Arm – und das ist auch gut so

cover_berlin_fuer_armeBerlin kann sich über eine neue Spezies von Lebenskünstlern freuen: Gut gekleidet, schlecht betucht und belesen, ein weichgekochtes Ei in der Jackentasche und einen Bund Bärlauch im Fahrradkorb. Es handelt sich um die Freunde eines neuen Stadtführers für Leute mit viel Zeit und wenig Geld. Von Nona Schulte-Römer

Mit Berlin für Arme haben Bernd und Luise Wagner sicher keinen Bestseller vorgelegt. Nicht etwa, weil sie sich an eine Leserschaft richten, die ihre Euros zusammenhalten muss, sondern insbesondere deshalb, weil ihr Ratgeber nur einen Bruchteil der von Armut betroffenen Berliner anspricht. Das wissen die beiden selbst: Für Lebenskünstler haben sie ihre Erfahrungen mit und in Berlin in einem ungewöhnlichen Stadtführer zusammengetragen.

Angesprochen sind nicht die Jugendlichen ohne Schulabschluss. Auch nicht die in Armut lebenden Kinder und ihre allein oder zu zweit erziehenden Eltern mit und ohne Job. Auch nicht all jene, die von ihrer Vollzeitbeschäftigung nicht leben können und „aufstocken“ müssen. Die Wagners schreiben für Menschen mit Mittelklassebedürfnissen, aber ohne entsprechendes Einkommen. Bedürfnisse, die sich finanziell nicht befriedigen ließen, wäre da nicht die viele freie Zeit, die man unter der fachkundigen Anleitung von Vater und Tochter Wagner kreativ und gewinnbringend nutzen könnte.

Der „vieljährige Selbstversuch“ des Dorflehrers, Journalisten, Schriftstellers oder Gelegenheitsarbeiters Bernd Wagner habe gezeigt: „Armut schändet nicht“. Jedenfalls solange man nicht am Imbiss Dosenwürste mit Sauerkraut in sich hineinschaufle. Unterstützt von seiner ältesten Tochter Luise, ebenfalls Journalistin und „freiberufliche Weltreisende“, bringt Bernd Wagner den Lesern also seine Lebenserfahrungen und –weisheiten nahe.

Schnäppchenjäger und Sammler

Der Berlinführer für Arme enthält die Lagepläne der besten Bärlauchwiesen, Pilzplätze und innerstädtischen Obstfundorte. Die Autoren liefern eine Menge Tipps, wie auch Jobcenter-Kunden trotzdem adrett gekleidet, gesund genährt und mit Würde durchs Berliner Leben schreiten können, ohne dabei auf Ausflüge ins Museum, ins Kino oder gar nach Thailand verzichten zu müssen. In den Urlaub kommt man durch Untervermietung, günstig und gratis von A nach B mit dem Rad oder durch Schwarzfahren in S- und U-Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe. Zum kostenlosen Filmgenuss verhilft allen Ausgekochten ein hartes Ei, ein Stück Gouda und die dazugehörige Stempeltechnik.

Das Design des Büchleins stapelt tief mit Stolz, indem es ganz auf Hochglanz verzichtet, sich mit einem Verzeichnis nützlicher Adressen pragmatisch gibt und sogar Kleinanzeigen erlaubt. Einschübe mit Kochrezepten oder schlauen Hausmittelchen im Kapitel „Heilen Sie sich selbst!“ kommen in antiquiert anmutender Schreibmaschinenästhetik daher, passend zum eigenwilligen Ethos des Buches.

„Mausern“ mit reinem Gewissen

luise_bern_wagnerInhaltlich bieten die Wagners (Foto links) kreative Einkaufslisten, inspirierende Menü-Empfehlungen und hilfreiche Hinweise zu gratis Buffets in Botschaften und Stiftungen. Gepaart sind diese Lebenshilfen mit fragwürdig bis ärgerlichen Tipps. Wo bleibt da die Solidarität unter Berlins Armen, wenn die Autoren empfehlen, verwaist aussehende Drahtesel mitgehen zu lassen? Und warum sollten Arme beim „Mausern“ von Kaufhausware ausgerechnet das exquisite KaDeWe verschonen? Nur, weil die Wagners in der Westberliner Nobelinstitution im doppelten Sinne delikate Erfahrungen gemacht haben: „Der männliche Teil des Autorenpaars“ war dort nämlich beim Klauen erwischt worden. Nach Überweisung eines Bußgeldes bedankte sich der Kaufhauscomputer eigenmächtig mit einem Gutschein zum festlichen Gaumenschmaus.

Abrechnung des armen Mannes

Die persönliche Note des Textes ist auch an anderen Stellen so ausgeprägt, dass sie der ansonsten lockeren, angenehmen Unterhaltung einen faden Beigeschmack verleiht. Nicht nur „lauthals auf offener Straße“ telefonierende Mitmenschen bekommen ihr Fett weg. Sondern „auch stinkende Döner und Fritten werden dort verzehrt, Wasser-, Bier- oder Saftflaschen geleert“, so die spießige Pauschalkritik am öffentlichen Leben Berlins. Wo sich Restaurantgäste im Übrigen auch noch erdreisten im Sommer draußen zu sitzen, um dort „ihren gierigen Exhibitionismus“ bei der „ordinärsten Form der Nahrungsaufnahme“, dem Brunch, auszuleben. In Verbindung mit dem einleitenden Erfahrungsbericht Bernd Wagners aus dem Arbeitsamt drängt sich bei allem Verständnis und Mitgefühl der Eindruck auf, dass hier unter dem Deckblatt des Stadtführers persönlich und öffentlich Rache geübt wird.

Dabei steht der vorwurfsvolle Ton im krassen Widerspruch zum Lobpreis der Armut im Vorwort: „Was haben wir der Armut nicht alles zu verdanken!“, heißt es hier schwärmerisch. Philosophie, Gewerkschaften und selbstgedrehte Zigaretten wären bei permanentem Überfluss nie zustande gekommen, Reichtum führe zu Schlaffheit, Überdruss und Langeweile. Berlin für Arme wechselt hier tatsächlich die Perspektive: Wer aus der so genannten Mittelschicht in die Lethargie, Selbstaufgabe oder Einsamkeit abzugleiten droht oder bereits geglitten ist, findet wertvolle Anregungen, wie man trotz Geldmangels auf hohem kulturellen Niveau Spaß haben, gut speisen, sein Äußeres und seine sozialen Kontakte pflegen kann.

Zeit plus soziales Kapital ist Geld

Die kurzweilige Lektüre erspart Betroffenen die wertvolle Zeit, sich all die in Berlin zu entdeckenden Wagnerischen Erfahrungswerte und Wissensschätze selbst zu erschließen. Die Investition von 8,95 Euro in 140 Seiten ermuntert das erwerbslose Prekariat der arm-aber-sexy-Hauptstadt, ebenso wie Studierende, Hospitanten und Praktikantinnen, freie Stunden als ihr Kapital einzusetzen. Ein Plussummenspiel im Bourdieuschen Sinn, das dem Erhalt eines Habitus dient.

Darum führt die dem Stadtführer untergejubelte selbstdarstellerisch-subjektive Sozialkritik in die Irre. Sie kämpft gegen die Mühlen der Bürokratie und scheint sich dann wieder gegen die nicht-lebenskünstlerischen Daseinsformen der Stadt zu richten. Dabei hätte ein echtes „Berlin für Arme“ erst dann eine Chance, wenn dieses Buch auch der ein oder anderen in Armut lebenden Berliner Familie oder einer Jugendgang mit Migrationshintergründen in die Hände fiele. Sie könnten sich dann gemeinsam mit bildungsbürgerlichen Lebenskünstlern im kommenden Sommer auf Bärlauchwiesen und im Winter in den Berliner Museen zu den Wagners gesellen.

Wagner, Bernd/ Wagner, Luise,
Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler,
(2008), Eichborn Verlag, Frankfurt a.M.,
ISBN:9783821858302, 8.95 Euro, 142 Seiten


Weiterführender Link:
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hg.): Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.


Die Bildrechte liegen beim Eichborn Verlag.


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5 Kommentare auf “Arm – und das ist auch gut so

  1. Also ich denke Familien mit wenig Geld sind immer auf der suche nach günstigen Einkaufsquellen. Und als HartzIV empfänger lernt man sehr schnell Lebenskünstler zu sein. In München wird die Schlange vor den Essenausgaben immer länger und länger.
    Tipp für das nächste Buch:
    München für arme

  2. Arbeitslose haben es bei einer immer grösser werdenden sozialen ungerechtigkeit immer schwerer in deutschland. hartz IV treibt viele menschen aus ihren wohnungen. um sich ein anständiges leben leisten zu können müssen vielen auf caritative einrichtungen wie suppenküchen oder die tafel zurückgreifen.

  3. Solche bücher sind net schlecht und 9 euro für das buch sind ja absolut okay.
    Was ich aber nicht verstehen kann, ist das man sich bärlauch von der wiese pflückt … immerhin MUSS hier in DE keiner hungern – nen kräutertopf für 69 cent kann mann auch im netto holen, um sein essen zu würzen.

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