Wo ist der Kapitän?

09. Okt 2008 | von Petra Sorge | Kategorie: Wirtschaft
Jagdish Bhagwati verteidigt sein Buch gegen die Finanzkrise.
Erst traf es die Immobilienbranche, dann Investmentbanken und Landesbanken – die Finanzkrise breitet sich wie ein Flächenbrand aus. Gründe dafür sind ein unregulierter Kapitalmarkt und die Ohnmacht der Akteure, glaubt Jagdish Baghwati. Der US-Ökonom und Globalisierungsverteidiger ist auf Lesereise. Von Petra Sorge

Er wirkt etwas klein in seinem schwarzen Sessel, neben dem hochgewachsenen Moderator, Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron. Er wirkt auch etwas nervös in seiner Rede. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Jagdish Bhagwati spricht am Abend des 1. Oktober im Hamburger Körber-Forum zu dem Thema „Finanzkrise und Globalisierung“, zum Auftakt einer Lesereise. Er sitzt da wie ein Angeklagter, der sich verteidigen muss für seine globalisierungsfreundliche Brandschrift, die er hier vorstellt. Die deutsche Ausgabe seines Buches Verteidigung der Globalisierung ist seit zwei Wochen erhältlich. Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte er sich kaum aussuchen können.

Zwei Wochen, in der eine Wirtschaftsmeldung die andere jagt: „Größte Bankenpleite in der US-Geschichte“ „Schwarzer Montag“, „Finanzkrise ist bei privaten Kreditnehmern angekommen“, „Frankreich will EU-Rettungsplan“. Mit der Krise der Hypo Real Estate hat es nun auch den deutschen Bankenmarkt getroffen. Wie kann man da die Globalisierung als effizient, wohlstandsfördernd und menschlich beschwören?

Beim Dialog in Hamburg verteidigte Baghwati seine Thesen.
Bhagwati schafft es nur mit Humor: „Wenn ich jetzt meine Lesereise absage, wäre das, als ob Obama oder McCain ihren Wahlkampf wegen der Finanzkrise verschieben würden.“ Also nimmt er den Kampf auf. „Der internationale Geldfluss gleicht doch einem Feuerchen“, so Bhagwati, „man kann genüsslich ein Steak darauf braten, das Feuer kann aber auch das Haus in Brand setzen.“ Letzteres scheint nun passiert zu sein.

Gesucht: unabhängige Kontrollkommission

Die offenen, unkontrollierten Kapitalmärkte sind nach Ansicht von Bhagwati ein ernstzunehmendes Problem. Es gäbe zwar theoretisch eine Reihe an korrigierenden Instrumenten, aber solange sich die Akteure auf dem Finanzmarkt nicht einig seien, solange niemand wirklich wisse, welche Folgen das mit sich bringt, wird der Geldfluss kaum zu regulieren seien. Denn auch in der Wirtschaftswissenschaft gelte das Motto: Sechs Ökonomen, sieben Meinungen.

Der Globalisierungsbefürworter Bhagwati, der an der New Yorker Columbia University lehrt, hat mehr als 50 Bücher geschrieben und ist Berater bei den Vereinten Nationen und der Welthandelsorganisation. Für eine effektive Kontrolle der Kapitalmärkte fordert er eine „wirklich unabhängige Kommission“. „Die Kongressabgeordneten, die über das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket abstimmen sollen, sind es jedenfalls nicht“, sagte er. Neun Zehntel ihrer Zeit verwendeten die US-Politiker auf Fundraising. „Wenn ein Kongressabgeordneter viele Kannibalen unter seinen Wählern oder Financiers hat, dann wird er dafür sorgen, dass es jeden Tag einen Missionar zum Frühstück gibt“, so Bhagwati.

Finanzkrise erschüttert das Vertrauen

Gesprächspartner und Moderator: Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron.
Die Schwierigkeiten, eine unabhängige Bankenaufsicht zu errichten, verglich der Ökonom mit den zähen Verhandlungen über ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll. Der Einfluss der Nationalstaaten auf das internationale Finanzsystem verringert sich. Und die zwischenstaatliche Abstimmung wird deutlich erschwert durch den Anreiz, doch aus den fiskalpolitischen Abmachungen auszuscheren.

Dramatischer als die mangelnde Regulierung sei jedoch der massive Vertrauensverlust, der mit der Finanzkrise einhergeht. Wenn die Banken nicht darauf vertrauen könnten, ihr Geld zurückzubekommen, würden sie es erst gar nicht verleihen, so Bhagwati. Die Folge: eine Kreditklemme. Riskante Innovationen werden nicht mehr unterstützt, Firmen erhalten kein Kapital mehr für neue Investitionen. Dann würde die Finanzkrise auch die Wirtschaft treffen – mit Lohnverlusten und Arbeitslosigkeit.

Bei den Menschen seien Misstrauen und Empörung ebenso groß. Bhagwati erklärte das Prinzip mit dem Beispiel der Titanic: „Die Passagiere gingen von Bord, und der Kapitän war der letzte, der mit erhobenem Fernrohr unterging. Bei der Finanzkrise ist es genau andersherum: Die Kapitäne verschwanden als erstes.“ Die im Finanzbereich nicht unüblichen Millionenabfindungen für Manager, die sich kurz vorm Crash davonschlichen, bezeichnete Bhagwati als „unmoralisch“.

Wechselseitiger Nutzen dank Globalisierung

Der Wirtschaftsprofessor redet, gibt Müller von Blumencron kaum eine Chance zu moderieren. Die Scheinwerferlampen versagen zweimal ihren Dienst. So richtig erleuchtet fühlt sich das Publikum auch nicht von den Ausführungen Bhagwatis – kam er nicht eigentlich als Verteidiger der Globalisierung hierher?

Mit der aktuellen Finanzkrise habe die Globalisierung nichts zu tun, sei auch nicht deren Ursache, stellt der Ökonom klar. Offene Güter- und Dienstleistungsmärkte seien ein Vorteil für Industrieländer und Entwicklungsländer zugleich. Die wechselseitigen Vorteile der Globalisierung beschrieb Bhagwati, indem er ein Bild aus seinem Buch aufgriff: Wenn der eine nur Zahnbürsten produziert, der andere nur Zahnpasten, und beide miteinander tauschen, haben alle saubere Zähne, aber keiner trägt irgendwelcher Nachteile davon.

Als Ursache der real sinkenden Einkommen, für die in den Industrieländern häufig die Globalisierung verantwortlich gemacht wird, sieht Bhagwati zwei Faktoren: Erstens der weltweite Konkurrenzdruck, der dafür sorgt, „dass selbst die besten Unternehmer nicht ruhig sein können, weil sie aus den Augenwinkeln schon den Konkurrenten sehen“. Zweitens: die Technologisierung. „Durch immer bessere Produktionstechniken werden billige Arbeitskräfte überflüssig“, sagt der Ökonom. Das passiere zwangsläufig, egal ob die Grenzen offen sind oder nicht. Als einziges Erfolgsrezept empfiehlt Bhagwati daher, was viele Wirtschaftswissenschaftler raten: Bildung. Nur so könne man sicherstellen, immer – und überall – einen Arbeitsplatz zu finden. Aber das lässt sich auch in seinem Buch nachlesen.


Die Bildrechte liegen bei der Körber Stiftung (Fotograf: Jann Wilken).


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