Letzte Chance für Frieden

Im Vorfeld des Münchner Abkommens 1938 plante eine militärische Verschwörung um Hans Oster den Sturz des NS-Regimes. Für Terry Parssinen war dies die letzte Chance zur Verhinderung des Zweiten Weltkriegs, die nur an der Nachgiebigkeit der britischen Regierung scheiterte. Von Andreas Morgenstern

Das Offizierskorps der deutschen Wehrmacht trägt mit seiner oftmals verbrecherischen Kriegführung große Mitverantwortung für die Untaten des nationalsozialistischen Regimes. Zwar beriefen sich viele Soldaten aller Rangstufen nach der Kapitulation auf die „Ehrenerklärung“ des damaligen Oberbefehlshabers der US-Armee General Dwight D. Eisenhower, dass die große Mehrheit der deutschen Soldaten keine Verantwortung für die vorangegangenen Gräuel trage, doch setzte sich in der internationalen Geschichtswissenschaft die Verurteilung der Wehrmacht durch. Einen Höhepunkt erreichte die Debatte dabei durch die Auseinandersetzung über die insbesondere in ihrer ersten Fassung umstrittene Wehrmachtsausstellung.

Ohne die Schuld der Verantwortlichen schmälern oder gar ignorieren zu wollen, wenden sich aber auch verschiedene Studien dem militärischen Widerstand gegen das Hitler-Regime zu. Hierbei verdankt die Forschung einer Reihe von Einzelstudien tieferen Einblick auf die Vorstellungswelt und die Handlungen der Widerständler. Im Mittelpunkt stehen dabei geradezu gesetzmäßig die Beteiligten des 20. Juli 1944, nicht zuletzt weil diese auch als Vorbilder der späteren demokratischen Bundeswehr auserkoren wurden. Andere Oppositionelle blieben in deren Schatten, insbesondere wenn sie nicht durch so eine spektakuläre Aktion wie den versuchten Tyrannenmord ihren Weg ins gesellschaftliche Gedächtnis fanden.

An diesem Punkt setzt der US-amerikanische Historiker Terry Parssinen, Professor an der University of Tampa, mit seiner Studie Die vergessene Verschwörung an. Eine Studentin habe ihn gefragt, wann die letzte Chance zur Verhinderung des Zweiten Weltkriegs bestand, wann man Adolf Hitlers Weg in die Vernichtung von Millionen Menschen noch hätte stoppen können. Nach umfangreichen Recherchen lautet seine Antwort: 1938 waren deutsche Offiziere nicht nur bereit, sondern besaßen auch einen akribisch ausgearbeiteten Plan, den Diktator zu entfernen und durch einen Militärputsch das NS-Regime einstürzen zu lassen. Parssinens Darstellung basiert in weiten Teilen auf den Erinnerungen verschiedener Beteiligter. Darüber hinaus konnte er erstmals auf die bisher nicht veröffentlichten Aufzeichnungen des in den 1930er Jahren in Deutschland forschenden US-Historikers Harold Deutsch, einem anerkannten Experten für die Militärgeschichte jener Zeit, zurückgreifen.

Militärische und Moralische Gründe

Im Zentrum der Darstellung steht Hans Oster, Leiter der Zentralabteilung im Amt Canaris, dem Abwehrdienst der Wehrmacht. Oster habe zunächst die Politik nationaler Stärke begrüßt, insofern lag er auf einer Linie mit der Mehrzahl der Reichswehrangehörigen, die die „Fesseln von Versailles“ endlich abstreifen wollten, begann sich aber nach dem Röhm-Putsch, von ihm als „Methoden einer Räuberbande“ verurteilt, vom System zu distanzieren. Auch sei in Oster die Empörung über die immer stärkere Diskriminierung der Juden gewachsen. Mithin sieht Parssinen die Motive für die Verschwörung Osters in einer Mischung aus militärischen und moralischen Beweggründen.

Eine militärische Frage sollte dann jedoch den Anlass zur konkreten Umsturzplanung bringen: Im November 1937 erklärt Hitler gegenüber der Generalität sein Ziel der Zerschlagung der Tschechoslowakei, mit größter Wahrscheinlichkeit gleichbedeutend mit dem Beginn eines neuen Krieges mit Frankreich und Großbritannien. Den Widerspruch seiner führenden Militärs Minister Werner Blomberg und Heereschef Werner Fritsch beantwortet Hitler mit der intriganten Ablösung beider (Blomberg-Fritsch-Krise). Hitler ist nun auch der oberste Soldat des Regimes. Den Verschwörern, neben Oster u.a. Generalstabschef Ludwig Beck und die Diplomaten Erich und Theo Kordt, wird klar, dass eine Aktion nur mit der vollen Unterstützung des Oberkommandos der Wehrmacht und von einem Kommandeur des Wehrkreises Berlin, der die Festsetzung der wichtigsten NS-Machthaber veranlassen könnte, Erfolg haben kann.

„München“ bringt das Scheitern

Eine grundlegende Bedingung hierfür ist eine harte Haltung der westlichen Großmächte. Sollten sie einen deutschen Angriff auf die Tschechoslowakei, also einen offenen Bruch des Versailler Vertrags, als casus belli betrachten, dann sei die Existenz des Deutschen Reiches gefährdet und der Anlass für eine Aktion gegen die NS-Führung gegeben. Parssinen drückt das in den Diktum aus: „Das Schicksal der Verschwörung entschied sich in London.“ Entsprechend beschreibt er die diplomatischen Bemühungen der Verschwörer, der britischen Regierung ihre Bereitschaft zum Umsturz und damit Sicherung des Friedens zu vermitteln. Die Appeasement-Politik von Premierminister Neville Chamberlain und zunächst auch seines Außenministers Lord Halifax kulminiert jedoch im Münchner Abkommen, welches das von Hitler beanspruchte Sudetenland und damit auch die tschechoslowakischen Grenzbefestigungen dem Deutschen Reich ausliefert.

Der Plan der Verschwörer ist damit zerschlagen; ohne konkrete Kriegsgefahr kann ein Militärputsch gegen die NS-Führung nicht die notwendige Unterstützung in der Wehrmacht finden. Hitler steuert dennoch auf einen Kriegsausbruch zu. Wenige Monate später marschieren seine Truppen vertragswidrig in die „Rest-Tschechei“ ein und am 1. September 1939 bedeutet der Angriff auf Polen das endgültige Friedensende. Die Appeasement-Politik ist gescheitert, doch nun fehlen die Rahmenbedingungen für einen Militärputsch. Nach einem weiteren Jahr Hochrüstung der Wehrmacht, dem Wegfall eines starken Gegners wie der Tschechoslowakei und der gebannten Gefahr eines Zweifrontenkriegs durch den Hitler-Stalin-Pakt findet sich diesmal nicht das für einen erfolgreichen Putsch nötige breite Bündnis von Offizieren an den entscheidenden Positionen.

Hier setzt aber einer der beiden Kritikpunkte an der sehr spannend und teilweise geradezu minutiös ausgearbeiteten aussagekräftigen Studie an: Parssinen bringt den Erinnerungen der Verschwörer sehr großes Vertrauen entgegen, gehören dazu doch auch die Aufzeichnungen zwielichtiger Persönlichkeiten, wie dem „alten Kämpfer“ Hauptmann Friedrich Wilhelm Heinz, deren Gründe wohl eher in schlichten Rachegelüsten lagen und darüber hinaus hoffte mancher Autor mit der Betonung widerständigen Verhaltens, die eigenen Karrierechancen im Nachkriegsdeutschland zu verbessern. Inwieweit persönliche Färbungen der Autoren damit die Argumentation Parssinen beeinflusst haben, muss offen bleiben. Außerdem erschwert die Eigenart Parssinens, wichtige Informationen in den Endnoten zu verstecken, die Nachvollziehbarkeit seiner Argumentation. Zugleich baut er so einen Spannungsbogen auf, der sich gerade gegen Ende hin regelrecht zu einem Krimi steigert. Dessen ungeachtet besteht Parssinens Verdienst darin, die Erinnerung an diesen konkreten Versuch, den „Führer“ zu stürzen, damit Europa von der Kriegsgefahr und Deutschland von der NS-Herrschaft zu befreien, vor den drohenden Schatten des Vergessens bewahrt zu haben.

Die Namen zahlreicher Auguren sollten später auch wieder im Umkreis der Verschwörer des 20. Juli auftauchen. Dass gewissenhafte Offiziere wie Oster, Beck, Friedrich Olbricht und Erwin von Witzleben oder Politiker wie Hans von Dohnanyi und Carl Friedrich Goerdeler ein zweites Mal scheitern und das dann mit ihrem Leben bezahlen sollten, gehört zu den tragischsten Kapiteln deutscher Geschichte.

Parssinen, Terry,
Die vergessene Verschwörung. Hans Oster und der militärische Widerstand gegen Hitler,
(2008), Siedler-Verlag, München,
288 S., ISBN 978-3-88680-910-3, 22,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Siedler-Verlag. Der Verlag im Internet


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