Sommer in Babel

04. Sep 2008 | von Fabian Busch | Kategorie: Europa
Wem die Einheit in Belgien wichtig ist, der bekundet das mit einer Fahne vor dem Fenster.
In Belgien ist man in diesem September so schlau wie im Jahr zuvor. Der geforderten Staatsreform sind Flamen und Frankophone keinen Schritt näher gekommen. Politiker und Medien profitieren von der politischen Krise. Was das Volk denkt, interessiert sie nur am Rande. Von Fabian Busch

Ganz verschwunden sind sie noch nicht. Vielleicht sind sie in den letzten Wochen sogar wieder ein wenig zahlreicher geworden. Wer im September aufmerksamen Auges durch belgische Städte geht, entdeckt sie an Blumenkästen, an Fensterbänken oder Balkongittern, die belgische Trikolore in schwarz-gelb-rot. Ein Volk ohne ausgeprägte nationale Identität entdeckt die Liebe zu seiner Flagge. Doch machen die Belgier das nicht aus Fußball-patriotischen Gefühlen wie in Deutschland, sondern aus der Sorge, dass ihr Land in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr existieren könnte.

Seit mehr als einem Jahr ist das Wort „Krise“ in Belgien in aller Munde. Flamen und Frankophone, die beiden größten Bevölkerungsgruppen, können sich nicht auf eine Reform der Verfassung einigen: Während die einen eine Reform für unabdingbar halten, um mehr Autonomie zu erlangen, würden die anderen am liebsten mit der jetzigen Verfassung weiterarbeiten. Die Flamen wollen mehr Autonomie und weniger Solidarität für den ärmeren, frankophonen Landesteil. Die französischsprachigen Belgier drängen auf eine handlungsfähige Bundesregierung und bezichtigen ihre Landsleute des Separatismus. Das ist übertrieben, doch ins Bild passte, dass die belgischen Fahnen in dieser Zeit vor allem im zweisprachigen Brüssel aufgehängt wurden, während sich Flandern in scheinbarer Gleichgültigkeit übte.

Ein Premierminister ohne Erfolg

Die Regierung unter dem Christdemokraten Yves Leterme (Foto unten links) trat gegen Ostern dieses Jahres an, bis zum Sommer einen Kompromiss zu finden. Beide Seiten verschafften sich damit lediglich eine Verschnaufpause und befürchteten wohl bereits, dass es so kommen sollte wie es kam. Am 15. Juli war Leterme der Staatsreform praktisch keinen Schritt näher gekommen und bot nach nur 116 Tagen im Amt seinen Rücktritt an. Wie erwartet lehnte der König das ab und verdammte den glücklosen Flamen zum Weitermachen. Doch während die wichtigsten Politiker im August in den Urlaub geflüchtet sind, kommt drei altgedienten Belgiern zunächst die Aufgabe zu, eine Lösung zu finden für die Frage, wer mit wem eine Lösung finden soll.

Der belgische Ministerpräsident Yves Leterme regiert seit März 2008.
„Sicherlich, wir gehen durch eine schwierige Zeit.“ Trotzdem, so der Politikwissenschaftler Kris Deschouwer von der Freien Universität Brüssel (VUB), habe sich der belgische Staat in den vergangenen Jahrzehnten zu seinem Vorteil entwickelt. Der Föderalismus hat viele staatliche Aufgaben auf die Regionen und Gemeinschaften übertragen – Aufgaben, die in der Bundesregierung für Streit und Sprengstoff gesorgt hätten. Doch muss der Flame zugeben, dass die Spaltung des Landes auch sein eigenes Berufsfeld bestimmt. Er zeigt mit dem Arm aus dem Fenster über den Campus. „Die französischsprachige Universität von Brüssel liegt direkt nebenan. Trotzdem ist es für uns einfacher, mit der Universität Leuven zusammen zu arbeiten.“ Die liegt fast 30 Kilometer von Brüssel entfernt, doch spricht man dort die gleiche Sprache wie in der flämischen VUB. Das „Babel an der Nordsee“ wird Belgien auch genannt. Laut dem alten Testament soll Gott die Menschen mit verschiedenen Sprachen gestraft haben, nachdem diese versucht hatten, in Babel einen Turm bis in den Himmel zu bauen. Kommunikationsschwierigkeiten sind auch in Belgien an der Tagesordnung.

Ein Volk ohne Vertrauen

Laut Umfragen nach den letzten Parlamentswahlen 2007 wollen trotzdem nur drei Prozent der Frankophonen und neun Prozent der Flamen eine Teilung Belgiens. Wie passt das zu den belgischen Politikern, die sich in Gehässigkeiten gegen die jeweils andere Sprachgruppe geradezu überbieten, aber auch zu den Wahlergebnissen, die separatistische Parteien in Flandern immer wieder glänzend dastehen lassen? Möglicherweise hat sich das Volk einfach zu weit entfernt von seiner politischen Klasse, die ihm jahrzehntelang in erster Linie regelmäßige Skandale bescherte. Nur jeder zehnte Belgier bezeichnet sich als politisch interessiert. Doch wer von der verfahrenen Situation und von gegenseitigen Feindbildern profitiert, das sind die Medien.

Feindbilder und Lichtblicke

Belgischer Zynismus: Aus dem Wahlspruch „L’union fait la force“ (Einigkeit macht stark) wird, frei übersetzt „Die Zwiebel spielt den Streich“.
Flämische wie frankophone Zeitungen und Fernsehkanäle schreiben und filmen fleißig mit am Bild ihres Landes: Zu diesem Bild gehören die Frankophonen, von denen weniger als 20 Prozent des Niederländischen mächtig sind, immerhin Sprache der Bevölkerungsmehrheit ihres Landes. Dazu gehören Gemeinderatssitzungen im Brüsseler Vorort Kraainem, in denen es zu Handgreiflichkeiten kommt, wenn Ratsmitglieder es wagen, Französisch zu sprechen. Da sind auch die zahlreichen Wirte in Flandern, die Schilder vor ihren Gaststätten anbringen, auf denen steht: „Hier wird kein Französisch gesprochen“. Und die alle Gäste vor die Tür setzen, die es doch versuchen. All das ist Belgien.

Doch auch das ist Belgien: Der unbekümmerte, man könnte auch sagen schludrige Lebensstil und das Misstrauen gegenüber aller Obrigkeit, beides kennzeichnend für Flamen wie Frankophone gleichermaßen. Da ist der flämische Verkäufer in der Frittenbude, der mühelos ins Französische wechselt, wenn ein Gast ihn mit einem vorsichtigen „Bonjour“ begrüßt. Und schließlich ist da das Fenster am Marktplatz von Brügge in diesem Sommer, hier im tiefsten Flandern, an dem sie auch weht: die belgische Trikolore.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Fahne und Schriftzug), bzw. bei DC Flanders und unterliegen einer Creative Commons-Lizenz (Yves Leterme).


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2 Kommentare
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  1. Die frankophonen Belgier nennt man gemeinhin Wallonen und ihren Landesteil Wallonien.

    Die Anzahl der Flaggen hat in meinen Augen nach dem Nationalfeiertag sehr schnell wieder abgenommen. Da halte ich deine These echt für gewagt.

  2. Der Begriff Frankophone (francophones/franstaligen) fasst in Belgien einerseits die Wallonen und andererseits die französisch sprechenden Brüsseler (die sich nicht als Wallonen verstehen) zusammen.
    Spricht man in Belgien von den beiden Sprachgruppen, ist daher die Bezeichnung Frankophone üblicher als Wallonen.

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