Typisch deutsch?

Wir Deutschen sind gar nicht so anders als unsere Nachbarn. Viele auswärtige Einflüsse bereicherten unsere Kultur, wie auch diese auf die angrenzenden Volkskulturen einwirkte. Alexander Demandt führt kenntnisreich durch die Kulturgeschichte unseres Landes und zeichnet dabei das Bild beruhigender Normalität. Von Andreas Morgenstern

„Diese Nation gibt sich gern Rechenschaft von dem, was sie tut.“ – mit diesem Goethe-Zitat setzen Alexander Demandts kulturgeschichtliche Studien Über die Deutschen ein. Man mag sich fragen, warum dieses scheinbar endlos große Genre einer Selbstbespiegelung der Deutschen und ihrer Nation nun auch noch von dem Althistoriker Alexander Demandt bedient werden muss. Jede noch so verstecke Ecke des eigentümlichen oder vielleicht auch klischeehaft typischen Deutschseins scheint inzwischen ausgeleuchtet. Man ist also versucht, das Buch ein wenig gelangweilt zur Seite zu legen. Das wäre aber ein Fehler.

Um es vorwegzunehmen: Demandt gelingt mit seinem Band tatsächlich ein großer Wurf. Anhand von 14 teilweise gegensätzlichen Begriffspaaren (wie „Krieg und Frieden“ oder „Stadt und Land“) aber auch mit sich ergänzenden Ausdrücken (Land und Leute, Haus und Familie) und sogar dem Duo „Frauen und Liebe“ steckt er ein breites Feld ab, beweist dabei gerade seine herausragenden Kenntnisse frühester Geschichte und beschreibt so recht plastisch die Geschichte unserer Vorfahren, spannt dabei aber stets den Bogen zur Gegenwart. Demandt ist sich, vielleicht im Unterschied zu manch anderem Autor, auch der Problematik seines Themas bewusst, wenn er Kultur als „Allerweltswort“ bezeichnet, zugleich aber an diesem festhält, denn „Kulturerzeugnisse sind nationale Identitätssymbole“, die sich inzwischen sogar zum Wirtschaftsfaktor gemausert haben.

Traditionen bestehen fort

Immer wieder staunt man, welche Kontinuitäten das Land trotz seiner unterschiedlichen Bevölkerung und innerhalb sich wiederholt verschobener Grenzen prägten und prägen. Besonders deutlich wird dies in einem Bereich, der in der globalisierten Welt mit am stärksten bedroht scheint: unserer Sprache. Wie oft wurde der Rhein als „deutscher Fluss“ besungen, sein Name stammt dennoch aus dem Keltischen, die Schreibweise deutet es noch an.

Apropos Kontinuitäten und Rhein: Den Bau des unter Ministerpräsident Franz Josef Strauß eröffneten Rhein-Donau-Kanals über den Main begann einst Karl der Große. Bei dieser quasi über tausendjährigen Entstehungszeit fallen die Jahrhunderte der Errichtung eines deutschen Wahrzeichens wie dem Kölner Dom kaum noch ins Gewicht. Der soll übrigens für Goethe neben der Marienburg, dem Wiener Stephansdom und dem Straßburger Münster einen der vier Wachtürme an den Grenzen dargestellt haben. Alle vier stehen noch heute, jetzt aber in vier verschiedenen Ländern. Auch das sagt einiges über uns Deutsche und unsere wechselvolle Geschichte aus.

Werte wandeln sich

Neben Kontinuitäten treten allerdings auch Brüche, die sich letztlich weniger auf Landkarten als im Alltagsleben ausdrücken. Wer erinnert sich nicht an die in Schillers „Lied von der Glocke“ besungenen Tugenden? Aber wie oft ist heute das darin vertretene Ideal eines Handwerkerstolzes, verbunden mit einem glücklichen Familienleben innerhalb klar verteilter Rollen, noch Realität? Im Gegenteil, derlei romantische Vorstellungen werden heute oftmals belächelt, wem fiele hier nicht die aktuelle familienpolitische Debatte ein. Kampfbegriffe à la „Herdprämie“ kreisen durch die Medien. Von einer Idylle, die es selbstverständlich zu keiner Zeit gab, sind wir weit entfernt. Und doch können wir von Demandt erfahren, dass „märchenhaft“ ein typisch deutsches Wort ist. Zipfelmütze und Pickelhaube standen über viele Jahre nebeneinander. Dieses Land prägten im Wandel auch stets seine Unterschiede.

Scheinbar fand die romantisch verklärte ländliche Gesellschaft mit dem Aufbrechen der sozialen Frage im 19. Jahrhundert ihr Ende. Die Städte verwandelten in kurzer Zeit ihr Antlitz, uns heute wertvoll erscheinende Bausubstanz – erinnert sei an die historischen Stadtmauern – fiel vielerorts einem „Verschönerungsvandalismus“ zum Opfer. Bausünden, Abriss und Neu- oder Wiederaufbau zogen sich nach 1945 fort, wie in unseren Tagen die umstrittenen Schlossprojekte in Berlin und Braunschweig dokumentieren. Das ambivalente Verhältnis der Deutschen hierzu ist allerdings auch keine neue Erfindung. Demandt erinnert daran, dass unsere Ahnen Ludwig XIV. trotz seiner sinnlosen Verwüstungen in Südwestdeutschland für seine Kulturleistungen bewunderten. So zeugen die Veränderungen des Aussehens unserer Städte von tiefergreifenden Umgestaltungen, tief in unserer Gesellschaft.

Vielfalt deutscher Landschaften

Der prägende Moment deutscher Kulturgeschichte ist allerdings ihre Entwicklung in und durch eine gegliederte Landschaft, getragen von einer Vielfalt deutscher Stämme. Diese erfuhren in unterschiedlicher Intensität eine Beeinflussung durch Nachbarkulturen, auch die der „Abspaltungen“ wie die Niederlande und die Schweiz. Insbesondere galt dies für den Westen – Frankreich und der romanischen Sprache verdanken wir eine bunte Palette an Kulturgütern von der heute scheinbar typisch deutschen Roulade bis zum Begriff Maschine. Eines dieser Geräte, die Uhr, verbreitete sich ab dem 16. Jahrhundert und legte so das Fundament für eine der sprichwörtlich deutschen Tugenden, die Pünktlichkeit. Im Osten beeinflusste die deutsche Kultur die Nachbarn. Ein beständiger Faktor blieb die Begeisterung für die römische Geschichte, die sich später in einer noch heute verbreiteten Italiensehnsucht revitalisierte.

Demandts häufige Beschreibung der Einflüsse aus den Nachbarländern zeigen, dass sich Leben und Umfeld der Menschen wenig von den Verhältnissen jenseits der Grenzen unterschieden. Und dennoch, im Land herrschte, nicht zuletzt aufgrund der ungünstigen Binnenlage, oft ein Hauen und Stechen. Selbst der Ewige Landfriede von 1495 hielt nicht lange, der Dreißigjährige Krieg forderte die prozentual größten Opferzahlen und 1914 herrschte ein „politischer Massenrausch“, der den späteren Schöpfer der DDR-Hymne Johannes R. Becher zu den Worten verleitete: „Wir horchen auf wilder Trompetendonner Stöße, und wünschen herbei einen großen Weltkrieg“. Der endete mit dem Versailler Frieden, der „zu milde war, um einen neuen Krieg zu verhindern, aber zu hart, um den Frieden auf Dauer zu sichern“. Auf den nächsten Weltkrieg gegen Völker, mit denen man doch eigentlich fest verbunden war, folgte die Teilung, die keine Revolution beendete – so etwas hat das deutsche Volk für Demandt noch nie erfolgreich zuwege gebracht –, sondern vorbildlich disziplinierte Demonstranten, auch das eine deutsche Tugend, zum Einsturz brachten. Hier wird ersichtlich, dass Demandts Thesen zur Zeitgeschichte, insbesondere zur Rolle der Demonstranten von 1989, denen sein Urteil nicht gerecht wird, Widerspruch hervorrufen. Im Vergleich zu seiner Gesamtleistung fallen derlei Punkte aber kaum ins Gewicht.

Ein Land von beruhigender Normalität

So legt der Leser den Band schließlich mit dem Eindruck zurück, dass sich deutsche Eigenarten eher selten finden und dass das Land mit seinen Menschen geradezu beruhigend normal wirkt. So kann die Kultur unseres wiedervereinigten Deutschlands auch den Kontinent bereichern, wie sie das über die Jahrhunderte wiederholt verstand und wie sie auch selbst vielfach positive ausländische Einflüsse erfuhr. Eine rein deutsche Kultur hat es nie gegeben, so wird auch die Globalisierung bis hin zu ihren sprachlichen Auswüchsen nicht zu dem schon so oft beschrienen finis germaniae führen. Darüber darf man sich trotz Heinrich Heines „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“ doch einmal beruhigt zurücklehnen.

Demandt, Alexander,
Über die Deutschen, Eine kleine Kulturgeschichte,
(2007), 2. Auflage, Berlin, Propyläen Verlag,
496 Seiten, ISBN: 978-3-549-07294-3, 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Propyläen Verlag.


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