Leben ohne Würde?

Giorgio Agamben hat mit seinem Werk Homo Sacer (dt. in etwa nackter Mensch) bestimmte Prämissen der politischen Moderne in Frage gestellt. Das Konzept der nationalen Souveränität degradiere das Individuum zu einer entrechteten biologischen Figur. Von Christoph Rohde

Giorgio Agamben, italienischer Philosoph, hat mit seinem Werk Homo Sacer – Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, eine knallharte Kritik an der modernen vertragstheoretischen Philosophie vorgelegt. Den grenzziehenden Charakter des Souveränitätsbegriffs, am deutlichsten formuliert von Carl Schmitt in seinem Freund-Feind-Paradigma, macht er für viele inhumane Praktiken der Weltpolitik verantwortlich.

Nacktes Leben

Mit Homo Sacer beabsichtigt Agamben, das Foucaultsche Konzept der Biopolitik zu ergänzen bzw. zu erweitern. Die Biopolitik formuliere die Vorstellung, dass der Mensch als nacktes Leben gesehen werde – ohne Würde und weitere Rechte. Aber erst die rationale Verwaltungswissenschaft des modernen Staates degradiere Menschen zu statistischen Kennziffern, zu abstrakten Nummern. Antike Denker hatten die menschliche Existenz hingegen in ein reines animalisches (Über-)Leben (zoe) und ein gelungenes Leben (bios) eingeteilt und die Existenz somit an Qualitätsmerkmale gekoppelt. Für sie waren Arbeiter und Handwerker für die Stillung der körperlichen Bedürfnisse im Haus (oikos) zuständig – das qualitativ hochwertige Leben fand in der Polis, dem Stadtstaat, statt.

In der neuzeitlichen Philosophie droht diese Einteilung bis zur Unkenntnis zu verschmelzen. Die Folge ist, dass das universelle Recht auf ein menschenwürdiges Leben ausgehebelt wird. Paradoxerweise stellt für Agamben die Entwicklung hin zum modernen Nationalstaat mit seinem Souveränitätsverständnis einen gedanklichen Vorgriff auf eine Gesellschaft der Ausgrenzung, Diskriminierung und der Enthumanisierung dar. Der Mensch werde der Willkür eines rechtskräftig eingesetzten Souveräns ausgesetzt und dadurch in einen diffusen Zustand zwischen Überleben und würdelosem Leben hinein katapultiert. Radikal ist die These, dass die Entstehung des Konzentrationslagers im Grunde eine fast logische Folge der Entwicklung unserer „demokratischen“ Zivilisation ist.

Der Begriff Homo Sacer

Für den Laien ist der Abschnitt über die philosophische Genese des Souveränitätsbegriffs schwer zu verstehen. Wichtig an Agambens Argument ist die Vorstellung, dass die Souveränität zu einem gefährlichen Instrument werden kann, in welchem das Menschenrecht kaum eine Chance gegen formalisiertes Recht habe.

Für Agamben (Foto links) wird das nackte Leben zum eigentlichen Subjekt der Moderne. Die Figur des nackten Lebens ist dem archaischen römischen Recht entlehnt und personalisiert sich in der Figur des Homo Sacer: Dieser durfte von Rechts wegen zwar getötet, aber nicht geopfert werden. Damit wird der Tötungsakt selber wieder sinnfrei. Die Person des Homo Sacer stellt für den italienischen Philosophen jedoch eine Figur dar, die die Grenze zwischen dem ungeschützten, nackten Leben und dem rechtlich eingewurzelten Leben verkörpert. Was bleibt, sind nackte Subjekte, die der Willkür eines Souveräns ausgesetzt sind.

Permanenter Ausnahmezustand

Wieder Bezug nehmend auf Foucault geht Agamben von einer Legitimationskrise des westlichen Technokratiestaates aus. In einem bisher unerreichten Maße würden in diesem durch staatliche Willkür subjektive Individualitätstechniken und totalitäre Objektivierungsansprüche miteinander verbunden.

Die Folgen der Naturbeherrschung des Menschen fanden an der inneren Natur desselbigen keine Grenzen mehr, so Agamben, so dass die inhumanen Fortschrittstationen in Verdun und Auschwitz sowie im GULag ihre traurigen Höhepunkte erfuhren. Aber auch die künstliche Erhaltung von Leben durch Maschinen kritisiert der italienische Philosoph vehement.

Agamben geht davon aus, dass der politische Souverän durch eine verstetigte Proklamierung von Ausnahmezuständen einen dauerhaften Eingriff in die individuelle Sphäre der Gesellschaftsmitglieder erreicht. Die Institution des Lagers, sogar des Konzentrationslagers, verkörpere die Vergegenständlichung dieser Entwicklung. Die Kasernierung politisch nicht erwünschter Flüchtlinge führt dazu, dass weite Teile der Menschheit als Nicht-Staatsbürger vom Genuss der Menschenrechte ausgeschlossen werden.

Flüchtlingsschicksale und Lagerinsassen

Wirklich interessant werden die Implikationen der Agambenschen Philosophie für die Weltpolitik. Die Einteilung der Welt in exkludierende Staaten muss von Agamben als Quelle der Entwurzelung von Menschen gelten. Nicht explizit, aber implizit muss dahinter die Forderung nach einem materialisierbaren Weltbürgerrecht stehen. Denn wie gesagt werden Grenzziehungen und damit verbundene Nationalismen von Agamben als die Wurzelsünde der Politik verstanden. Beispiele von Flüchtlingsschicksalen, Folterungen und heimatlosen Existenzen demonstrieren das zunehmende Vakuum, das in einem rechtsfreien Raum entstehen kann. Viele Krisen, politische Umbrüche und Klimakatastrophen führen zur Notwendigkeit der Einführung zumindest minimaler Rechtsansprüche für Menschen, da die Zahl entwurzelter Menschen beständig steigt. Die Idee des Gewaltmonopols degeneriert bei Agamben in vielen Fällen zu perversen Verfolgungen und der Vernichtung von Minderheiten. Schutzräume für Heimatlose stehen nicht zur Verfügung.

Schwer zu entziffernde Paradoxien

Verständlich für eine breitere Öffentlichkeit ist lediglich Teil III der Abhandlung „ Das Lager als biopolitisches Paradigma der Moderne“. Das Verständnis der gesamten Trilogie bleibt einem illustren Publikum vorbehalten, da leider eine strukturierende Einleitung durch einen Fachmann fehlt. Der Leser wird zu schnell in gedanklich schwieriges Terrain geführt und findet den Faden nur mit größter Mühe.

Philosophisch etwas einseitig werden Differenzen immer gleich zu Antinomien hochgeschaukelt. Dies ist durch die intensive Rezeption des Gedankengebäudes von Carl Schmitt mit bedingt. Agamben vergisst zu erwähnen, dass ein konstruktiver Nationalismus und supranationale Elemente durchaus miteinander zu vereinbaren sind. Mehr noch: wie die Bürger der Europäischen Union beweisen, sind nationale Legitimationsverfahren nach wie vor erwünscht, wenn sie durch relativ durchlässige Grenzen ergänzt werden. Durch ein solches Modell kann Agambens Philosophie entdramatisiert werden. Dennoch ist Agambes provokatives Werk ein zentraler Beitrag in der Debatte um ein universelles, nicht partikular gebundenes Menschenrecht. Homo Sacer ist neben einschlägigen Fachvertretern Interessierten mit philosophischen Vorkenntnissen zu empfehlen.


Agamben, Giogio,
Homo Sacer – Die Souveränität der Macht und das nackte Leben,
(2007), Frankfurt/M., Edition Suhrkamp.
224 S., 2. Auflage. ISBN 978-3518120682, 10,00 Euro


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