Mit Wattebällchen gegen den Klimawandel

Auf dem Weltverkehrsforum in Leipzig forderte Angela Merkel „Visionen“ im Kampf gegen den Klimawandel. Verkehrsminister, Wissenschaftler und Ingenieure aus 53 Ländern trafen sich drei Tage lang in der Messestadt, um die zentrale Frage zu diskutieren: Wie kann der weltweite Verkehr umweltfreundlicher werden? Von Petra Sorge

Groß waren die Erwartungen an das erste Weltverkehrsforum in Leipzig, sehr groß. „Ein Davos des Verkehrs“ wünschte sich Wolfgang Tiefensee, der deutliche Worte auf der OECD-Konferenz fand: „Meine Damen und Herren, es ist fünf nach zwölf.“ Der Verkehr verursacht 23 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes. Seit 1970 haben sich die klimaschädlichen Emissionen nahezu verdoppelt.

Das Weltverkehrsforum, das aus dem Treffen der europäischen Verkehrsminister hervorgegangen ist, befasste sich vom 28. bis 30. Mai mit den Herausforderungen zum Klimawandel. Die Erwartungen waren so groß, dass Tiefensee nach den ersten Diskussionen herausrutschte: „Wir sind nicht hier, um uns Wattebällchen über den Tisch zu pusten.“ Vielmehr gehe es um die Frage, was Industrie, Regierungen und Zivilgesellschaft beitragen könnten, um die schädlichen Wirkungen des Verkehrs auf das globale Klima zu reduzieren.

Merkel: Visionen und komplexes Denken gefragt

merkel_eingang.jpgProminente Unterstützung erhielt er von Kanzlerin Angela Merkel, die binnen einer Woche ihre visionären Klimaziele über den Erdball in Brasilien, Lima und Bonn verbreitet hat. „Der Klimawandel ist die spannendste Herausforderung im 21. Jahrhundert“, sagte sie und forderte ehrliche „Visionen“. „Das sagt sich aus dem Blickwinkel der Industrieländer einfacher als aus Sicht derer, die die Entwicklung noch vor sich haben.“ Dennoch seien „Beschimpfungen in die Vergangenheit“ unangebracht, bemerkte sie mit Blick auf die Auseinandersetzungen beim UN-Klimagipfel zur Artenvielfalt in Bonn.

Merkel forderte, den weltweiten CO2-Ausstoß auf vier Tonnen pro Kopf zu reduzieren. Perfekte Lösungen gäbe es natürlich nicht, ein „Perpetuum mobile“ auch nicht, wie das Problem der Biokraftstoffe zeigte. „Jede Maßnahme hat ihre Nachteile“, sagte sie und verlangte in Zukunft mehr „komplexes Denken“. Im nächsten Jahr soll in Kopenhagen ein Klimaschutz-Nachfolgeabkommen vereinbart werden.

Autozuwachs fünfmal schneller als Bevölkerungswachstum

Der Friedensnobelpreisträger Rajendra Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarats, warnte vor einer drastischen Klimaerwärmung. Um weitere 1,8 bis 4 Grad werde sich die Erde erwärmen, wenn die CO2-Emissionen sich nicht deutlich verringerten. Bis Ende des 20. Jahrhunderts, in nur vier Jahrzehnten, ist die Zahl der Autos in der Welt von 50 Millionen auf 580 Millionen gestiegen. Das ist ein fünffach schnelleres Wachstum als das der Weltbevölkerung. Und bis 2030 könnten sich Kosten und Energiebedarf für das Transportaufkommen um bis zu 80 Prozent erhöhen.

Ein Wattebällchen warf der finnische Philosoph Pekka Himanen an die Leinwand: Die Formel zur Rettung der Welt laute demnach F = C3. Die drei C’s stehen für Clean (Sauber), Care (Fürsorge) und Culture (Kultur). Die Menschen müssten bei der sauberen Entwicklung einbezogen werden, zudem sei Kreativität gefordert. Mit diesem „quasi-mathematischen Gesetz“ würde man bereits viel erreichen. Wenn nicht, dann mit Innovationen.

Innovationen zur Energierevolution

Elektroauto_Simulator1.jpgTechnische Innovationen – das ist auch der Schlüsselbegriff, um den sich die meisten Diskussionen drehten. Der Vorsitzende der Internationalen Energie-Agentur, Nobuo Tanaka, forderte eine „Energierevolution“. „Ohne einen revolutionären Wandel im Verkehrswesen werden wir eine Verringerung des Verbrauchs um 50 Prozent nicht erreichen können“, so Tanaka.

Unter dem Druck des hohen Ölpreises hat die Industrie in den vergangenen Jahren bereits kräftig gebastelt, um energieschonende Verkehrsmittel zu entwickeln. So präsentierten die Vertreter der Automobilbranche ihre immer ausgefeilteren Hybridautos mit einer Energieeffizienz von rund 44 Prozent. Ein durchschnittliches Benzinauto setzt nur etwa 15 Prozent der verbrauchten Energie um. Der Mann vom Transrapid stand ebenso auf der Messe wie die Herren aus Korea mit ihrer „Bimodal“-Tram. Eine von Brennstoffzellen betriebene, aerodynamische Mischform aus Straßenbahn und Bus, ohne Schienen, aber inklusive Haltestellen mit Sonnenkollektoren.

Chaos im europäischen Luftverkehr

Brennstoffzellen würden nach den Worten des Airbus-Vorsitzenden Thomas Enders bald auch in Flugzeugen erprobt werden können. Enders, der sich nicht als industrieller Großverschmutzer angeprangert wissen wollte, erwähnte, dass sich die Energieeffizienz in der Luftfahrt in den letzten 30 Jahren bereits auf 70 Prozent erhöht habe. Den schwarzen Peter schob er der Politik zu: „In Europa ist die Koordination des Luftverkehrs höchst ineffizient.“ Enders warb für ein einheitliches Flugmanagement im Single European Sky: „Mit einer besseren Infrastruktur könnte der Kohlendioxidverbrauch für jeden Flug um 10 Prozent reduziert werden“. Auch Angela Merkel sprach sich für die EU-weite Vereinheitlichung des Luftraumes aus, denn „diese Kleinstaaterei kostet uns sehr viel.“

Sex im Hybridauto

merkel_rednerpult.jpgÜberhaupt war die Einigkeit in den Diskussionen und Workshops überraschend. Das Klimaproblem müsse global gelöst werden, und nur in einem integrierten Ansatz von Industrie, Regierungen und Verbrauchern. Verkehr und Transport sollen in Zukunft ihre Abhängigkeit vom Öl verringern, Energie soll effizienter genutzt und der Ausstoß von CO2 wesentlich verringert werden. Tiefensee brachte es rhetorisch auf den Punkt: „Wir sind uns einig, dass wir Ziele setzen müssen. Wir wissen nur noch nicht, mit welchen Maßnahmen.“ Also doch viele Wattebällchen gepustet.

Einen bodenständigen Gedanken hat der finnische Philosoph Himanen ausgeführt: Letztlich sei es der Verbraucher, der über den Kauf eines teuren Hybridauto entscheide. Der Kapitalismus muss eben auch für die Umwelt funktionieren. Deshalb müssten vor allem Ideen und Symbole verändert, der Glaube an die Innovation gestärkt werden. Er rief den Ministern und Ingenieuren im Saal zu: „Wenn es eines Tages ein schickes Bild ist, in einem Hybridauto Sex zu haben, dann haben Sie es geschafft.“


Die Bildrechte liegen bei der Autorin und der OECD/ITF (Titel).


Weiterführende Links:

Weltverkehrsforum
Organisation for Economic Co-operation and Development
UN-Konferenz zum Klimawandel in Kopenhagen 2009
Weltklimarat


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