Muammar al-Gaddafi – ein machtbewusster Exzentriker

Das Staatsoberhaupt Libyens ist eine der schillerndsten Figuren auf dem internationalen Parkett. Vom Terrorpaten zum begehrten Wirtschaftspartner, vom autoritären Diktator zum Dichter und Denker reicht das Spektrum, in dem sich der Führer Libyens bewegt. Wer ist dieser Mann? Von Jan Künzl

Muammar al-Gaddafi liebt die skurrile Selbstinszenierung. Er trägt bunte Fantasiekostüme und hat eine weibliche Leibgarde. Auf Staatsbesuchen campiert er gerne in seinem Beduinenzelt. Zu seiner Entourage gehört auch ein Kamel, das ihm frische Milch für sein Frühstück liefert. Berüchtigt ist der Revolutionsführer für seine Verwicklungen in Terroranschläge und die erbarmungslose Verfolgung von Dissidenten auch in europäischen Ländern. 38 Jahre dauert Gaddafis uneingeschränkte Herrschaft in Libyen bereits an.

Geboren wurde Muammar al-Gaddafi am 19. Juni 1942 im libyschen Sirt im bäuerlichen Milieu. Schon in seiner Schulzeit fiel er wegen Agitation gegen das Königshaus auf. Er studierte Jura und begann anschließend eine Offiziersausbildung, die teilweise in Großbritannien stattfand. In Anlehnung an die Revolution im Nachbarstaat Ägypten gründete Gaddafi den anti-monarchistischen Geheimbund der Freien Offiziere. Dieser Gruppe gelang es 1969 in einem unblutigen Putsch König Idris zu stürzen und die Macht in Libyen zu ergreifen.

Die ideologischen Säulen des Gaddafi-Regimes

Gaddafi gelang es schnell, seine Macht zu konsolidieren. Der Panarabismus, die zentrale Ideologie des arabischen Raumes in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, steht für Gaddafi im Mittelpunkt seiner Politik. Er betrieb immer wieder Initiativen zur politischen Vereinigung Libyens mit seinen Nachbarn, die jedoch samt und sonders scheiterten. Zu dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der großen Leitfigur des Panarabismus, unterhielt er sehr gute Beziehungen und inszenierte sich nach dessen Tod als sein Nachfolger. Die Reaktionen auf seinen Führungsanspruch in der Panarabischen Bewegung waren in der arabischen Welt jedoch eher verhalten. Sein impulsives Verhalten, seine Ungeduld und ein oft mehr als undiplomatisches Auftreten bringen regelmäßig die herrschenden Klassen der anderen arabischen Staaten gegen ihn auf. In jüngster Zeit hat Gaddafi, wohl enttäuscht von den Fehlschlägen, vom panarabischen Gedanken Abstand genommen. Stattdessen engagiert er sich für einen afrikanischen Integrationsprozess, zuletzt im Rahmen der Afrikanischen Union.

Das politische System hat Gaddafi komplett umgekrempelt. Das Ergebnis ist ein autoritäres Herrschaftssystem mit einem gehörigen Schuss Personenkult. Die libysche Gesellschaft hat er nach seinem Verständnis eines islamischen Sozialismus umgebaut. In erster Linie bedeutet dies eine oberflächliche Islamisierung mit Verschleierungsgebot, Alkohol- und Zinsverbot sowie einen umfangreichen Ausbau der sozialen Sicherungssysteme und des Bildungssektors. Die steigenden Einkünfte aus dem Rohölexport, insbesondere nach der Ölkrise 1973, schafften die finanzielle Grundlage der Revolution und Gaddafis Machtkonsolidierung. Seine politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen hat Gaddafi in dem Werk „ Das Grüne Buch“ niedergeschrieben, dessen drei Bände zwischen 1975 und 1979 erschienen.

Nähe zum Terrorismus und Konfrontation mit dem Westen

Eine Eigenart Gaddafis, die ihn schnell in Konfrontation mit dem Westen bringt, ist seine weltweite Unterstützung von Befreiungsbewegungen. Die Nutznießer von finanzieller und rüstungstechnischer Unterstützung reichten von der IRA über die Sandinisten in Nicaragua bis zum African National Congress (ANC) unter Nelson Mandela, der sich Gaddafi auch heute noch freundschaftlich verbunden fühlt. In den Achzigerjahren isolierte sich Libyen weiter durch die direkte Beteiligung an Terroranschlägen, etwa der Sprengung eines PanAm-Flugzeugs über Lockerbie, der Zerstörung eines französischen Passagierflugzeugs über Niger und dem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek La Belle. Der Tod zweier US-Soldaten bei dem Anschlag nahm die US-Administration unter Reagan zum Anlass, am 15./16. April 1986 Tripolis und Benghazi zu bombardieren. Unter den Opfern der Bombardements befand sich auch Gaddafis Adoptivtochter. Die Folgen des außenpolitischen Konfrontationskurses waren umfangreiche Wirtschaftsembargos durch die USA und die Vereinten Nationen.

Rehabilitierung seit den 90ern

Die internationale Isolation hat sich negativ auf die libysche Wirtschaft ausgewirkt. Vor allem der Ölindustrie schadeten die ausbleibenden Investitionen. Die resultierende Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, begann Gaddafis Herrschaftskonzept in Frage zu stellen. Ende der 90er Jahre leitete Gaddafi dann eine vollständige Kehrtwende in seiner Außenpolitik ein. Er ließ hohe Entschädigungen an die Hinterbliebenen der Opfer der Terroranschläge zahlen und lieferte die Lockerbie-Verdächtigen aus. Seine Abkehr vom Terrorismus demonstrierte Gaddafi außerdem im Jahr 2000, als er und sein Sohn Saif al-Islam maßgeblich an der Befreiung der westlichen Geiseln auf der phillipinischen Insel Jolo beteiligt waren.

Im Jahr 2003 legte Gaddafi überraschend ein libysches Atomprogramm offen, kündigte dessen Einstellung an und lud internationale Kontrolleure ein, dies zu bestätigen. Neben der Motivation, Libyen wieder in die Weltwirtschaft zu integrieren, dürfte Gaddafi bei diesem Schachzug auch das Schicksal des Saddam Hussein-Regimes im Hinterkopf gehabt haben, das 2003 durch eine Militärintervention der USA beseitigt wurde. Vor dem Hintergrund der steigenden Ölpreise und winkender Milliardenaufträge in der libyschen Ölindustrie zögerte der Westen nicht lange und rehabilitierte Libyen. Bereits 2004 gaben Tony Blair, Gerhard Schröder und Jacques Chirac ihr Stelldichein in Tripolis. Zwei Jahre später nahmen auch die USA diplomatische Beziehungen zu Libyen auf.

Wirrkopf oder Pragmatiker ?

Gaddafi ist ein Mann mit vielen Facetten. Er ist ein charismatischer Führer im klassischen Sinn und leitet dementsprechend einen großen Teil seiner Legitimation aus seiner Person und dem Kult um diese ab. Er verfügt über enorme Ausstrahlung, einen starken Sinn zur Selbstinszenierung und eine glänzende Rhetorik. Seine panarabischen und später panafrikanischen Visionen tragen zu seinem Prestige weit über Libyen hinaus bei. Und auch sein ehemals konsequenter Konfrontationskurs zum Westen hat ihm nicht nur in der eigenen Bevölkerung Respekt eingebracht. Im Westen herrscht ein Bild Gaddafis vor, das sich zwischen skrupellosem Terrorpaten und nicht ernstzunehmendem Exzentriker bewegt. Doch allein schon die Tatsache, dass er einer der dienstältesten Staatschefs der Welt ist, ist ein Beleg für seinen politischen Instinkt.

Im neuen Jahrtausend tritt ein neuer Zug Gaddafis hervor, ein ausgeprägter Pragmatismus. In kürzester Zeit hat sich Gaddafi international vom Paria zum begehrten Wirtschaftspartner gewandelt, ohne das Gesicht vor seiner Bevölkerung zu verlieren. Die resultierenden Impulse für die Wirtschaft werden Gaddafis Regime weiter festigen und den wahrscheinlichen Machtwechsel zu Gunsten eines seiner Söhne erleichtern. Es bleibt festzuhalten, dass sich hinter Gaddafis skurriler Fassade ein Machtmensch verbirgt, der es auf oft skrupellose Weise versteht, Elemente charismatischer Herrschaft, Autoritarismus und Flexibilität zu einem effizienten Herrschaftskonzept zu verbinden.

Lesen Sie demnächst bei /e-politik.de/ einen weiteren Beitrag in unserer Serie Staats- und Regierungschefs.


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