Verleger zwischen Sentimentalität und Härte

Axel Springer war der bedeutendste Verleger der Bundesrepublik Deutschland. Adenauer-Biograf Hans-Peter Schwarz hat dem umstrittenen Medienmagnaten eine Biografie gewidmet, die sehr kenntnisreich ist, aber auch zeigt, dass Springer und Schwarz in vielerlei Hinsicht eines Geistes Kind sind. Von Christoph Rohde

Hans-Peter Schwarz hat mit Axel Springer – Die Biografie ein monumentales Werk vorgelegt, das die persönlichen und politischen Extravaganzen des Medienfürsten lebendig werden lässt. Springers Leben verläuft parallel zur Entwicklungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Sein Aufstieg hängt mit dem Wirtschaftswunder ebenso eng zusammen wie sein Fall mit der Infragestellung traditioneller Werte zu Ende der 60er-Jahre.

Eine wissenschaftliche Lücke

Die Person Axel Springer war naturgemäß häufig im Fokus publizistischer Aufmerksamkeit. Allerdings waren diese Werke oftmals mehr eine Antwort auf Springers polarisierende Persönlichkeit als Untersuchungen, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würden. Ausnahmen bilden lediglich Arbeiten von Hans-Dieter Müller (Der Springer-Konzern) und Michael Jürgs Porträt Der Fall Springer. Schwarz ist ausgewiesener Fachmann im Bereich politischer Biografien, dennoch weist auch sein neues Werk offenkundige Schwächen auf.

Ein Angepasster in der NS-Zeit

Springer, Sohn eines Verlegers aus dem damals noch selbstständigen Altona, wuchs bereits an der Druckerpresse auf. Er lernte im Verlag Hammerich & Lesser, den sein Vater aufgekauft hatte, das Handwerkszeug, das ihm später half, ein erfolgreicher Verleger zu werden. Die Nazi-Zeit überstand er als Opportunist, der sich durchwand und mit Hilfe faktischer oder eingebildeter gesundheitlicher Beeinträchtigungen dem Militärdienst entgehen konnte.

Gegen Springer spricht auch die Tatsache, dass er sich im Jahre 1938 von seiner halbjüdischen Frau Martha Else Meyer trennte – „aus Karrieregründen“, mutmaßt der Biograph. Seine Energie steckte Springer dafür exzessiv in ein umtriebiges, von Frauen dominiertes Privatleben, das in einer Handvoll Ehen und unzähligen Affären endete.

Beruflich hingegen wusste Axel Springer genau, was er wollte. In beeindruckender Weise antizipierte er die Entwicklungen in Deutschland nach dem Krieg und stellte seine verlegerischen Ziele darauf ein, wie Schwarz zeigt. So hortete er knappe Papierreserven in einem Versteck in der Lüneburger Heide, um gegenüber potenziellen Konkurrenten nach dem Krieg im Vorteil zu sein. Diese Kalkulation ging auf. Ebenso gelang es dem smarten Jungunternehmer, die Deutschland feindlich gesonnenen Briten, die in Hamburg für die Lizenzierung von Zeitungen zuständig waren, für seine Pläne zu gewinnen. Ein entscheidender Vorteil!

Hamburger Abendblatt, Bild und Welt sowie die richtigen Leute um sich

Mit dem Hamburger Abendblatt begann der verlegerische Aufstieg Springers. Seine ökonomische Leistung von Mitte der 40er- bis Anfang der 60er-Jahre sind die eigentliche Glanzzeit Springers. Er schaffte es, durch kreative Formate dem Geschmack des hungrigen Wirtschaftswunder-Publikums zu entsprechen, auch mit Magazinen wie HÖRZU, die zu wahren Geldmaschinen wurden und das Kapital für weitere Käufe, unter anderem die Welt, einbrachten. BILD war zunächst ein rein opportunistisches Blatt, das – wie es der Name sagt – mit Bildern und einfachen Botschaften die Käufer erreichen wollte.

Der Aufstieg Springers war in hohem Maße auch seiner Fähigkeit zu verdanken die richtigen Menschen für seine Ziele zu gewinnen, deren Rolle von Schwarz auch gebührend in Rechnung gestellt wird. Am Anfang war Karl Andreas Voss, der Geschäftsführer der das Geld verwaltete, von existenziell wichtiger Bedeutung. Eduard Rhein, der erste Chefredakteur der Hörzu, erweiterte die Produktpalette des Hauses Springer durch immer neue, aber auch realistische Konzepte.

Hans Zehrer, der Chefredakteur der Welt, war ein beeindruckender Leitartikler mit allerdings zweifelhafter Vergangenheit. Später waren es die Topmanager Christian Kracht, der Vater des bekannten Literaten gleichen Namens, und Peter Tamm, die den Konzern finanziell schadlos auch durch politisch unruhige Zeiten steuerten. Interessant ist jedoch auch, wie schnell Springer seine Vertrauenspersonen fallen ließ, wenn sie ihm zu nah kamen.

Der politische Wendehals

Springer stammt eigentlich aus einem sozialdemokratischen Haus und hielt diese Überzeugung auch lange Zeit aufrecht. Besonders deshalb, weil die SPD unter Kurt Schumacher viel mehr für eine potenzielle Wiedervereinigung tat als der realpolitisch handelnde Adenauer, der der Westintegration den klaren Vorzug vor einer wie auch immer gearteten Wiedervereinigung gab.

Springer, der seine politische Möglichkeiten nach Einschätzung des Autors weit überschätzte, fuhr im Jahr 1958 zu Nikita Chruschtschow, um ihm „seinen“ Wiedervereinigungsplan vorzulegen; er schlug alle Warnungen aus seinem Umfeld in den Wind. Chruschtschow betrachtete das Gespräch mit Springer als gewöhnliches Interview und wenige Tage nachdem ihm Springer seine „Pläne“ offeriert hatte, stellte er sein aggressives Berlin-Ultimatum. Schwarz hält diese Demütigung für den Beginn des strikten Anti-Kommunismus, dem sich der Verleger von nun bis zu seinem Lebensende verpflichtet fühlen sollte.

Das Schicksalsjahr 1968

In Bezug auf den Kampf der 68er-Bewegung gegen Springer stellt der Autor (Foto links) den Verleger einseitig als Opfer dar. Er unterlässt es, die Berichterstattung der Springer−Zeitungen vor und nach der Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 genauer zu untersuchen. Hätte er es getan, so hätte er erkennen können, dass die Anti-Springer-Kampagne keineswegs grundlos war. Das BILD-Hochhaus in der Kochstraße wurde bekanntermaßen das Ziel eines RAF-Anschlages und Springer musste ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem Lebensende mit mehreren Leibwächtern leben. Schwarz stellt klar heraus, dass Springer auch in den Zeiten, in denen es unpopulär war, an der Wiedervereinigung als Lebensziel festhielt. Ebenso spannend ist die Darstellung seiner intimen Beziehung zu Israel, die sich in zahlreichen Reisen ins Heilige Land und in einer intensiven Sponsorentätigkeit in Israel äußerte.

Die religiöse Dimension seines Daseins

Brillant stellt der Adenauer-Biograf die irrationalen Seiten des erfolgreichen Verlegers dar. Seine zügellose Leidenschaft für Frauen – immerhin fünf Ehen wurden von zahlreichen Seitensprüngen begleitet – stand in klarem Widerspruch zu seinen christlich-religiösen Anwandlungen, die sich Ende der 50er-Jahre in apokalyptischen Ängsten äußerten. Je älter Springer wurde, desto wichtiger wurde die religiöse Dimension in seinem Dasein. Er studierte theologische Schriften und hatte gute Beziehungen zum deutschen Klerus. Harmoniesucht im Privaten koexistierte in Springers Wesen mit Schonungslosigkeit im beruflichen Umfeld – Frömmigkeit und Luxusleben konnten ebenso miteinander versöhnt werden wie die Liebe zu Israel und eine Großzügigkeit gegenüber ehemaligen Nazigrößen.

Detailreich und psychologisch einfühlsam, aber…

Schwarz beschreibt Springer als einen „Mann mit vielen Gesichtern“. Es ist die erste Biografie über den deutschen Großverleger, die einen wissenschaftlichen Anspruch einzulösen vermag. Die Geschichte des Kalten Krieges beherrscht der Historiker Schwarz natürlich perfekt. Aber gerade deshalb wird die Biografie so lang und detailgetreu, dass der Leser hochgradig historisch und medienpolitisch interessiert sein muss, um am Ball zu bleiben. Doch die psychologische Latenz und die inhaltliche Tiefe überzeugen. Allerdings verteidigt Schwarz einige fragwürdige politische Standpunkte Springers in zu einseitiger Weise und outet sich damit als sehr konservativer Denker. Für zeitgeschichtlich Interessierte, Historiker und Journalisten ist dieses Werk ein Muss. Für ein breiteres Publikum sollte jedoch eine kürzere Version veröffentlicht werden.

Schwarz, Hans-Peter Schwarz,
Axel Springer – Die Biografie,
(2008), Berlin, Propyläen Verlag,
736 S., ISBN-10: 3549072465. Euro 26,00


Die Bildrechte liegen beim Propylaen Verlag. Der Verlag im Internet.


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