Wirtschaftlichere Bundeswehr?

Cover_Richter.jpgAufgrund der zunehmenden Budgetzwänge steht die Bundeswehr mitten im Prozess einer großen Transformation. Die ökonomischen Aspekte dieser Entwicklung werden in einem Sammelband in detaillierter Weise diskutiert. Von Christoph Rohde

Gregor Richter, Leiter des Forschungsprojekts Ökonomische Modernisierung der Bundeswehr, am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr in Strausberg hat den gleichnamigen Sammelband herausgegeben. Experten aus Wissenschaft und Praxis berichten über Grenzen und Möglichkeiten der Bundeswehrreform.

Aus Weniger mehr machen

Wer den Apparat Bundeswehr kennt, weiß, dass hier große Potenziale für Entbürokratisierung und Effizienzverbesserungen schlummern. Aufgrund der statisch gehaltenen Verteidigungsbudgets ist eine bessere Nutzung vorhandener Ressourcen seit vielen Jahren zu einem absoluten Muss geworden. Diesem Ziel dient die ökonomische Modernisierung der deutschen Armee. Die Methoden der klassischen Betriebswirtschaft lassen sich jedoch nur begrenzt auf die Institution Bundeswehr anwenden – zu stark variieren strategische und ethische Imperative. Wie der Band verdeutlicht, ist es jedoch gelungen, einige der ökonomischen Instrumente auch für die Bundeswehr fruchtbar zu machen.

Carsten Großeholz weist mit Hilfe von Umfragen nach, dass das Personal der Bundeswehr durchaus zu Veränderungen bereit ist. Von zentraler Bedeutung ist dabei allerdings, dass die Betroffenen direkt am Transformationsprozess beteiligt werden. Eine Reform „von oben“ fände weit weniger Akzeptanz. Moderne Ansätze des Change Management vermögen Widerstände durch Partizipation abzubauen.

Moderne Steuerungsinstrumente nutzen

Die Balanced Scorecard (BSC) ist ein Instrument, um die strategische Ausrichtung eines Unternehmens mit Hilfe bestimmter Kennziffern überprüfen und bedarfsorientiert neu ausrichten zu können. Im Gegensatz zum klassischen Controlling werden neben monetären auch soziale Variablen in die Analyse integriert. Doch Martin Elbe macht klar, dass dieses Instrument nicht bedenkenlos auf die Bundeswehr und ihre Ziele angewandt werden kann. Die Bundeswehr sei als Gegenkultur zu rein ökonomistisch motivierten Organisationen zu betrachten. Ihre Transformation sei vorrangig eine politisch motivierte, keine primär ökonomische Aufgabe. Die Konzentration auf eine exklusive Ökonomisierung der Bundeswehr erweist sich für Elbe als Scheingefecht, das von den realen Herausforderungen ablenkt. Jörg Keller bestätigt diese Annahme, indem er in seinem Beitrag darauf verweist, dass ökonomische Kalküle zwar in Friedenszeiten eine gewisse Rolle spielen könnten, jedoch in konkreten Einsatzfällen kaum von Bedeutung sein werden.

Outsourcing durch private Sicherheitsfirmen?

Gerhard Kümmel zeigt die Möglichkeiten und Gefahren auf, die mit der Nutzung privater Sicherheitsdienstleistungsfirmen (PSC) verbunden sind. Basierend auf der Principal-Agent-Theorie stellt der Mitarbeiter des Strausberger Instituts eine Argumentationskette auf, die zeigt, dass dem Markt für Sicherheitsdienstleistungen noch Strukturen fehlen, die einen unbedenklichen Zugriff ermöglichen.

Die oligopolistische Struktur des Marktes, so Kümmel, führt dazu, dass die Anbieter des Gutes Sicherheit hohe Preise bei wenig Qualitätskontrolle fordern könnten. Der Agent sei dem Principal gegenüber im Vorteil. Kümmel fordert ein Regulations- und Kontrollsystem nationaler und internationaler Art, um die problematischen Strukturen innerhalb von PSC in den Griff zu bekommen, damit deren Dienstleistungen in zuverlässiger Form nutzbar wären. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen, wenn der Autor darauf eingegangen wäre, in welcher Weise die Bundeswehr auf die Dienstleistungen von PSC zurückgreifen könnte.

Das Kontinuierliche Verbesserungsprogramm (KVP)

Das KVP geht auf eine japanische Unternehmensphilosophie, den Kaizen, zurück. Diese besagt, dass in Unternehmen täglich die operative Praxis optimiert werden sollte. Nach betriebswirtschaftlichen Studien werden in deutschen Unternehmen oft 80 Prozent der Mitarbeiterpotenziale nicht genutzt. Doch auch dieses Konzept ist nicht einfach eins zu eins auf die Bundeswehr zu übertragen. Gerd Portugall zählt einige Faktoren auf, die zu einer besseren Nutzung des KVP in der Bundeswehr führen könnten: Dabei spielt eine bessere Darstellung des Programms im Sinne einer verbesserten Öffentlichkeitsarbeit eine zentrale Rolle, aber auch eine Beschleunigung des Verfahrensweges zur Umsetzung konkreter Vorschläge. Ansonsten leide die Motivation und positive Ergebnisse könnten nicht als solche dargestellt werden.

Ökonomisierung kein exklusives Allheilmittel

Wie kann die Bundeswehr ihren nationalen und internationalen Aufgaben und Verpflichtungen gerecht werden, obwohl die zur Verfügung stehenden Mittel beschränkt bleiben? Die vorgelegten Antworten auf diese Fragen sind – was durchaus in der Natur der Sache liegt – nicht befriedigend. Zwar heben die Autoren einige ökonomische Optimierungspotenziale hervor, aber der Aufbau einer sowie die Transformation zu einer Interventions- und Krisenreaktionsarmee sind nicht zuerst ökonomische Probleme. Dennoch sind die Analysen für Entscheidungsträger der Bundeswehr ebenso lesenswert wie für Journalisten und Wissenschaftler, die sich den Themen Reform der Bundeswehr oder der Sicherheitsproblematik im 21. Jahrhundert verschrieben haben.

Richter, Gregor (Hrsg.),

Die ökonomische Modernisierung der Bundeswehr – Sachstand, Konzeptionen und Perspektiven,

(2007), Wiesbaden. VS Verlag,

233 S., ISBN 978-3-531-15276-9, 29,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim VS Verlag für Sozialwissenschaften. Der Verlag im Internet.



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