Afrika ist nicht arm

Afrika ist ein Kontinent voller Gegensätze. Er ist einerseits unglaublich reich an Bodenschätzen, andererseits lebt die Bevölkerung in bitterer Armut. Weshalb seit Jahrzehnten Milliarden an Entwicklungshilfegeldern dorthin fließen. Ändern tut sich trotzdem wenig. Wäre Afrika vielleicht ohne Entwicklungshilfe besser dran? Dieser Frage geht Volker Seitz in einem Sachbuch nach. Von Alexander Christoph

Die Bundestagswahl in Deutschland ist vorbei. Angela Merkel und Guido Westerwelle sind die strahlenden Sieger. Nach weniger als einen Monat steht nun die Regierungsmannschaft. Was wurde nicht alles im Vorfeld spekuliert. Einige Beobachter haben sogar gemutmaßt, ob nicht zu Gunsten eines Außenministers Westerwelle, die Zuständigkeit für die Entwicklungshilfe im Auswärtigen Amt angesiedelt werden könnte. Mit diesem Schritt wäre zugleich das Ende des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit verbunden gewesen.

Größenwahn und Raffgier sind das Problem

Nichts anderes fordert Volker Seitz, von 1965 bis 2008 als Diplomat für die Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang in mehreren Ländern Afrikas tätig – zuletzt als Botschafter in Kamerun. Vor allem bei der Hilfe für asiatische Ländern gehe es „um Wirtschaftsförderung mit dem entsprechenden Transfer von Know-how“. Und „als solche gehört diese Hilfe ins Auswärtige Amt, wo die außenwirtschaftlichen Aktivitäten der Bundesregierung koordiniert werden“. Seitz Augenmerk richtet sich gleichwohl auf einem anderen Kontinent: Auf Afrika, ein an Ressourcen reicher, zugleich jedoch bitterarmer Kontinent.

Bereits der Titel Afrika wird armregiert klingt provokant. Ebenso zugespitzt geht es im Inneren weiter. Der 1943 geborene Autor kritisiert den Stamm der „Wa Benzi“, eine Umschreibung für die kleptokratische und korrupte politische Elite, die für ihren Fuhrpark meist auf die deutsche Automarke zurückgreift. Er ist überzeugt: „Der ganze Kontinent wird zum Almosenempfänger, nicht wegen der Menschen und Völker, sondern weil sie Regierungen haben, die faul, raffgierig und größenwahnsinnig sind.“

Eigeninitiative ist gefragt

Und so berichtet er, wie ein Großteil der Gelder in dunklen Kanälen versickert oder wie die Eliten anstatt Krankenhäuser, Schulen oder Straßen zu bauen, viel lieber das Geld für Luxuswaren verschwenden. Schließlich wüssten sie, dass die westlichen Geber die größten Missstände beseitigen würden. „Die Wohltätigkeitsaktivisten machen sich unfreiwillig zu willigen Helfern der Regime“, schreibt der 66-jährige Seitz. Was dagegen getan werden muss, verhehlt der ehemalige Diplomat nicht. Er fordert neben Investitionen in die Bildung, die Erziehung oder in den Aufbau demokratischer Strukturen in erster Linie eine stärkere Förderung des vermeintlich schwachen, tatsächlich jedoch starken Geschlechts, den Frauen. „Frauen bauen das Land an, Frauen ernähren die Familien, Frauen machen Geschäfte.“

Im Übrigen könne eine Entwicklung nur „über die tatkräftige und überzeugte Mitwirkung und Eigeninitiative eines jeden Einzelnen stattfinden“. Zudem prangert er die Subventionen der EU sowie der USA für deren heimische Landwirtschaft an. Soweit, so gut. Das sind Aussagen, die auch seitens der Wissenschaft seit Jahren immer wieder getroffen werden. Die Fragen klingen ebenfalls ähnlich: „Warum geht es jenen Entwicklungsländern am schlechtesten, die die meiste Entwicklungshilfe bekommen? Warum sickert die Wohlstandsdividende in den meisten Ländern nicht nach unten durch? Warum gibt es keinen echten Willen zum Wandel? Warum werden mit den Entwicklungsmilliarden jene politischen Missstände und jene Lethargie zementiert, die der Hauptgrund des afrikanischen Elends sind?“

„So wenig Geld wie irgend möglich, nur so viel wie dringend nötig“

Seitz tritt für ein Ende der klassischen Entwicklungshilfe ein, ohne jedoch strikter Gegner von Entwicklungszusammenarbeit zu sein. Im Gegenteil, seine Maxime lautet: „So wenig Geld wie irgend möglich, nur so viel wie dringend nötig.“ Damit stellt er sich dennoch gegen die Mehrzahl von Entwicklungsorganisationen, Wissenschaftler wie Jeffrey Sachs oder Prominente wie Bono, die eine Erhöhung der finanziellen Entwicklungshilfe gerade für die ärmeren Regionen verlangen.

Freilich, seine Antworten – kurz gefasst: autoritäre Herrschaftsstrukturen, Kleptokratie, Korruption, Klientelismus, Nepotismus – suggerieren eine Einfachheit, die der Komplexität Afrikas nicht gerecht wird. Ist das dem Autor bewusst, wären sonst Sätze wie folgende erklärbar? „Viele afrikanische Staaten sind nicht im entwicklungspolitischen Sinne, sondern politisch unterentwickelt.“ Mag sein. Als richtig störend wird allerdings seine ständig wiederholende Kritik empfunden. Auf den 219 Seiten werden fortlaufend die gleichen Argumente aufgeführt, nur in etwas andere Worte gekleidet. Das ist auf die Dauer ermüdend. Und so bleibt bei der Lektüre ein fader Beigeschmack haften. Zumal Seitz Urteile oftmals zu pauschal ausfallen.

Seitz, Volker
Afrika wird armregiert. Oder wie man Afrika wirklich helfen kann
(2009), München, dtv,
219 Seiten, ISBN: 978-3-423-24735-1, 14,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim dtv Verlag (Cover) und Irmtraud Lux (Volker Seitz).


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