„Halsschlagadern wie Baumstämme“

Ist das Internet gefährlicher als Schützenvereine? Urban Priol zweifelt.Wer hat den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer gewählt? Wie lange müssen wir noch arbeiten bis wir wissen, wann wir in Rente gehen können? Auf diese Fragen liefert Urban Priol in seinem Programm „Tür zu!“ leider keine Antworten, wohl aber auf wichtige Rätsel wie: Warum ist Angela Merkel so beliebt? Und warum hat Mercedes eigentlich einen eigenen Pannendienst? Steven Carthy war für /e-politik.de/ im Münchner Lustspielhaus

Bühne frei, und „Tür zu!“ für Urban Priol. Und das ist gut so. Denn wer den selbst ernannten Randbayern mit hessischem Migrationshintergrund einmal live erleben durfte, weiß, was einen nun erwartet: Ein Donnerwetter an Pointen und eine Lawine aus messerscharfem Polit-Kabarett, die sogleich über die Zuschauer herabwüten wird. Und das auch nicht zu knapp, denn Priol nimmt sich mit Pause glatte drei Stunden Zeit, um gefühlte 10 000 Kracher ins Publikum zu schießen.

„Rolling Security“ und die BWL-Terroristen

Nachdem der ICE auf den Regionalzug umgebucht wurde, der dann aber auch nicht fuhr, ist der Aschaffenburger am Ende doch mit dem Auto angereist. Aufgehalten hat ihn der Dauerstau auf der A3 um Aschaffenburg also nicht, höchstens sein alter Mercedes. Aber für den hat Priol ja den eigenen Mercedes-Pannendienst, der, wie er mutmaßt nur existiert, um nicht in der ADAC-Pannenstatistik aufzutauchen. Flink schafft Priol den Sprung vom privaten Gefährt zur Staatskarosse: Wolfgang Schäuble benötigt wohl nicht allzu dringend einen Pannendienst, sein Fahrzeug wird doch wohl gegen alle Gefahren gerüstet sein, die es da gibt.  Seien es Terroristen mit Wasserstoffbomben,  Schützenvereine, die Zwölfjährige zu Kollateralschaden-Verursachern ausbilden, oder das Internet.  Und, nicht zu vergessen: BWL’er, die unser Geld verzocken. Aber gegen die kann „Rolling Security“ Schäuble leider nichts ausrichten, auch nicht durch eine Grundgesetzänderung. Terrorcamps sind ja dann doch nochmal etwas anderes als Wirtschaftsfakultäten.

„Der XVI.“ in der „nach Mehdorn Ära“

Nachdem Priol zum Einstieg das Thema Deutsche Bahn im Expresstempo hinter sich gebracht hat und dabei noch hoffte, dass Papst Benedikt XVI., sollte er denn einmal Bahnchef werden, nicht die Gummis zwischen den Puffern verbietet, schreitet er zügig weiter zur Rentenfrage: „Wie lange müssen wir noch arbeiten, um zu wissen, wann wir in Rente gehen können?“ Die mögliche Antwort hält der Ökonom Hans-Werner Sinn parat. Wirtschaftlich gesehen sollten wir doch alle bis 77 arbeiten. Priol aber, der das mal eben quergelesen hat, weiß, dass das statistisch garnicht möglich ist. Das Sterbealter von deutschen Männern liegt nämlich bei etwa 76, sodass Priol bei Herrn Sinn in Zukunft doch wieder lieber an Moby Dick denken wird.

Flink wie er ist, schreitet Priol weiter zur Bundestagswahl, holt sich aber vorher noch einmal die Schufa-Auskunft seiner Bank ein. Merkel und ‚Münte‘ bekommen hier ihr Fett ab, genau wie Guido Westerwelle, der „König ohne Land“. In einem alten Shakespeare-Drama wäre er laut Priol wahrscheinlich ein Busch gewesen. Merkel aber spielt da wohl schon eher eine Hauptrolle, hat sie sich von „Miss Klima über Miss Europa zur Miss World“ hochgekämpft, um nun auch noch „Miss Erfolg“ zu werden! Aber davon nicht genug, Priol hat die Antwort auf die Frage, warum Merkel immernoch so beliebt ist. Einerseits wird sie gestärkt von ihrer Marketing-Abteilung „BILD, BUNTE, Focus“, andererseits macht sie ja gar keine Politik mehr. Und gerade dadurch scheint sie ungemein an Beliebtheit zu gewinnen.

Priol mahnt zur Vorsicht vor der „freiwilligen Selbstverpflichtung“ für Manager.„Schon klar, kein Netz“

In Zeiten des gefährlichen Internets und des technischen Fortschritts präsentiert Priol dem Publikum stolz sein uraltes Handy. Dieses ist noch so groß, dass Priol anfangs dachte, er müsse zuerst einsteigen, um damit zu telefonieren. Obgleich er zugibt, immer noch nicht alle Funktionen ergründet zu haben, erzählt er doch euphorisch, wie er seine Klingeltöne so programmiert hat, dass sie sich der Umgebung anpassen. Im Theater hustet es bei einem Anruf, beim Eintreffen einer E-Mail nießt das Handy. Es ist wohl ein leichtes zu erraten, dass es fortan auf der Bühne ständig hustet und nießt. Will er aber doch einmal damit telefonieren, um zum Beispiel seine scheidungswillige Frau anzurufen, ist es klar, er hat kein Netz.

Zu Fragen der Gleichberechtigung von Frauen hat Priol nicht allzu viel zu sagen, wenngleich er dauernd mit seiner Noch-Frau telefoniert. Was ihm als James Bond-Fan aber dennoch auffällt ist, dass dieser in den früheren Filmen immer die Welt gerettet hat, während er heute stets versucht, die Frauen zu verstehen: „Ein Himmelfahrtskommando!“ Doch zum Glück findet Priol die Bond-Filme trotzdem gut, ganz im Gegensatz zu den Nachmittagssendungen wie „Kallwass“ und Konsorten. Hier aber leuchtet Priol endlich ein, warum heute TV-Geräte „Flachbildfernseher“ genannt werden.

Ein gelungenes Programm, auch ohne roten Faden

Urban Priol versteht es wahnsinnig gut, die Situation an deutschen Stammtischen nachzuzeichnen, um aber im gleichen Atemzug wieder auf die politische Ebene zu springen und mit Politiker-Zitaten die Situation in Deutschland authentisch herüber zu bringen. Im übrigen zeigt sich Urban Priol als sagenhafter Stimmen-Imitator, worunter insbesondere Angela Merkel, Horst Köhler, Franz Müntefering und Gerhard Schröder erstaunlich echt klingen. Übrigens: Bald wird Frank-Walter Steinmeier die Gummi Maske abziehen, unter der Schröder zum Vorschein kommt. Er nämlich versteht es, Wahlkampf zu machen und die richtigen Parolen zu posaunen: „Das Gas muss bei den Menschen ankommen, und nicht die Preise!“

Einen roten Faden hat Priol neben einer kleinen Rahmenhandlung über sein altes Handy, eine verpachtete Immobilie und seine aus- oder nun doch eingeschaltete Espressomaschine zu Hause nicht. Doch bei der Fülle an Lachattacken im Publikum benötigt Priol auch kein stringentes Konzept. Seine energiegeladene Show, in der er seinen Ärger mit „Halsschlagadern wie Baumstämmen“ frei lässt und der Gesamtsituation eine herrlich lustige Note gibt, macht Priol zu einem Erlebnis. Dabei lässt man ihm auch gerne den ein oder anderen Kalauer durchgehen, denn der Stimmung tun sie keinen Abbruch. Festhalten lässt sich, dass Urban Priol allemal einen Besuch wert und sein Programm „Tür zu!“ absolut sehenswert ist. Bedenken muss man aber, dass bei Priol das politische Wissen so fundiert ist, dass das Folgen manchmal schwer fällt, wenn man nicht schnell genug zuhört und ein gewisses Vorwissen mitbringt. Aber gerade die Geschwindigkeit seiner Themenwechsel macht Priol einfach aus. Und im Schlusssatz der Zugabe gibt er dem Publikum auch noch einen guten Rat im Umgang mit Politikern und Verwaltungsangestellten mit: „Wenn Sie euch doch ärgern, so ärgert sie wenigstens zurück!“


Die Bildrechte liegen bei Thomas Göttemann.


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