Abenteurer mit Denkerstirn

20. Nov 2009 | von Fabian Busch | Kategorie: Europa

Selten hat Herman van Rompuy nach Ämtern gestrebt - und sie dann doch bekommen.
Selten hat Herman van Rompuy nach Ämtern gestrebt - und sie dann doch bekommen.
Herman … wer? Nach dem Willen der europäischen Staats- und Regierungschefs soll ein Mann ihr Chef werden, der niemandem die Show zu stehlen scheint – ein Konservativer, Vermittler und Lyriker. Von Fabian Busch

Was muss man sein, um in der Politik Karriere zu machen? Muss man jung oder weiblich sein oder beides? Muss man ehrgeizig sein, sich immer in den Vordergrund drängen, kein Mikrofon auslassen? Muss man die Sprache des Volkes sprechen und ab und zu laut sein, um sich Gehör zu verschaffen? Herman van Rompuy ist nichts von alledem und trotzdem soll er eines der höchsten Ämter der Europäischen Union bekommen. Die Regierungschefs der EU hätten einen Charismatiker zu ihrem Chef machen können, einen Menschen, der die Menschen mitreißt und dem Staatengebilde ein Gesicht gibt. Doch sie haben sich für den belgischen Premierminister entschieden. Der hat den Posten als erster ständiger EU-Ratspräsident, wie andere Posten in seiner Laufbahn, eigentlich gar nicht gewollt, wie er am Abend seiner Nominierung auf seiner Webseite mitteilte: „Ich habe nicht nach diesem hohen Amt gestrebt. Ich habe keinen einzigen Schritt in diese Richtung unternommen. Aber ich nehme dieses Amt heute Abend mit Überzeugung an.“

Erfolgreich vermittelt im belgischen Haifischbecken

Das Gleiche hätte der 62-Jährige sagen können, als er erst am 30. Dezember des vergangenen Jahres zum belgischen Premierminister ernannt wurde. Die belgischen Parlamentswahlen im Juni 2007 hatte sein christdemokratischer Parteifreund Yves Leterme gewonnen und sich dann über Monate hinweg unfähig gezeigt, eine Regierung zu bilden. Der altgediente Van Rompuy musste als Vermittler die verfeindeten Flamen und Frankophonen zusammenbringen. Nachdem das geglückt war, hielt sich Leterme doch wieder nur einige Monate im Amt und gab im Dezember 2008 entnervt auf. Der Retter in der Not war der Vermittler von gestern. Dabei war Herman van Rompuys Stern am politischen Himmel eigentlich schon untergegangen.

Van Rompuys neuer Arbeitsplatz ist nicht weit von seinem neuen entfernt. Blick ins Brüsseler Europaviertel.
Van Rompuys neuer Arbeitsplatz ist nicht weit von seinem alten entfernt. Blick ins Brüsseler Europaviertel.
Herman van Rompuy stammt aus einer politischen Familie. Sein Sohn ist genauso Politiker wie sein Bruder und seine Schwester – auch wenn diese als Anhängerin einer marxistischen Spiltterpartei etwas aus der Familienart geschlagen ist. Der studierte Ökonom und vierfache Vater wird zum konservativen Flügel der flämischen Christdemokraten gerechnet. 1988 wurde Van Rompuy Parteichef, in den 90er Jahren trug er als Haushaltsminister maßgeblich dazu bei, dass das hoch verschuldete Belgien im letzten Moment die Maastricht-Kriterien einhalten und den Euro einführen konnte. In dieser Zeit soll man ihn schon einmal darum gebeten haben, das Amt des Regierungschefs zu übernehmen, doch van Rompuy winkte ab. 1999 wurden die Christdemokraten mit einer historischen Wahlniederlage aus der Regierung gefegt und andere übernahmen in der Partei das Sagen.

Dass Van Rompuy das Angebot, Premierminister zu werden, Ende des vergangenen Jahres erneut erhielt, soll an seiner ausgleichenden Art liegen. Seine sprachlich gespaltene Fünf-Parteien-Koalition hat er relativ souverän geführt. Kompromissfähigkeit und Vermittlungskünste hat er bewiesen und die können zweifelsohne auch im Europäischen Rat mit seinen 27 Regierungen nicht schaden.

Passionierter Politiker mit Hang zur Lyrik

Van Rompuy trägt ein Zitat des schottischen Schriftstellers und Politikers John Buchan in seiner Brieftasche: „Politik ist noch immer das größte und ehrenhafteste Abenteuer.“ Dass er jeden Tag ein Abenteuer durchlebt, merkt man ihm vielleicht nicht unbedingt an. Der „kleine, unbekannte Mann“, wie ihn die belgische Tageszeitung La libre Belgique nennt, ist kein Sympathieträger. Das Volkstümliche liegt ihm nicht. Selbst seine Minister sagen, dass sie ihm selten anmerken, was er denkt. Das britische Boulevard-Blatt Daily Mirror titelte wenige Tage vor Van Rompuys Nominierung: „Ein Belgier soll Großbritannien regieren? Das muss ein Scherz sein!“

Ob der Christdemokrat der EU ein Gesicht geben wird, ob er sie den Bürgern näher bringen kann, ist höchst fraglich. Zumindest aber wird er ihr eine intellektuelle Note geben. Van Rompuy verfasst begeistert so genannte „Haikus“, japanische Gedichte mit drei Versen, bestehend aus fünf, sieben und noch einmal fünf Silben. In regelmäßigem Abstand kann man sie auf seiner Homepage lesen. Ende Oktober hat Van Rompuy mit seinen Amtskollegen aus Spanien und Ungarn das Programm für die gemeinsame Troika-Präsidentschaft in der EU vorgestellt. Und er hatte ein Haiku im Gepäck, das frei übersetzt lautete:

Drei Wellen rollen
gemeinsam in den Hafen.
Das Trio ist zuhaus’.

Das klingt zumindest nach einem ausgeprägten Gemeinschaftssinn und der kann in Van Rompuys neuem Amt nicht schaden. Vielleicht muss man ja auch kein Exzentriker sein, um die EU zu führen.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Brüssel) und bei Luc van Braekel (Van Rompuy/ Creative-Commons-Lizenz).


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