; schließlich sei die Verbindung von harter Arbeit, Leistung und Verantwortungsbewusstsein verlorengegangen. Die USA hätten von ihrer Zukunft geliehen, aber nicht in selbige investiert. Dazu kritisiert er, dass sich die politischen Parteien eine Handlungsunfähigkeit in Bezug auf elementare politische Fragen leisteten wie beispielsweise die Reform der Krankenversicherung, die einer erheblichen Unverantwortlichkeit gleichkäme.

Noch vor zwei Jahren wäre ein derartiges Maß an Kritik gegenüber dem US-System insgesamt aus der Feder des Starjournalisten naturgemäß nicht möglich gewesen. Friedman kritisierte zwar Einzelaspekte der Bush-Administration, nicht aber die Philosophie des Gesamtsystems. Friedman aber wäre nicht Friedman, wenn er nicht die Möglichkeiten Amerikas auch in der Krise hervorheben würde. Als Potenzial sieht er nach dem Versagen der Eliten den nach wie vor vorhandenen Idealismus und Innovationsgeist der amerikanischen Bevölkerung. Anstatt sich um das Nation-Building in fernen Ländern zu kümmern, müssten die USA ihre Ressourcen für das eigene Land einsetzen.

Negative Energiewende unter Reagan

Interessanterweise hatte der Republikaner Richard Nixon erstmals eine parteiübergreifende Umweltpolitik initiiert, die Maßnahmen gegen Luft- und Wasserverschmutzung und einen sorgfältigen Umgang mit Giftmüll umfasste. Natürlich war hier auch der Einfluss der ersten Ölkrisen zu Beginn der 70er Jahre zu spüren. Aber Ronald Reagan nahm diese Maßnahmen zurück. Mit Umweltschutz verband er die Vorstellung „linker“, wenn nicht gar kommunistischer Politik. Friedman zeigt an einem Beispiel die Reagan’sche Mentalität auf: Nachdem sein Amtsvorgänger Jimmy Carter eine Solaranlage auf dem Dach des Weißen Hauses hatte installieren lassen, holte Reagan diese wieder herunter und schenkte sie einem College in Maine. Das Thema Ökologie schien lange auf Kriegsfuß mit dem American Dream zu stehen.

Der Sieg des Marktliberalismus

thomas_l_friedmanDer Kalte Krieg, so Friedman (Foto links), habe die USA zu einer Disziplinierung gezwungen, die die Potenziale der Nation gehoben habe. Mit dem „Sieg“ über den Kommunismus sei eine Bequemlichkeit eingekehrt, die die Argumente bezüglich der negativen Folgen eines grenzenlosen Marktradikalismus mundtot gemacht habe. Der Journalist weist auf die teilweise skandalösen Defizite im Bereich der öffentlichen Infrastruktur in den USA hin, symbolisiert durch den Einsturz der Brücke über die Interstate 35 W im Jahre 2007. Wenn man den modernen Hauptbahnhof in Berlin und die alte New Yorker Penn Station vergleiche, müsse man sich fragen, wer der Gewinner und wer der Verlierer des Zweiten Weltkriegs gewesen sei, meint Friedman süffisant.

Nicht die genuin ökonomische Schwäche macht der Journalist als größte Gefahr für die globale Wettbewerbsfähigkeit der USA aus, sondern die Starrheit des politischen Systems und gesellschaftlicher Vorstellungen. Die Antwort auf die Krise könnte in rückwärtsgewandten Konzepten wie einer Beschränkung der Zuwanderung, eines Neo-Protektionismus sowie der Kürzung von Ausgaben für Grundlagenforschung und Bildung kulminieren.

Friedman bleibt ein Apologet der kapitalistischen Globalisierung, die er aber intelligenter reguliert wissen möchte. Der „Monstertruck“ der Globalisierung, so die deutliche Metapher, müsse aber stärker gesteuert werden. Dass ausgerechnet amerikanische Firmen hier positive Normen kreieren, wie Friedman fordert, bleibt wenig begründet. Natürlich ist die Vorstellung des Journalisten plausibel, dass die technologisch starke US-Industrie stärker in Richtung Umweltfreundlichkeit umgerüstet werden sollte.

Unangebrachter Amerikanozentrismus

Dass sich Thomas Friedman jetzt als Al Gore-Verschnitt aufspielt, ist ebenso wenig plausibel wie seine Vorstellung, die USA könnten zum Vorreiter auf dem Gebiet der Umwelttechnologie werden. Zu sehr ist in dem Land die Waste-Mentalität verankert. Interessant ist, dass ein Friedman fast zu einem eher staatsaffin argumentierenden Denker wie Paul Krugman mutiert. Friedmans Analysen zum Zustand der amerikanischen Gesellschaft und dem politischen System sind spannend – ein „Appell an Amerikas Schaffenskraft und an seine Wandlungsfähigkeit“. Aber er zeigt auch die Faktoren auf, die Amerika als Zugpferd für eine ökologische Revolution unglaubwürdig machen. Der Journalist trägt bekannte Fakten in sprachlich interessanter Weise zusammen. Deshalb ist dieses Buch für eine breite Öffentlichkeit zu empfehlen, weniger jedoch für Vertreter wissenschaftlicher Fachdisziplinen.

Friedman, Thomas,
Was zu tun ist? Eine Agenda für das 21. Jahrhundert,
(2009), Frankfurt/M., Suhrkamp,
542 S., ISBN 978-3-518-42058, 24,80 Euro


Die Bildrechte liegen bei Susanne Schleyer (Friedman) und dem Suhrkamp Verlag (Cover).


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