Wirtschaft braucht Werte

Die Forderung nach wertorientiertem und nachhaltigem Wirtschaften bekommt jetzt Unterstützung aus unerwarteter Richtung. Ex-Manager Peter Grassmann wünscht grundlegende Eingriffe in das System der Sozialen Marktwirtschaft. Sein Zukunftsmodell: die werteregulierte Marktwirtschaft, die auch durch politische Reformen gestützt wird. Von Patrick Riordan

Es ist in der Tat ungewöhnlich und bemerkenswert, dass ein Mann wie Peter Grassmann ein Buch über Nachhaltigkeit und wertorientierte Marktwirtschaft schreibt. In seinem Buch Plateau 3: Zukunft vererben. Werteregulierte Marktwirtschaft und Bürgerdemokratie analysiert er drängende Probleme der heutigen Zeit wie den Klimawandel oder mangelndes Verantwortungsbewusstsein, und versucht zu ihrer Lösung beizutragen.

Die dritte Hochebene wirtschaftlicher Entwicklung

Um Entwicklung, Probleme und Lösungen zu veranschaulichen, bedient sich der Autor eines Bildes, das sich durch das ganze Buch hindurch zieht: Hochebenen in den Bergen. Bei der Wanderung durch die Geschichte wurden bereits zwei solcher Plateaus erreicht: das erste sieht er im frühen Kapitalismus, dessen Entwicklung durch die Industrialisierung begünstigt wurde. Da diese Wirtschaftsform irgendwann nicht mehr den gesellschaftlichen Umständen entsprach, begann der Aufstieg zu einem zweiten Plateau, der Sozialen Marktwirtschaft, die zwar immer noch kapitalistisch geprägt ist, aber Verfeinerungen wie Mitbestimmung, Gewerkschaften und Kündigungsschutz aufweist.

Doch auch die Soziale Marktwirtschaft hat mittlerweile gravierende Schwächen offenbart, die behoben werden müssen. Grassmann findet, dass es allerhöchste Zeit sei, zur nächsten Ebene aufzubrechen, auch wenn der Aufstieg von unten schwierig aussieht. Dieses dritte Plateau ist die werteorientierte Marktwirtschaft, in der sich Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg nicht mehr widersprechen. Wie diese vorerst letzte Entwicklungsstufe aussehen soll und wie sie erreicht werden kann, ist das Thema des Buches.

Reformbedarf der Politik

Grassmann ist klar, dass viele Probleme wie Klimawandel und Staatsverschuldung mittlerweile erkannt sind. Doch es wird nicht effektiv an ihrer Lösung gearbeitet und den Grund hierfür sieht Grassmann in den Institutionen der Sozialen Marktwirtschaft. Sie vermögen es teilweise nicht, Anreize zu nachhaltigem Wirtschaften und Regieren zu setzen; häufig ist genau das Gegenteil der Fall. Ein weiterer Aspekt, der eine Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit hemmt, ist die zunehmende Professionalisierung in der Politik. Da die gewählten Volksvertreter immer häufiger auch finanziell von ihrem Mandat abhängig sind, schaffen sie es häufig nicht, auch unangenehme, aber dafür langfristig sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Vielmehr treffen sie Entscheidungen, die ihre Chancen auf eine Wiederwahl maximieren.

Die beiden wichtigsten und grundlegendsten institutionellen Änderungen, die Grassmann fordert, sind Zukunftsräte und das Bürgervotum. Unter Zukunftsräten versteht er Institutionen, in denen – je nach Branche – die entscheidenden Unternehmensverbände, NGOs, Politiker etc., also möglichst das gesamte Meinungsspektrum, vertreten sind. In diesen Gremien, die mit „Fachwissen, Einblick und Zähnen“ ausgestattet werden müssen, um zu funktionieren, käme ein wertvoller Dialog in Gange, aus dem innovative Lösungen entstehen könnten.

Auch findet er, dass die Bürger neben der Wahl der Regierung deutlich mehr Mitspracherecht haben sollten. Volksabstimmungen auf Bundes- und Europaebene könnten den Politikern helfen, in grundsätzlichen Fragen im Sinne der Bürger zu entscheiden. Zudem hätten die Berufspolitiker mit dem Ergebnis eines solchen Referendums auch Argumente für schwierige Entscheidungen wie zum Beispiel Steuererhöhungen in der Hand. Grassmann betont, dass dieses Verfahren nur ein Richtungsvotum sein könne, das die groben Vorstellungen der Bürger widerspiegelt, und das bei konkreten Fragen wenig sinnvoll sei. Um die Bevölkerung nicht mit zu vielen Abstimmungen zu überfordern, sollte dieses Instrument auch höchstens zweimal im Jahr eingesetzt werden.

Vom Boss für die Bosse?

Insgesamt ist Grassmann mit Plateau 3: Zukunft vererben ein gut lesbares Buch gelungen, das eine Menge interessanter Ideen enthält. Allerdings bleibt die Umsetzbarkeit dieser Ideen auch nach der Lektüre unklar. Woher soll etwa die Motivation für Wirtschaftsbosse oder Politiker kommen, einen Großteil ihrer Macht an Zukunftsräte oder Bürgervoten abzugeben? Auch die Durchführung eines Bürgervotums auf Europaebene stellt sicherlich eine außerordentliche organisatorische Herausforderung dar. Zudem ist klar, dass die Einsetzung von Zukunftsräten einen deutlichen Zuwachs an Bürokratie zur Folge hätte, was allgemein und auch von Grassmann als eher lähmend empfunden wird.

Trotzdem hat das Buch zwei Stärken: Zum einen entspricht Grassmanns Art zu argumentieren womöglich eher dem Geschmack von Wirtschaftsbossen oder Politikern, da er selbst aus diesem Bereich kommt. So hat dieses Buch vielleicht eher die Chance, an prominenter Stelle zur Kenntnis genommen zu werden, als dies bei vergleichbaren Büchern anderer Autoren der Fall wäre. Zum anderen lenkt das Buch die Gedanken eines jeden Lesers auf gewichtige Probleme unserer Zeit. Die Gedankenexperimente von Grassmann regen zu selbstständigem Nachdenken an.

Grassmann, Peter H.,
Plateau 3: Zukunft vererben. Werteregulierte Marktwirtschaft und Bürgerdemokratie
(2007), Hamburg, Murmann Verlag,
224 Seiten, ISBN 978-3-86774-007-4, 18 Euro


Die Bildrechte liegen beim Murmann Verlag (Cover) oder sind gemeinfrei (Briefmarke).


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