Weiß-blaue Seele, grünes Gewissen

Sepp Daxenberger, der Spitzenkandidat der Grünen im bayerischen Landtagswahlkampf vereint viele Gegensätze in sich: Bauer und Bürgermeister, grün, wertkonservativ und bodenständig. Er macht die Grünen für die ländliche Bevölkerung attraktiv. Vor der Wahl sprach er über mögliche Koalitionen, menschliche Qualitäten in der Politik und seine Krebserkrankung. Ein Interview von Amelie Roth

Sepp Daxenberger war von 1996 bis 2008 hauptamtlicher Bürgermeister von Waging am See und damit der erste grüne Bürgermeister Bayerns. Seit 1984 ist er ununterbrochen Mitglied im Kreistag des Landkreises Traunstein. Von 1998 bis 2003 war er Mitglied des Bezirkstags von Oberbayern, von 1990 bis 1996 Mitglied des Bayerischen Landtags. Der ausgebildete Bauer und Schmied wurde 1962 geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit 2002 ist er Landesvorsitzender der bayerischen Grünen. Auf der Landesdelegiertenkonferenz in Weiden 2006 wurde er mit 92,5 Prozent für weitere zwei Jahre im Amt bestätigt. Für die Landtagswahl 2008 wählten ihn 93 Prozent der Delegierten zum Spitzenkandidaten.

/e-politik.de/: Herr Daxenberger, mit Ihnen haben die bayerischen Grünen ein neues Gesicht bekommen. Sie sind der Spitzenkandidat mit „weißblauer Seele und grünem Gewissen“. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Sepp Daxenberger: Ich bin vom Typ her einfach einer, der sehr kommunikativ ist. Ich war jetzt zwölf Jahre Bürgermeister in meiner Heimatgemeinde und bin als Person gewählt worden. Wenn man für die Menschen Politik macht, ist es wichtig, dass man die Menschen auch gern haben muss. Man muss den Menschen zeigen, dass man sie sympathisch findet und dass man für sie da ist und nicht umgekehrt. Was hilft einem das beste Programm, wenn man selber ein Arschloch ist? Das kann man schlecht lernen. Entweder man hat es oder man hat es nicht. Natürlich kann man sich manche Geschichten antrainieren, aber wenn man so griesgrämig durch die Landschaft zieht und nur dann, wenn jemand da ist, der einen wählen könnte, ein freundliches Gesicht macht, das kommt nicht an.

Im Wahlkampf muss man interessiert auf die Menschen zugehen./e-politik.de/: Haben Sie nicht Angst, dass Sie Profil verlieren, dadurch dass Sie so stark auf die Menschen eingehen? Sie haben sich gegen den Kruzifix-Beschluss der Grünen gestellt, weil dieser im Land auf große Ablehnung gestoßen ist.

Sepp Daxenberger: Das ist für mich eine grüne Position. Ich bin deswegen zu den Grünen gegangen, weil ich auch genau dort meine christlichen Werte gesehen habe, nämlich Erhalt der Schöpfung, Solidarität, Gerechtigkeit, Achtung der Menschenrechte. Ich bin ein Christ und deswegen brauche ich mich nicht verbiegen. Es ist wichtig, dass es bei den Grünen auch eine andere Position gibt, aber ich bin nicht der Meinung, dass das eine Mehrheitsposition ist. Ich kämpfe für eine Mehrheitsposition, die sagt, Religiosität ist den Menschen wichtig, wir müssen die Religiosität der Menschen achten und respektieren, aber der Staat hat sich neutral zu verhalten.

Wenn wir sagen, der Staat garantiert die Religionsfreiheit, heißt das nicht, dass wir frei von Religion sein müssen. Alle Menschen haben irgendeine Religion. Für den einen ist es ein besonderer Stein, den er um den Hals hängt, für den anderen ein Kopftuch, für den dritten das Kruzifix. Die Diskussion wird bei den Grünen weitergeführt werden. Ich habe gesagt, dass mir der Beschluss nicht passt, weil ich mich sonst verbiegen würde. Ich sehe mich nicht als die wandelnde Partei.

/e-politik.de/: Wie hat sich der Wandel in Bayern vollzogen, der bewirkt hat, dass die Grünen jetzt auch für Bauern oder in ländlicheren Gegenden wählbar sind und nicht nur für die linke Stadtbevölkerung?

Sepp Daxenberger: Die Grünen sind nach wie vor eine Partei, die vor allem aus der Stadt kommt. Das ist auch in Ordnung, wir haben in der Stadt gute Ergebnisse, die wollen wir auch behalten. Es ist aber inzwischen so, dass die ländliche Bevölkerung merkt, dass unsere Politik auch für sie gut ist, dass Gentechnikfreiheit den Menschen nützt, dass Nachhaltigkeit wichtig ist, naturnahe Landwirtschaft. Die Bauern merken, dass es nicht gegen sie gerichtet ist, sondern für sie ist. Natürlich ist die Wahl eines Sepp Daxenbergers zum Spitzenkandidaten auch ein Zeichen dafür, dass wir uns auch noch mehr öffnen wollen. Ich bin einer vom Land, ich bin Bauer und Handwerker. Das haben wir jetzt nicht extra so geplant. Ich bin mit 93 Prozent zum Spitzenkandidaten gewählt worden, insofern steht die Partei auch hinter mir.

/e-politik.de/: Wenn es zu einer Koalition zwischen Grünen, SPD, FDP und Freien Wählern kommen würde, wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten einer solchen Verbindung ein?

Alles sei erotischer, als die CSU weiterregieren zu lassen, meint Daxenberger.Sepp Daxenberger: Wenn die CSU alleine nicht mehr regieren kann, dann gibt es eine Mehrheit jenseits der CSU und für die kämpfe ich. Aber ich sage auch, besonders erotisch ist das nicht: eine SPD, wo man das Gefühl hat, man hat einen Jagdhund, den man zum Jagen tragen muss; eine FDP, die seit 15 Jahren nicht mehr im Landtag ist und mit ihrer Wirtschaftliberalität den Staat schwächen will, und die Freien Wähler, bei denen man eigentlich gar nicht weiß, wo sie stehen, die kein Programm, nur ein paar Personen haben. Aber alles ist erotischer, als die CSU weiterregieren zu lassen. Ich glaube schon, dass es funktioniert.

Ich bin optimistisch, dass auch ein buntes Regenbogen-Bündnis zusammenbringbar ist. In der Bildungspolitik sind wir alle relativ auf einer Linie und da es ureigenste bayerische Landeskompetenz ist, lässt sich da auch schnell was machen. Wir müssen einen gemeinsamen Nenner finden, zum Beispiel die bürgerlichen Freiheitsrechte mit der FDP und die Stärkung der Kommunen mit den Freien Wählern. In der Wirtschaftspolitik wird es sicherlich schwerer werden, wobei man sagen muss, dass die großen Entscheidungen hier nicht auf Landesebene getroffen werden, sondern in Berlin. Wir machen keine Steuerpolitik, wir entscheiden nicht über Laufzeitverlängerungen in der Atomenergie. Die Frage ist wohl eher, ob es klappt. Denn selbst wenn die CSU nicht mehr alleine regieren kann, tut ja die FDP momentan so, als würde sie sich am liebsten schon morgen mit der CSU ins Bett legen. Die bieten sich an, wie sich das unschuldige Mädchen den Vampiren zum Zubeißen hinlegt.

/e-politik.de/: Das tun Sie ja nicht. Die Grünen haben da ein klare Position: keine Koalition mit CSU oder der Linken. Welche Gründe gibt es dafür?

Sepp Daxenberger: Bei den Linken gehe ich davon aus, dass sie nicht in den Landtag kommen. Wenn sie reinkommen, haben sie das Erwin Huber zu verdanken, der ja momentan Wahlkampf für sie macht. Wir glauben, dass es mit den Linken nicht funktioniert, weil sie sagen, dass sie Opposition machen wollen. Inhaltlich mögen wir zwar ähnliche Positionen haben, wobei die Linken immer noch eins draufsatteln müssen. Es ist diese „Freibier-für-alle“-Mentalität, die mir widerstrebt. So einfach ist es nicht, man kann den Leuten nicht einfach nur mehr versprechen. Im ökologischen Bereich haben die Linken viele unserer Punkte einfach abgeschrieben. Sie haben auch für Bayern kein eigenes Programm, sondern leben von diesem Bundestrend der Unzufriedenheit der Menschen.

/e-politik.de/: Sie haben eine längere Krankheit hinter sich. Wie sind Sie damit umgegangen und haben Sie noch gesundheitliche Probleme, die Sie im Wahlkampf beeinträchtigen?

Sepp Daxenberger: Ich war sechs Monate mehr oder weniger im Krankenhaus, ich hatte Phasen in denen ich nicht einmal mehr alleine auf Toilette gehen und aufstehen konnte. Vier Monate künstliche Ernährung, da hat mich einfach nichts mehr interessiert. Manchmal denkt man sich auch: Wenn ich jetzt einschlafe und nicht mehr aufwache, ist mir das auch Recht. Ich denke, in erster Linie ist es die Familie, die einem hilft. Ich habe drei Kinder, die brauchen einen Vater, und dass man sich nicht einfach umlegt und sagt „Jetzt is a Ruah“, das ist klar.

Aber ich glaube auch, dass die Politik für mich immer wichtig war. Wie es wieder ein bisschen besser geworden ist, wollte ich gleich wieder ins Rathaus, gleich wieder aktiv sein. Die Politik ist für mich auch eine Art Therapie gegen den Krebs, denn der ist nicht geheilt, sondern nur gestoppt und ich habe keine Zeit mich ständig ins Krankenhaus zu legen und herumzujammern. Ich habe Probleme bei körperlichen Anstrengungen, bei schweren Arbeiten auf meinem Hof, im Wald, oder beim Bergsteigen. Das kann ich nicht mehr, ich kann mich kaum mehr plagen. Aber so ein politischer Tag, von der früh um acht, bis nachts um zwölf, das macht mir eigentlich nichts.

/e-politik.de/: Herr Daxenberger, vielen Dank für das Gespräch.


Die Bildrechte liegen bei Sepp Daxenberger


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