Mit Cello, Sonnenbrille und Sarkasmus

08. Mai 2008 | von Patrick Riordan | Kategorie: Politisches Kabarett

md_cello1_copy1.jpgDer Kabarettist Matthias Deutschmann präsentiert sein neues Programm „Die Reise nach Jerusalem“ im Münchner Lustspielhaus. Vor Zynismus triefend, alles andere als politisch korrekt genießt er es, sein Publikum zu spalten und zu verwirren. Tobias Oberndorfer und Patrick Riordan waren dabei.

Matthias Deutschmann ist seit 28 Jahren als Kabarettist unterwegs und wurde bereits mit dem Deutschen Kabarettpreis, dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Leipziger Löwenzahn ausgezeichnet. An diesem Abend präsentiert er in München das neueste von mittlerweile elf Soloprogrammen „Die Reise nach Jerusalem.“

Der rote Cellokoffer, der schon vor Beginn auf der Bühne steht, gibt nur Uneingeweihten Rätsel auf. Kenner wissen, dass Deutschmann seine Programme stets mit Cellospiel eröffnet, schließt und auch zwischendurch Kontrapunkte zum Text setzt. Nach der obligatorischen Ouvertüre beginnt Deutschmann seinen rasanten Ritt durch deutsche und internationale Politik und zieht sein Publikum von Anfang an mit.

Die Apokalypse auf Rädern

Nach ein paar kurzen Seitenhieben auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen wendet er sich dem Klimawandel zu. Seiner Ansicht nach hätte man sich die von Sänger Bono (U2) organisierten World Aid Konzerte auch sparen können, da an jenem Tag von Klimaerwärmung nichts zu spüren war. Als wollte die Natur mit Regen und niedrigen Temperaturen sagen: „Bono, lass mal stecken.“ Dem einen oder anderen bleibt an dieser Stelle das Lachen zum ersten aber nicht zum letzten Mal im Halse stecken.

Zur Entschärfung der Situation holt Deutschmann nun zum Rundumschlag in der deutschen Politik von Kohl über Beck und Fischer bis zu Merkel aus, wo er sich der ungeteilten Zustimmung der Zuschauer wieder sicher sein kann. Im selben Kontext schlüpft er in die Rolle des Beraters, den er im Verlauf des Abends noch öfter spielen wird, und mit der aufgesetzten Sonnenbrille wird auch der Humor tiefschwarz. Er findet, dass sowohl der zuletzt häufig kritisierte BND als auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble dringend Beratung nötig hätten. Die BND-Aktivitäten in Libyen und Liechtenstein sind seiner Meinung nach nur schlecht oder gar nicht von Beratern betreut worden. Da hätte man mehr draus machen können. Schäuble ist für ihn der absolute Beratungsnotfall, da er ständig von einem innen- und rechtspolitischen PR-Gau in den nächsten stolpert, oder rollt. Für Deutschmann ist das einfach nur noch die „Apokalypse auf Rädern.“

Die Reise nach Jerusalem

Deutschmann sagt zwar, dass er den Nahost-Konflikt nicht lösen wolle, ist sich aber dennoch nicht zu schade, einen „innovativen“ Lösungsvorschlag zu präsentieren: Mecklenburg an die Palästinenser und Vorpommern an die Israelis geben und damit Frieden in den Nahen Osten und Menschen in den leeren Osten zu bringen. Das Gesicht von Herrn Schäuble hätte er dann gerne gesehen.

Auch nach der Pause gibt Deutschmann den politischen Berater, diesmal jedoch mit Kunden aus den USA. Das Motto „just walk in and have some democracy“ für den Irak-Krieg hätte er als Bush-Berater nicht propagiert. Gerade im Bezug auf die Demokratie, „als ob man davon selbst zu viel hätte.“ Nach dieser Pointe legt er die Berater-Sonnenbrille ab und wird wieder zum Cellisten, der diesmal davon träumt, einmal in der al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem zu spielen. Und zwar als Teil des West-Eastern Divan Orchestra beim Abschlusskonzert des Friedensgipfels von Jerusalem.

Partisan und Parmesan, alles wird zerrieben

Die meiste Zeit hangelt sich Deutschmann – zwar sehr geschickt – durch so unterschiedliche Themen wie Klimapolitik, RAF, 68er, Alt-Nazis und Globalisierung, so dass der Bezug zum Thema aus dem Programmheft „Konflikt der Religionen“ verschwimmt. Was bleibt ist die Erinnerung an einen äußerst gelungenen Abend mit einer Mischung aus Musik, subtilem schwarzem Humor und einigen Dampfhammer-Pointen, gewürzt mit einem sehr gekonnten Spiel mit dem Publikum. Liebhaber des politischen Kabaretts werden voll auf ihre Kosten kommen, vor allem wenn sie sich von Deutschmanns Unkorrektheiten nicht abschrecken lassen.


Die Bildrechte für das Portrait liegen bei Sabine Schnell


Weiterführende Links:

www.matthiasdeutschmann.de

www.lustspielhaus.de


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