Nachhaltig gestörtes Systemvertrauen

Welche Folgen hat die Bankenkrise für die gesellschaftliche Stabilität in Deutschland? „Marktwirtschaft in der Vertrauenskrise“ lautete der Titel einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing, bei der sich Wirtschaftswissenschaftler und Manager über diese Frage Gedanken machten. Von Christoph Rohde

Am Starnberger See wurde an zwei herrlichen Herbsttagen ein ernsthaftes Thema diskutiert: Tagungsleiter Martin Held von der Evangelischen Akademie eröffnete die Tagung mit der Frage, welche konstruktiven Lehren zur Stärkung der Marktwirtschaft aus dieser Krise gezogen werden könnten. Eine berechtigte, aber verfrühte Frage, da die gesamten Auswirkungen der Krise für die Finanz- und Realwirtschaft noch gar nicht bekannt sind.

Die Gefahren der Finanzmärkte

Thomas Gehrig, Professor an der Universität Freiburg, vertritt die These, dass viele der Krisensymptome der gegenwärtigen Bankenkrise bereits in vorigen Krisen sichtbar geworden seien. Jede Krise führe zu einer Infragestellung des bis dahin akzeptierten Ordnungssystems. Gehrig glaubt, dass die Bankenkrise von 2008 von ihrer Dimension her nicht mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 verglichen werden könnte. In einer historischen Darstellung zeigt der Spieltheoretiker, dass die Entwicklung der Finanzmärkte zu einem erheblichen Wohlfahrtsgewinn weltweit geführt habe – trotz regelmäßig auftretender Finanzkrisen wie den Währungskrisen in Asien (1997), Russland (1999) oder dem Zusammenbruch des Neuen Marktes (2000).

Insgesamt sei die Volatilität des Aktiensreturns erheblich gesunken, weil erstens die Aktienmärkte viel liquider und stabiler und zweitens besser reguliert worden seien. Doch die Regelgeleitetheit des Handelns sei zuletzt verloren gegangen. In Bezug auf die Banken spricht Gehring von „kollektiver Selbstüberlistung“. Die Spezifika der gegenwärtigen Krise zeichnet er in einem Fünfschritt: Erstens einer langen Phase der Niedrigzinspolitik der Federal Reserve (FED), zweitens einer damit verbundenen Immobilienblase in USA, drittens der Verbriefung von Hypotheken niedriger Bonität (subprime), sowie viertens der Verschleierung der Haftungsrisiken über „innovative Finanzinstrumente, die keiner Bilanzierungspflicht unterlagen. Fünftens: Die Folge ist der totale Zusammenbruch des Intra-Banken-Handels.

Wissenssoziologische Probleme

Das Bedenkliche an dieser Krise, meint der Freiburger Wissenschaftler, ist der Umgang mit wissenschaftlicher Erkenntnis im Vorfeld. Warnungen angesehener Experten im Felde seien ignoriert oder sogar belächelt worden. In einer solchen Situation sei der Ruf nach einem starken Staat als Krisenmanager vernünftig, aber man dürfe sich keine Illusionen machen: Die Spieler im System respektive die Banken würden auch weiterhin Schlupflöcher suchen. Deshalb müsse das höchstmögliche Maß an Transparenz in einem reformierten Ordnungssystem vorherrschen. Ein Beispiel für den Missbrauch des Rettungsschirms stellt das Verhalten der Bank of America dar. Sie erhielt vom US-Staat 25 Milliarden Dollar Liquiditätshilfe, um diese zur Teilübernahme einer chinesischen Bank zu verwenden. Ein Witz!

Eine neue Unternehmensethik als Lösungsansatz?

„Warum treffen gute Manager schlechte Entscheidungen?“ Diese Frage stellte der Integrity & Compliance Manager der Novartis AG, Michael Fürst. Für ihn ist die nachgewiesene Zunahme an korruptem Verhalten bei Managern das Ergebnis fehlerhafter Anreizsysteme. Eine grundsätzliche Veränderung dieses Vertrauen zerstörenden Verhaltens könne nur über gezielte Anreize zu ethischem Verhalten erreicht werden. Mit Hilfe besonderer Auswahl- und Evaluationsverfahren, so Fürst, könnten Werte implementiert werden, die die moralische Integrität der wirtschaftlichen Eliten wieder herstellen können. Fürst glaubt, dies durch die Elemente vorbildhafter Führung, einer Gratifizierung ethischen Verhaltens und der Entwicklung einer speak-up-culture erreichen zu können.

Viele Diskussionsteilnehmer glauben jedoch nicht an eine Moralentwicklung per Blaupause, die auch jeglichen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen widerspricht. Wie Fürsts betriebliche Matrix zur Verbesserung verantwortlichen unternehmerischen Handelns die allgemeine Annahme „wer moralisch handelt, verliert“ überlisten kann, wurde nicht deutlich. Der Wiener Professor Erich Kirchler wies empirisch fundiert nach, dass auch die Bevölkerung vollständige steuerliche Ehrlichkeit als „Dummheit“ empfindet. Moralisches Handeln, so wurde deutlich, ist immer mit Klarheit, Transparenz und Einsichtigkeit von Regelwerken verbunden. Hieran mangelt es erheblich.

Die Rolle der Demoskopie in der Bankenkrise

Michael Sommer, Leiter der Fragebogenkonferenz des Instituts für Demoskopie in Allensbach, zeigte, dass die Bankenkrise nur eine Bestätigung dessen ist, was die Bevölkerung über die Stabilität der Marktwirtschaft denkt. Denn bereits seit 2005 – quasi mit der Einführung der Sozialgesetzgebung unter der Agenda 2010 – beginnt der Vertrauensschwund in die soziale Marktwirtschaft, deren sozialer Charakter anscheinend ausgehöhlt wurde.

Zwar ist naturgemäß das Vertrauen der Bevölkerung in ihr Wirtschaftssystem in Krisen relativ gering, jedoch wurde dieses Vertrauen auch im Aufschwung 2007 nicht wiederhergestellt. Denn 60 Prozent der Menschen äußern die Empfindung, dass der Aufschwung an ihnen persönlich vorbei gegangen ist. Die Eliten hingegen glauben weiterhin an die soziale Marktwirtschaft, aber auch 35 Prozent dieser Gruppe nehmen eine wachsende soziale Kluft im Lande wahr. Sommer versuchte zwar die Rolle der Demoskopie für die praktische Politik zu relativieren, aber es ist anzunehmen, dass das Konjunkturprogramm der Bundesregierung eine direkte Antwort auf diese schlechten Zahlen darstellt.

Sozialkapital als Voraussetzung für ökonomische Entwicklung

Professor Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln spricht im Zusammenhang mit der Bankenkrise von einer Mischung aus System-, Eliten- und Bürgerversagen. Die Krise sei das Resultat der Gleichung, dass die Kosten des Vertrauens höher seien als die des Misstrauens. Im Inter-Banken-Sektor hinterlegen die verängstigten Institute im Oktober die Rekordsumme von 240 Milliarden Euro an Einlagen – im Juli 2008 waren es noch 92 Millionen! Obwohl die Verzinsung bei der Zentralbank 0,5 Prozent unterhalb des Marktzinssatzes liegt, sind die Banken bereit, für ihr Misstrauen einen stolzen Preis zu bezahlen – und das trotz des Rettungspaketes der Bundesregierung.

Viel Sozialkapital, so Hüther, wurde zerschlagen. Denn wenn die informellen sozialen Netzwerke, implizite und explizite Normen und Regeln nicht mehr greifen, dann wird der soziale Austausch teuer, denn er muss vor allem mit Drohungen, Kontrollen und Sanktionen arbeiten. Die Transaktionskosten ökonomischen Handelns steigen erheblich an.

Haftungsregeln verbessern

Hüther sieht Handlungsbedarf in Bezug auf die Rekonstruktion echter marktwirtschaftlicher Regeln. Die Grundprinzipien marktwirtschaftlicher Ordnung, bestehend aus der Unverletzlichkeit individueller Verfügungsrechte, dem Privateigentum, der Vertragsfreiheit und der Verantwortlichkeit für das individuelle Handeln (Haftung) müssten stabilisiert werden. Gerade der Faktor Haftung sei mit Hilfe diffuser Produktinnovationen im Kapitalbereich ausgehebelt worden. Aus der Krise müsse ein institutionelles Design erwachsen, welches systemische Transparenz und individuelle ethische Standards in vernünftiger Weise miteinander verbinde.

In Bezug auf eine konkrete Ausgestaltung wagte sich Hüther nicht aus der Deckung. Die Banken müssen ihre Aufgabe wieder erfüllen und Unternehmen Kredite zur Verfügung stellen. Ansonsten droht die Abwärtsspirale einer Deflation, die nicht mehr mit makroökonomischen Steuerungsmitteln zu bekämpfen ist. Der Teufel ist dieser Situation wahrlich nur mit dem Beelzebub auszutreiben.

Wirtschaft und Gesellschaft sind untrennbar

Die Tagung verdeutlichte, dass es bedenkliche Risse zwischen politischen und ökonomischen Eliten einerseits und der Bevölkerung andererseits gibt. Nicht die Ungleichverteilung von Gütern per se sei das Problem, sondern eine als gravierend empfundene Chancenungleichheit in der Gesellschaft, so Thomas Gehrig. Und wer sich unfair behandelt fühlt, der ist kaum mehr bereit, gesellschaftliche Regeln zu befolgen. Die Abwärtsspirale hat tiefere Ursachen. Ein „Weiter So“ hilft da nicht weiter, sondern nur Reformen mit echter Durchschlagskraft. Ansonsten droht die Gefahr sozialen Unfriedens. Und wer dessen Folgen nicht kennt, sollte Heinrich Brünings Wirtschaftspolitik vom Anfang der dreißiger Jahre intensiv studieren.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Venus) dem Institut der deutschen Wirtschaft (Portrait Hüther) und bei Travel Aficionado (Frankfurter Skyline: flickr.com/ Creative-Commons-Lizenz).


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